Kulturkampf ums Einfamilienhaus

Lebenstraum und Spießerhölle

30:05 Minuten
Hinter einer Wiese ist eine Siedlung aus sehr ähnlich aussehenden Einfamilienhäusern zu sehen.
Noch immer wird weitergebaut, am Traum von den eigenen vier Wänden. © imago / Christian Thiel
Von Christoph Spittler · 16.11.2021
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Für die einen sind die langen Reihen Fertighäuser in Neubausiedlungen ein ästhetischer Graus. Andere kritisieren sie als ökologisch höchst fragwürdig. Trotzdem ist der Traum vom eigenen Häuschen nicht totzukriegen und wird vehement verteidigt.
Das eigene Einfamilienhaus in der vorstädtischen Neubausiedlung: Das war das große Lebensglücksversprechen im Wirtschaftswunderdeutschland. Und der Gegenentwurf zum kollektiven Wohnungsbau in der DDR. "Wenn wir die Eigentumsfreudigkeit unserer Familien nicht mehr ermutigen und fördern, werden wir auf die Dauer eben diesem kollektivistischen System, das aus dem Osten drohend vor uns steht, nicht wirkungsvoll begegnen können“, verkündete der spätere Bauminister Paul Lücke 1954 im Deutschen Bundestag.
"Die Idee der Familie, die in einem suburbanen Einfamilienhaus lebt, ist eng verbunden mit einer eigentlich relativ kurzen historischen Phase in Westdeutschland, mit der Phase des historischen Wachstums nach dem Zweiten Weltkrieg, in der das Ideal war, dass es einen Mann gibt, der das Familieneinkommen verdient. Dazu war erforderlich, dass die Frau zu Hause bleibt und die Kinder betreut“, so die Kulturanthropologin Elisabeth Timm von der Universität Münster.
Nach der Wende setzte der Bauboom auch in den neuen Bundesländern ein. Mittlerweile gibt es 16 Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland. Jedes Jahr werden 100.000 weitere gebaut. Die Immobilienpreise in Deutschland sind allein im vergangen Jahr um über zehn Prozent gestiegen.

Partykeller-Psychose und Spießerhölle

Aber im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte ist das Häusle irgendwann auch zum lustvoll ausgemalten Spießerhorror-Symbol schlechthin geworden. Heimstatt der kaputten heteronormativen Kernfamilie, Festung aus industriellen Fertigbauteilen, Brutstätte für kapitalismusinduzierte Partykeller-Psychosen, versteckt hinter gusseisernen Baumarkt-Gattern, Buchsbaumhecken oder steinernen Gabionenzäunen. Alles falsch und hässlich.
"Man kann durch so eine Straße fahren und sagen: Ist das spießig, die Häuser sehen alle gleich aus“, räumt die 48-Jährige Hausbesitzerin Juliane ein, die sich ursprünglich auch kein Leben in der Einfamilienhaus-Neubausiedlung vorgestellt hat, sondern in einem „romantischen älteren Haus“.
Schwarzweißfoto eines elegant gekleideten Ehepaares, das in den 1950er Jahren im Wohnzimmer eines Einfamilienhauses sitzt.
Lottogewinner im eigenen Häuschen: Der Traum vom Leben im suburbanen Einfamilienhaus stammt aus der Nachkriegszeit.© picture alliance / Günter Bratke
Inzwischen ist sie damit versöhnt: "Wenn ich nach Hause komme und keiner ist da, dann ruf ich einmal ganz laut: Hallo Haus. Weil ich mich so freue, dieses Haus haben zu können." Und das Klischee der Spießerhölle sei zwar nicht ganz falsch, aber man könne das auch anders sehen. „Es gibt tatsächlich hier einen Nachbarn, der einen wahnsinnig schönen, sehr pflegeintensiven englischen Rasen hat. Da sitzt du wirklich jedes Wochenende mit der Kuchengabel auf dem Rasen und pflückst das Unkraut raus. Da kann man sich drüber lustig machen, man kann das aber auch annehmen und sehen, dass es Menschen gibt, denen das wichtig ist."
Die Kritik am Einfamilienhaus, ihre Schilderung solcher Wohngebiete als „öde Wohnecken, in denen Jugendliche, die was unternehmen wollen, stundenlang auf Busse warten“, sie sie so alt wie „das Einfamilienhaus selbst“ und mittlerweile Teil der Populärkultur, sagt Timm.  

