Ambulante Pflege auf dem Land

Meine Mutter, die Dorfkrankenschwester

29:38 Minuten
Illustration: Die Hand einer Krankenschwester hält ein Haus mit Herzsymbol.
Viele ältere Menschen werden ambulant zu Hause gepflegt. Menschen wie Christiane Weyrosta ermöglichen, dass es trotz Zeitdruck noch einen fürsorglichen Umgang mit den Patienten gibt. © Getty Images / DawnInk
Von Jonas Weyrosta  · 17.07.2022
Audio herunterladen
Christiane Weyrosta pflegt seit mehr als 30 Jahren alte und kranke Menschen in den eigenen vier Wänden. Sie liebt und lebt ihren Job, auch wenn sie ständig gegen Zeitdruck ankämpfen muss. Was das mit ihr macht, erzählt hier ihr Sohn Jonas Weyrosta.
Ein Mittwochmorgen Ende Februar, 6 Uhr in der Früh, der Himmel über Krautheim ist noch blauschwarz. Nur vereinzelt brennt schon Licht in den Fenstern der Häuser ringsherum. Das Städtchen schläft noch. Krautheim ist klein, weniger als 5000 Menschen leben hier. Meine Mutter geht mit schnellen Schritten über die Straße zu ihrem Auto. Sie trägt eine weiße Jeans und ein himmelblaues Hemd, ihr Krankenschwesteroutfit.
Seit mehr als 30 Jahren steht sie um 4.30 Uhr morgens auf. Eine Uhrzeit, zu der ich selten wach bin – eigentlich nie. Meine Mutter ist Gemeindekrankenschwester, arbeitet in der ambulanten Pflege und versorgt alte und kranke Menschen auf dem Land in Hohenlohe, einer kleinen Region im Norden Württembergs.

Jesusbilder neben Familienfotos

Schon nach wenigen Minuten halten wir vor der Garageneinfahrt eines großen Einfamilienhauses. Im Erdgeschoss wohnt Frau Blazic, eine ältere Dame Mitte 80. In einem dunklen Zimmer liegt Frau Blazic in einem höhenverstellbaren Pflegebett, sie schläft noch halb. An den Wänden ringsherum hängen Jesusbilder und Kruzifixe, daneben viele Familienfotos.
„Guten Morgen, Ich bin’s, die Christiane. Ich komme, um Ihnen die Strümpfe anzuziehen und Ihnen die Tabletten zu geben. Gut geschlafen, Frau Blazic?“
„Ja, habe ich!“, antwortet Frau Blazic.
Meine Mutter streicht ihr sanft über die Schultern. Sie gibt der Dame einen kurzen Moment, um aufzuwachen. Jeden Morgen zieht sie Frau Blazic die Kompressionsstrümpfe an, die helfen dabei, dass weniger Wasser in die Füße läuft und die Beine durch die Belastung am Tag nicht anschwellen.

"Heute haben Sie aber schöne warme Füße"

„Dann machen wir mal die Decke weg und müssen die Hose ausziehen. Heute haben Sie aber schöne warme Füße, richtig schön! So packen wir die Beine wieder ein. Jetzt muss ich sie noch mal ein bisschen in die Mitte legen und ich setze Sie mal für einen Moment hin. So jetzt können Sie noch ein bisschen ruhen, Frau Blazic. Ich mache das Licht wieder aus. Tschüss.“
Meine Mutter desinfiziert sich in der Küche die Hände, blättert kurz durch eine rote Patientenmappe, die der ambulante Pflegedienst bei allen Klienten bereitgelegt hat. Sie macht eine kurze Notiz, dass alles ok ist. 15 Minuten dauert alles zusammen, der nächste Patient wartet.
„Das ist richtige Beziehungsarbeit in den allermeisten Fällen. Wir haben unsere Klienten ja manchmal jahrelang. Und so was hast du in einer Praxis nicht und so was hast du im Krankenhaus schon mal gar nicht. Ich würde nicht mehr in einem Krankenhaus arbeiten wollen.“
Ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin hat meine Mutter im Krankenhaus gemacht. 40 Jahre ist das her.

