Åsa Larsson: "Wer ohne Sünde ist"

Spurensuche im grausam-schönen April

04:08 Minuten
Wer ohne Suende ist von Asa Larsson
© C.Bertelsmann

Asa Larsson

Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt

Wer ohne Sünde istC.Bertelsmann, München 2022

590 Seiten

22 Euro

Von Kolja Mensing · 22.04.2022
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Die Spuren im Schnee führen in die Vergangenheit: Åsa Larsson ist die große Landschaftskünstlerin des Schwedenkrimis. In „Wer ohne Sünde ist“ nimmt sie nach sechs Bänden Abschied von ihrer Staatsanwältin Rebecka Martinsson – und ihrer Heimatstadt Kiruna.
Henry Pekkari ist 72, trinkt und lebt seit vielen Jahren allein und völlig zurückgezogen auf einem verwahrlosten Hof. Ende April, hoch im Norden von Schweden ist der Schnee noch nicht geschmolzen, findet Henry Pekkaris Schwester ihren Bruder tot in seinem verdreckten Wohnzimmer. Auf den ersten Blick ist es einfach nur ein tragischer Todesfall, ein „alter Alki“, der am Ende eines langen Winters stirbt.
Doch die Obduktion zeigt, dass Henry Pekkari erstickt worden ist. Und er ist nicht der einzige Tote in dem Haus. In Henry Pekkaris Kühltruhe findet sich die Leiche von Raimo Koskela, eines schwedischen Boxers, der seit mehr als 50 Jahren vermisst wird: ein „cold case“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Abschied nehmen ist schwer

„Wer ohne Sünde ist“ ist ein wehmütig gestimmtes Buch. Es ist der sechste und letzte Band in Åsa Larssons Reihe um die schwedische Staatsanwältin Rebecka Martinsson, und er erzählt auf vielen verschiedenen Ebenen davon, wie schwer es ist, Abschied zu nehmen.
Martinsson zum Beispiel steckt in einer schweren persönlichen und beruflichen Krise. Als sie die Ermittlungen im Fall Henry Pekkari an sich zieht, obwohl sie mit dem Opfer verwandt ist, scheint sie es darauf anzulegen, ihre Position bei der Staatsanwaltschaft in Kiruna irreparabel zu beschädigen.
Gleichzeitig muss sie sich durch die Ermittlungen noch einmal – wirklich: ein letztes Mal? – ihrer traumatischen Familiengeschichte stellen, genau wie Börje Ström, der Sohn von Raimo Koskela, der nach vielen Jahren herausfinden will, warum sein Vater im Sommer 1962 von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand, und damit Abschied von seiner Kindheit nehmen musste.

Trügerischer Frühling

Åsa Larsson, die seit ihrem Debüt „Sonnensturm“ zu den großen Landschaftskünstlerinnen des Schwedenkrimis gehört, inszeniert diese biografischen Spurensuchen in einem grausam schönen April: Die Birken sind noch zu „frostigen Bögen“ gekrümmt, noch trägt der Harsch in Lappland, doch unter dem „körnigen, dickem Glas“ liegt bereits angetauter, weicher Schnee, in dem man metertief versinken kann – und in dem nicht weit von Henry Pekkaris Hütte zwei weitere Leichen gefunden werden: zwei russische Prostituierte.

Leid durch Korruption

Das ist die andere, bittere Abschiedsgeschichte, die in „Wer ohne Sünde ist“ erzählt wird: Kiruna – die Heimatstadt von Rebecka Martinsson (und von ihrer Autorin Åsa Larsson) – ist wegen ihrer reichen Eisenerzvorkommen zu einer einzigen Baustelle geworden. Die Grube expandiert, und die Stadt soll mehr oder weniger vollständig abgerissen und an einem anderen Ort neu aufgebaut werden.
Das vermeintlich zukunftsweisende Projekt hat das organisierte Verbrechen angezogen, die russische Mafia bringt Korruption, Schwarzarbeit und Konkursbetrug, Prostitution, Menschenhandel und Drogen nach Lappland. Ob Rebecka Martinsson wirklich aufgibt? Der Abschied von dieser Serienfigur fällt schwer.

Åsa Larsson: „Wer ohne Sünde ist“
aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt
C. Bertelsmann, München 2022
590 Seiten, 22 Euro

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