Die Arbeiter vom politischen Kampf abhalten

Allerdings haben die, die so draufhauen, oft eine recht behütete und gut ausgestattete Kindheit in Einfamilienhäusern hinter sich und all die Häme hat die Idee kaum beschädigt. Schließlich sei jedes für sich stehende Haus – ob nun in Fertigbauweise oder als Entwurf eines Architekten entstanden – dem Vorbild oder Ideal eines Adels- oder Ladsitzes abgeguckt, betont die Kulturanthropologin. „Diese repräsentative Art des Wohnens ist aufgegriffen worden vom aufsteigenden Bürgertum, und dann popularisiert worden, beispielsweise durch die Gartenstadtbewegung. Das kennen wir auch aus dem Sozialwohnungsbau, den Unternehmen betrieben haben. Das waren Kleinhaussiedlungen für die Arbeiterschaft, die eine viel bessere Wohnsituation geboten haben als furchtbar überbelegte Mietskasernen. Diese Kleineinzelhaus-Siedlungen hatten aber auch immer die Idee, die Arbeiter und die Arbeiterin vom politischen Kampf für ihre Interessen abzuhalten. Sie sollten nicht in die Kneipe gehen, nicht in den Arbeiterverein, wenn sie ein kleines Häuschen haben mit Garten, in dem man es auch gut aushalten kann."
Trautes Heim, Glück allein: So entstehen auch heute noch – meist in Fertigbauweise – immer neue Varianten eines zu Stein gewordenen Lebenstraums. „Flair 152 RE spiegelt mit seinen klaren Linien das urbane Lebensgefühl seiner Bewohner wider“, heißt es in der Werbung für das meistverkaufte Haus Deutschlands.
Die Kritik an einer solchen normierten Bauweise kann Jürgen Dawo, Gründer und Inhaber der Massivhausfirma Town & Country, nicht verstehen. Schließlich gebe es unzählige Varianten und Konfigurationen, die sich die Kundinnen und Kunden aussuchen können. Der ist so individuell anpassbar, dass da unter dem Strich gar kein anderes Haus rauskommt, als wenn der Architekt das baut." Die Kritik an der schlechten Architektur und dem grauenhaften Geschmack der Einfamilienhausbesitzer finde sich zuhauf in den Feuilletons, räumt auch die Kulturanthropologin Timm ein. „Das ist aber eigentlich nur eine ganz kleine Facette der Sache und die Debatte von einer Ästhetik-Avantgarde."

Einfamilienhaus gilt als ökologisch fragwürdig

Doch in den letzten Jahren bekommen die Kritiker auch noch ökologische Munition. Das nach wie vor populäre Einfamilienhaus ist ein Klimakiller. Es leistet der Flächenversiegelung Vorschub, ist energetisch ineffektiv und sowieso untrennbar mit der automobilen Gesellschaft verbunden. Denn ohne ein bis zwei Autos im Carport funktioniert es kaum als Lebenspraxis. Kann man auf diese Steine noch bauen?
Doch wer es wagt, die Kritik laut und deutlich zu äußern muss sich auf massive Gegenwehr gefasst machen. Diese Erfahrung musste zumindest der Leiter des Bezirksamts Hamburg-Nord, Michael Werner-Boelz von Bündnis 90 / Die Grünen machen. Als er in einem Interview bekannt gab, dass in neu entwickelten Baugebieten keine Einfamilienhäuser mehr ausgewiesen werden, hier es: „Beliebt, aber bald verboten: das Ende des Einfamilienhauses“. Von dieser etwas reißerischen Überschrift hätten alle anderen Medien abgeschrieben, berichtet Werner-Boelz.  „Das stimmt natürlich nicht. Dort, wo es gültige Bebauungspläne gibt, können weiterhin Einfamilienhäuser beantragt werden, und im Bestand kann man natürlich weiterhin Einfamilienhäuser erwerben – was aber richtig ist, dass wir dort wo wir neue Baugebiete entwickeln, eben keine Einfamilienhäuser mehr ausweisen, sondern nur noch Geschosswohnungsbau."
Trotzdem entlud sich über den Kommunalpolitiker ein Shitstorm: "Ich wurde als grüner Verbieterich bezeichnet, ich habe auf meinem Facebook-Account wüste Beschimpfungen erfahren, unter anderem auch eine ausgesprochene Bedrohung gegen mich, dass ich ins Fadenkreuz gelangt wäre, und sobald ich mein Haus durch die Tür verlassen würde, müsste ich vorsichtig sein. Das war eine sehr offen ausgesprochene Bedrohung, die ich dann auch zur Anzeige gebracht habe."

Es sprachen: Ilka Teichmüller und Romanus Fuhrmann
Ton: Martin Eichberg
Regie: Frank Merfort
Redaktion: Martin Hartwig

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