Die Patienten riefen bis spät in die Nacht an

„Wir haben wirklich noch Pflege gemacht. Du hast Patienten noch gewaschen, du hast Essen angereicht, alles eigentlich. Nicht nur Behandlungspflege, also Verbände, Injektionen, sondern alles. Mittlerweile ist alles delegiert. Es findet eigentlich keine richtige Pflege mehr statt. Eine Kollegin hat mir neulich erzählt, dass Pflegeschüler heute in die ambulante Pflege geschickt werden, damit sie überhaupt lernen, was Grundpflege ist, weil sie es im Krankenhaus nicht mehr lernen. Das finde ich schon traurig.“
Draußen ist es noch immer dunkel. Die Straßen sind noch immer leer. Es ist halb 7.
Eine junge Frau steht mit einer älteren Frau zusammen.
1994 ging es mit dem eigenen Pflegedienst los. Hier steht Christiane Weyrosta mit einer damaligen Patientin zusammen.© Christiane Weyrosta
Als ich sechs Jahre alt war, hat meine Mutter sich selbstständig gemacht und einen ambulanten Pflegedienst gegründet. „Pflege Zuhause Christiane Weyrosta“, das war 1994. Ich erinnere mich, dass zu Hause seitdem sehr oft das Telefon klingelte, auch spät am Abend und in der Nacht.
Dann hörte ich schnelle Schritte aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Wenn wieder mal ein Patient aus dem Bett gefallen war oder jemand Hilfe auf der Toilette brauchte. Meine Mutter stieg tags und nachts ins Auto und fuhr los und half.

Zeit ist Mangelware

„Gestern habe ich beim Ausräumen meines Schrankes einen Karton mit Grußkarten gefunden, von den Angehörigen, die sich bedankt haben, wenn meine Pflege beendet war, weil der Patient verstorben ist. Da waren so schöne Rückmeldungen drin. Da wurde sich bedankt, dass man immer da war und immer ein Ohr hatte, sich die Zeit genommen hat.“
Dabei ist Zeit immer Mangelware – so habe ich das von Kindesbeinen an von meiner Mutter gehört. Es fehlt in der Pflege an Zeit für die Menschen. Wegen immer neuer Regelungen und weiterer bürokratischer Auflagen. Es wirkt auf mich, als sei der Pflegeberuf gefangen in einem ewigen Zwiespalt, der kaum zu lösen ist: Hilfsbedürftige Menschen bekommen oftmals weniger als sie wollen. Und Pflegekräfte geben sehr oft viel mehr, als sie eigentlich können.
„Dadurch, dass so viele Bestimmungen von außen kamen. Der medizinische Dienst, die ständigen Überprüfungen. Ich habe mich oft unter Stress gesetzt gefühlt. Alles musste immer optimal dokumentiert sein. Je mehr Personal man hatte, umso wirtschaftlicher musst du arbeiten. Am Anfang haben wir uns einfach mehr Zeit lassen können.“

Bei den Nachrichten eingeschlafen

Als Pflegedienstleitung war meine Mutter für alles selbst verantwortlich. Zuerst für das Wohl der Patienten, aber auch für ihre Mitarbeiter. Und dafür, dass es überhaupt Mitarbeiter gibt, weil es jedes Jahr schwerer wurde, überhaupt Pflegekräfte zu finden. Dann die ständigen Kontrollen des medizinischen Dienstes, der checkt, ob alle Standards eingehalten und alle Leistungen richtig abgerechnet werden. All das hat sehr an ihr gezehrt. Abends ist sie dann oft schon bei den Nachrichten eingeschlafen.
„Was ich für mich manchmal furchtbar schwierig fand, war immer, wenn ihr mit Sorgen oder Nöten ankamt und ich eigentlich, mein Kopf und ich hätten eigentlich mehr hier sein müssen, ich oftmals aber wegmusste oder noch irgendwas machen musste. Und das hat mich dann so zerrissen, da habe ich dann gedacht, Menschenskinder, das ist scheiße, so wie es läuft.“ 
Trotzdem hat sie weitergemacht, erst vor zwei Jahren einen Nachfolger gesucht und den Posten als Pflegedienstleitung abgegeben. Sie hat sich anstellen lassen in ihrem ehemaligen Betrieb. Keine Geschäftsführeraufgaben mehr, weniger Bürokratie, sondern das, was sie so gerne tut: Menschen helfen.

