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Nachspiel | Beitrag vom 17.02.2019

Kulturmarathon Lauf das Bauhaus

Helmut Krauß im Gespräch mit Jörg Degenhardt

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Teilnehmer des 29. Frankfurt Marathon laufen am Sonntag (31.10.2010) durch die Innenstadt von Frankfurt am Main. Insgesamt beteiligten sich nach Veranstalterangaben mehr als 12.000 Läuferinnen und Läuder an dem Sportspektakel, das als ältester deutscher Stadtmarathon gilt.  (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Kulturstopps inklusive: Beim Bauhaus-Marathon geht es um mehr als Sport. (Symbolbild) (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Das Bauhaus-Jubiläum wird Ende April auch mit einem Marathon gefeiert. Dessen Erfinder Helmut Krauß erzählt im Gespräch, wie er Kultur und Laufen zusammenbringt und warum der Bauhaus-Lauf sich gut als Marathon-Debüt eigne.

Jörg Degenhardt: Der 100-Jahre-Bauhaus-Marathon – ausgedacht hat sich das Ganze Helmut Krauß. Er ist jetzt im Studio, natürlich selbst ein Marathonläufer. 15 Mal Berlin-Marathon, oder wie viele waren es?!

Helmut Krauß: Letztes Mal das sechzehnte Mal.

Die Bauhäusler turnten einst auf den Ilmwiesen

Degenhardt: Wir haben es gerade gehört aus dem Munde von Uta Pippig. Sie meinte, wer die Idee zu diesem Lauf hatte, der müsse ein Genius sein, ein Genie. Sind Sie das?

Krauß: Also, da möchte ich mich ein bisschen zurückhalten. Die Idee kam mir bei einem meiner Läufe durch Belvedere, eine der schönen grünen Lungen um Weimar herum, wo ich auf den Namen Feininger stieß und dachte, Mensch, 2019, da ist etwas, was einer besonderen Würdigung bedarf, und die Besonderheit, Sport mit Kultur zu kombinieren, diese Idee kam mir tatsächlich beim Laufen, wo immer der Kopf so schön frei ist.

Helmut Krauß steht vor einer schneebedeckten Landschaft und schaut freundlich in die Kamera (Helmut Krauß)Hatte Idee, Menschen entlang der Bauhaus-Geschichte laufen zu lassen: Helmut Krauß (Helmut Krauß)

Degenhardt: Bauhaus und Sport – wo ist denn da die Verbindung?

Krauß: Ich schrieb damals einen Brief an den Direktor der Klassikstiftung, Herrn Seemann, und hatte eigentlich die Bauhäusler als aktive Sportler gar nicht so auf dem Schirm, und dann kam ein begeistertes Schreiben zurück, ja, die Bauhäusler auf den Ilmwiesen haben immer Gymnastik gemacht und sich da ertüchtigt, weniger im Laufen, aber doch Sport hatte im Grunde genommen gymnasial eine Bedeutung für sie. Das gab mir dann eigentlich weiter die Motivation, an der Idee weiterzuarbeiten und zusagen, Bauhaus mit Kultur und Sport vereint, das könnte etwas werden.

Degenhardt: Ich bin kein Marathonläufer, deswegen sei mir die etwas ketzerische Frage gestattet: Also entweder ich laufe eine Strecke – muss ja nicht immer gleich Marathon sein – oder ich genieße Kultur. Ich kann über Kopfhörer Musik hören. Ist ja in gewisser Form auch Kultur, die mir dann vielleicht noch ein bisschen mehr Beine macht, aber warum soll ich beides wollen auf einmal?

Krauß: Es ist klar, dass wir in diesem Jahr das 100-jährige Jubiläum der Kunstschule feiern und es eine Menge Leute gibt, die wie ich eigentlich zweierlei ticken, also einmal die Affinität zur Kultur haben, aber sich auch gerne bewegen. Genau die wollen wir eigentlich damit ansprechen, die sagen, okay, für mich ist dieser Lauf etwas Besonderes, meine Bestzeit werde ich da nie laufen, aber der Charme in der Verbindung, anzuhalten, dort, wo es mir gerade spontan einfällt, wo ich Jazz hören will oder Pilatesübungen machen möchte, das ist eigentlich der Anreiz, der mich nach Weimar führt an diesem Tag.

Neun "Kulturauszeiten" entlang der Laufstrecke

Degenhardt: Wir haben gerade schon von den Kulturauszeiten gehört. Können Sie uns kurz, sodass das alle nachvollziehen können, dieses intelligente Zeitmesssystem erklären?

