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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.03.2020

Künstlerexistenz und Coronavirus Kulturrat fordert Notfonds für Künstler

Ulrich Khuon und Olaf Zimmermann im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Leere Sitzreihen in einem Theater: braun gepolsterte Stühle vor hellgrauer Wand (Tyler Callahan / Unsplash.com)
Kultur in der Zwangspause: Aufgrund des Coronavirus werden viele Veranstaltungen abgesagt, Theater bleiben leer. (Tyler Callahan / Unsplash.com)

Lesungen fallen aus, Premieren platzen – wegen des Coronavirus' hagelt es Absagen. Die Präsidenten von Bühnenverein und Kulturrat sprechen über die Folgen. Olaf Zimmermann fordert Hilfe für Künstler: Denn die lebten ohnehin prekär und ohne Rücklagen.

Die Berliner Senatskulturverwaltung hat wegen der Bedrohung durch das Coronavirus entschieden, Aufführungen in den großen Sälen der Berliner Theater bis 19. April vorsorglich zu untersagen. Damit sind unter anderem die Vorstellungen der Staatsoper Unter den Linden und die Vorstellungen auf den großen Bühnen des Konzerthauses Berlin, des Maxim Gorki Theaters, der Schaubühne und des Deutschen Theaters abgesagt. Die geplanten Aufführungen in den kleineren Spielstätten sollen unter Vorbehalt stattfinden.

Aufführungen fallen ersatzlos aus

Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon, findet die Entscheidung plausibel. Die Politik habe weder zu schnell noch zu langsam gehandelt hat und die einzelnen Theater in ihre Entscheidung mit einbezogen. Auch sein Haus werde die große Bühne bis zum 19. April nicht bespielen. Der Betrieb auf den kleineren Bühnen werde vorläufig weitergehen, ebenso wie die Arbeit auf den Probebühnen.

Falls es am 19. April weitergehen sollte, werde man die ab dann geplanten Stücke auf die Bühne bringen. Man werde also nicht alles über den Haufen werfen. "Man kann jetzt keine detaillierten, langfristigen Pläne machen, wann man dann die Premiere hat. Ich denke, sobald sich die Situation bessert oder entspannt, müssen wir genau gucken, wie und wann wir Premieren nachholen können", sagt Ulrich Khuon.

Es wäre unklug und nicht nachvollziehbar, die Produktionen, für die momentan geprobt werde, abzubrechen und sich den für später geplanten zuzuwenden.

Kulturorte als Orte der Gemeinsamkeit

Er habe unter den Besuchern am Montag- und Dienstagabend keine übernervöse Stimmung feststellen können, sagt Ulrich Khuon. Die Vorstellungen seien voll gewesen. "Das ist eine bizarre Erfahrung, dass einerseits eine Angst im Raum steht, und man andererseits eine Realität erlebt, bei der diese Angst nicht greifbar ist."

Er selbst sei grundsätzlicher Optimist, aber man erlebe jetzt etwas, was man aus Science-Fiction-Filmen kenne. "Die Kultur ist ja eine Art Seismograph und auch eine Form des Zusammenhalts", so Khoun. Dass die realen Orte des Zusammenkommens im Moment ausfielen, tue der Gesellschaft nicht gut. Deswegen versuche man damit sensibel umzugehen und beispielsweise an kleineren Bühnen weiterzuspielen und gleichzeitig die Warnungen des Robert Koch-Institutes ernstzunehmen. 

Der Deutsche Bühnenverein begleite die Theater mit Informationen, mit Anregungen und mit der Bereitschaft zum Austausch. "Das ist im Moment am wertvollsten, dass sich die Kollegen gegenseitig anrufen, dass man in den Häusern auch gut kommuniziert, auch über Betriebsversammlungen eine vernünftige und nüchterne Kommunikation leistet, so dass jeder weiß, warum man welche Entscheidungen trifft."