Der Geruch von Desinfektionsmittel

“Jetzt geht es zu Herrn Maierl. Bis letzten Sommer hat noch seine Frau gelebt, sie haben wir auch mitversorgt, da mussten wir die komplette Pflege machen. Morgens aus dem Bett holen, waschen, anziehen. Er bekommt nur Strümpfe angezogen, er ist schwer herzinsuffizient, hat immer wieder entzündete Beine.“
Herr Maierl lebt in Klepsau, einem Teilort von Krautheim. Ein noch kleineres Dorf, inmitten von weiten Feldern und steilen Weinbergen. Es ist jetzt kurz vor 7. Das Auto meiner Mutter riecht bereits nach Desinfektionsmittel. Ein Geruch, den ich von früher kenne, wenn sie uns von der Schule abgeholt hat oder mit uns einkaufen war. Am Rückspiegel baumeln weiße FFP2-Masken. Eine Flasche Wasser und einen Apfel, mehr hat sie nicht bei sich auf ihrer Tour. 
Herr Maierl ist ein kleiner Mann mit wenigen Haaren. Sein kariertes Hemd, seine weite Hose wird an seinem schmächtigen Körper nur von Hosenträgern gehalten. Er tippelt mit kleinen Schritten zu einem Sessel im Wohnzimmer, auch ihm ziehen die Krankenschwestern morgens Kompressionsstrümpfe an und abends wieder aus. Im Radio läuft Schlagermusik, es riecht nach Kaffee.

Herr Maierl erzählt vom Krieg

In den zehn Minuten, die wir bei ihm sind, spricht Herr Maierl fast ohne Pause. Als hätte er nur gewartet, bis er endlich jemandem von seinen Gedanken erzählen kann. Meine Mutter hört geduldig zu und nickt ein Lächeln, dem ich ansehe, dass sie die Anekdote aus dem Sudetenland schon kennt. Ihn würde sie das nie spüren lassen. Herr Maierl erinnert sich an diesem Morgen an das Dorf im heutigen Tschechien, in dem er aufgewachsen ist. Vor allem Kriegserinnerungen kommen gerade oft hoch.
„Wir hatten ein Schwimmbad. Da wurden später 14 Gräber ausgehoben, als die Tschechen kamen. Ein deutscher und ein tschechischer Arzt haben die Leichname in Särge umgesetzt. Jede Familie musste eine Person abstellen für die Beerdigung. Das sind halt so Erinnerungen. Unangenehme Erinnerungen.“
Meine Mutter muss weiter. Für jeden Patienten, jede Patientin hat sie ein bestimmtes Zeitbudget, manchmal 15, manchmal auch 45 Minuten, je nach Pflegeaufwand. Sie verabschiedet sich von Herrn Maierl, draußen wird es allmählich hell, ein Hahn kräht.
Wir steigen zurück ins Auto, meine Mutter wirkt nachdenklich. „Er lebt gerade so richtig in der Vergangenheit und erzählt ganz viel von früher“, sagt sie. „Was gewesen ist, er fühlt sich total allein, im Stich gelassen, von allen und jedem.“