Krauß: Also es gibt insgesamt neun Kulturauszeiten an der Strecke, die irgendwo einen Bezug zum Bauhaus haben. So ein bisschen ist auch die Idee dahinter, es gab einen Protagonisten, Lyonel Feininger, der mit Rad und Zeichenblick damals zur Zeit des Bauhaus die Umgebung abfuhr und Gelmeroda, Vollersroda als wichtige Standorte zu Papier brachte, und dort an den Punkten, wo man einkehren kann, wo es Kulturauszeiten gibt, liegen Zeitmatten. Das heißt, der Chip am Schuh misst die Zeit. Wenn ich drüber laufe, hält sie an. Ich höre mir ein Jazzkonzert an, gehe durch die Bauhaus-Uni zum Beispiel, ins Direktorenzimmer von Gropius.

Degenhardt: Das mache ich dann in Laufkleidung.

Krauß: Das mache ich in Laufkleidung. Darin liegt eigentlich auch der Charme, genau: verschwitzte Leute in Kulturstätten. Nach Genuss der Kultur steige ich wieder ein, laufe über eine Matte, das heißt, der Chip nimmt die Zeit wieder, sodass am Ende die reine Nettozeit zu Buche schlägt.

"Die Hardcore-Marathonis werden durchrennen"

Degenhardt: Wir haben schon gehört, es geht nicht um Bestleistungen.

Krauß: Es geht nicht um Bestleistungen, es geht um Entschleunigung. Vieles wird sicherlich auch spontan von dem einen oder anderen wahrgenommen, je auch nach Tagesform. Uns ist natürlich auch bewusst, dass die richtigen Hardcore-Marathonis vielleicht Kultur gar nicht auf dem Schirm haben, sondern durchrennen.

Degenhardt: Die können auch durchlaufen.

Krauß: Die können durchlaufen. Also, wir haben keine Forderung, dort und dort muss man anhalten. Natürlich sollte derjenige oder diejenige, die einen Stopp einlegen, wissen, es gibt auch ein Zeitfenster, was sie irgendwo erfüllen müssen.

Degenhardt: Sie bieten auch verschiedene Strecken an. Man muss nicht die vollen 42 Kilometer durchlaufen.

Krauß: Ja, Bauhaus-Marathon ist immer ein bisschen irrtümlich auf die 42 Kilometer ausgeschrieben, aber es gibt natürlich auch die Hälfte oder, was auch so ein bisschen einen gemeinschaftlichen Gedanken mitbringt, in einer Staffel zu laufen, jeder ungefähr zehn, gut zehn Kilometer, und am Ende kann man dann abends auf der Läuferparty sich austauschen und sagen, Menschen, wie hast du das genossen, was fandst du klasse, oder wo fiel es dir schwer. Ich setze eigentlich auf das Format am meisten.

"Das könnte ein Zeitpunkt für den ersten Marathon sein"

Degenhardt: Wie sieht denn Ihre Zielgruppe aus?

Krauß: Alles Leute zwischen 16 und 96, sage ich mal, die Lust auf Bewegung haben, aber auch sagen, Mensch, ich lasse mich auf so einen Kulturtrip gerne ein.

Degenhardt: Das könnte ja auch der Zeitpunkt sein für den ersten Marathon, den man sich überhaupt im Leben gönnt, weil man zwischendurch entsprechende Pausen machen kann.

Krauß: Ja, das ist natürlich eine sehr mutige Formulierung. Ich denke, ein bisschen Lauferfahrung sollte man mitbringen, aber mit viel Zwischenraum, mit viel Einkehr kommt man auch gut ins Ziel.

Degenhardt: Herr Krauß, ab wann würden Sie von einem Erfolg des Bauhaus-Marathons sprechen? Wie viele Läuferinnen und Läufer müssen an den Start gehen? 3000?

Krauß: Also wir sind ganz realistisch. Wir träumen von 1500 bis 2000.

Degenhardt: So bescheiden?

Krauß: Ja, alles, was drüberkommt, das freut uns sehr und wird natürlich auch eine gewisse Euphorie auslösen, aber ich denke, 2000 ist eine Zahl, an die können wir uns rantasten.

Degenhardt: Das Ganze klingt ja nach einem Experiment. Sowas hat es vorher nicht gegeben. Kann man jetzt schon überlegen, ob es eine Fortsetzung gibt, oder gehen Sie davon aus, das ist eine einmalige Geschichte, die auch schiefgehen kann?

Krauß: Es ist ein einmaliges Lauferlebnis. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Format, was Sport und Kultur miteinander in Verbindung bringt, sicher bei anderen Jubiläen auch greifen kann. Ob das 2020 beim Beethoven-Jubiläum nach dem Motto: Beethoven to go oder zur Bundesgartenschau in Erfurt in zwei Jahren dann sich mal verwirklichen lässt, indem man verschiedene Parts miteinander vernetzt, das stelle ich so ein bisschen dahin, aber könnte mir vorstellen, dass dieses Konzept in Zukunft auch mehr ansprechen wird.

Gespräch mit der Marathon-Teilnehmerin Uta Pippig

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