Dramatische Lage für freie Künstler

Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, erwartet wegen der vielen Absagen von Kulturveranstaltungen bundesweit eine sehr schwierige Zeit für freie Künstlerinnen und Künstler. "Es sind ja nicht nur die Veranstaltungen, die gar nicht stattfinden, sondern auch die, die vor leeren Rängen stattfinden. Das betrifft natürlich besonders die Künstlerinnen und Künstler", sagt Olaf Zimmermann.

Viele Künstler hätten kein Geld auf dem Konto liegen, sondern würden seit vielen Jahren schon von der Hand in den Mund leben. "Und jetzt wird es einfach viel, viel schwieriger. Und deswegen glaube ich auch, dass man jetzt ganz schnell zu Aktionen kommen muss, um den Künstlern zu helfen."

Problematisch sei, dass bei solch massenhaften Absagen, wie man sie jetzt erlebe, oft nichts geregelt sei, erklärt der Präsident des Deutschen Kulturrats: "Natürlich können Künstler Verträge abgeschlossen haben, die es ihnen auch ermöglichen, dass sie jetzt Glück haben, dass sie ein Ausfallhonorar erhalten. Aber das ist leider die Ausnahme und nicht die Regel."

Das zeige sich auch bei den Vorgängen um das ebenfalls abgesagte Literaturfestival lit.COLOGNE, so Zimmermann. Da hätten die Schriftstellerinnen und Schriftsteller das Publikum gebeten, die schon gekauften Karten nicht sofort zurückzugeben, sondern sie erstmal zu behalten, damit es in Zukunft überhaupt weitergehen könne: "Also wir müssen jetzt alle gemeinsam füreinander auch ein bisschen Solidarität entwickeln, und dazu gehört auch das Publikum."

Forderungen nach einem Notfonds

Wichtig sei es, sagt Olaf Zimmermann, diejenigen, die sich mit Hilfen für verschiedene Branchen, befassten, mit der besonderen Situation im Kunstbereich vertraut zu machen: "Die machen sich überhaupt keine Gedanken über die Kleinteiligkeit des Kulturbereiches. Da müssen wir sie noch viel stärker daraufhin weisen, damit sie verstehen, warum das etwas anderes ist, als VW zu retten oder eine Bank zu retten."

Ein erster Schritt wäre es laut Zimmermann, bei Veranstaltungen, die mit Hilfe öffentlicher Gelder mischfinanziert worden seien, diese Gelder jetzt nicht zurückzufordern, wenn die Veranstaltungen ausfallen. "Da höre ich auch jetzt die ersten Kulturpolitikerinnen und Kulturpolitiker, die sagen: Ja, da müssen wir einen Weg finden, dass diese Mittel letztendlich im Topf bleiben", so der Präsident des Deutschen Kulturrats. "Und für die besonders in Not geratenen Künstlerinnen und Künstler braucht man so etwas wie einen Notfonds der Länder, der Kommunen und bitte auch des Bundes, wo dann auch diese Künstlerinnen und Künstler unterstützt werden können. Und zwar hoffentlich sehr schnell und mit wenig Bürokratie!"

Dieser Fonds müsse sich aus Kulturfördermitteln finanzieren. "Die Verantwortung liegt da letztendlich bei den Ländern, die ja die Kulturverantwortung in Deutschland haben und auch bei den Kommunen. Aber wir haben auch die Kulturstaatsministerin gebeten, sich stark zu machen für solche Maßnahmen", sagt Zimmermann. "Und ich glaube, dass es auch notwendig ist, dass auch von der Bundesebene ein Signal auch für die kleineren Bereiche gegeben wird. Dass es nicht nur um die großen Kulturtanker, sondern dass es eben ganz besonders auch um die Künstlerinnen und Künstler vor Ort geht."

(rja)

Das Audio, das Sie oben im Bild starten können, enthält die Gespräche mit Ulrich Khuon und Olaf Zimmermann. Das Gespräch mit Olaf Zimmermann allein können Sie hier nachhören.

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