An Pause ist nicht zu denken

Meine Mutter ist eine professionelle Helferin. Das merke ich daran, dass sie schwere Gedanken, etwa an Herrn Maierl, nur kurz bei sich trägt. Auch, weil sie kurz darauf vor der nächsten Haustür steht, sich dem nächsten Menschen widmen will. Und muss.
Wir betreten mit leisen Schritten eine kleine Wohnung. Es ist jetzt kurz vor acht. Der ältere Herr, der hier wohnt, schläft noch.
„Zuerst muss ich immer sein Frühstück richten. Als wir uns kennenlernten und er mir so sagte, was wir machen sollen, hat er mir das alles aufgemalt, richtig schön. Wie viele Löffel Kaffee in die Thermoskanne, wie viel Wasser, wo am Tisch was zu stehen hat. Das war echt witzig. Alle müssen es gleich machen. Das hat alles seine genaue Reihenfolge.“
Eine ältere Frau sitzt in einem Rollstuhl an einem Esstisch. Eine Krankenschwester bereitet das Essen vor.
Nur wenige Minuten bleiben Christiane Weyrosta immer, um Frühstück zu machen, wie hier bei einer Patientin um das Jahr 2000. © Christiane Weyrosta
Sie bewegt sich zielstrebig durch die kleine gekachelte Küche, richtet Butter, Käse, Brot und Kaffee auf einem Tablett an und trägt es zum Esstisch in die Stube. Mir knurrt langsam der Magen, der Kaffee riecht gut. Wenn ich meiner Mutter beim Arbeiten zusehe, ist an Pause nicht zu denken. Sie geht mit schnellen Schritten über den kleinen Flur in ein dunkles Schlafzimmer. Zunächst knipst sie nur ein kleines Licht an, zieht frische Kleidung aus dem großen Schrank hinter der Tür.

Vertraute Morgenrituale

„Er schläft noch. Ich wecke ihn immer erst, wenn ich soweit bin, ein bisschen Schonfrist. So. Guten Morgen! Sind Sie wach? Alles gut? Schwindel?“
Der Herr im gestreiften Schlafanzug schaut mit noch halb geschlossenen Augen um sich. Solange er seine Hörgeräte nicht drin hat, kommuniziert meine Mutter mit ihm über Handzeichen. Daumen hoch, Daumen runter. Nach einer kurzen Aufwachphase greift er zu den Hörgeräten auf seinem Nachttisch. Meine Mutter sitzt an der Bettkante und wartet geduldig, bis er sie hören kann. Die beiden schmunzeln sich an. Ein vertrautes Morgenritual.
„Verstehen Sie mich? Super, guten Morgen! Legen wir los, okay. Soll ich Ihnen für die nächste Woche, wenn Sie ins Krankenhaus gehen, den Koffer richten?“ / „Wenn Sie das wollen, ja.“ / „Was ist das? Unterhosen? Das sind aber nicht mehr die Schönsten.“ / „Die waren eine Zeit lang außer Dienst, dann habe ich die Gummizüge neugemacht. Daran habe ich zwei Wochen selbst genäht.“ / „Selbst gemacht? Wow!“ / „Das hat so lange gedauert, weil ich den Faden nicht gesehen habe. Ich habe mich ans Fenster gestellt, damit ich weiterkomme.“

"Solange sie scherzen, leben sie noch gerne"

Der Herr setzt sich an den Esstisch und wirft einen Blick auf die Tageszeitung. Er bleibt bei einer Überschrift zu Corona hängen. „Was die immer rummachen mit dem Scheiß Corona! Was wollen die denn eigentlich? Das wissen die doch selbst nicht, die Kerle. Bei der CDU haben sie geschumpfen, bei der SPD schimpfen sie. Was wollen die denn eigentlich? Ich wollte auch schon welche umbringen, die leben alle noch.“
„Meine Leutchen“, so nennt meine Mutter ihre Patienten immer, wenn sie mir von ihnen erzählt. Oft hat sie uns Kindern ein paar Witze der Alten mitgebracht. Sie war froh, wenn die Alten noch scherzen: So lange leben sie noch gerne, sagte sie dann immer. Ein schneller Abschied, ein älteres Ehepaar auf einem entlegenen Bauernhof wartet bereits, weiter geht’s. Es ist 8.30 Uhr. 
„Jetzt fahren wir zu dem nächsten Hof. Der alte Herr ist leider letztes Jahr verstorben. Dieses Männchen hat immer auf mich gewartet, dass ich ihm schnell seine Strümpfe anziehe, damit er schnell zu seinen Hühnern gehen konnte und zu den Katzen. Dann ist er immer mit seinem Stock aus dem Haus rausgewackelt und hat mir gezeigt, wo die Hühner untergebracht sind. Dann sind wir durch den großen leer stehenden Stall marschiert mit seinem Eimerchen mit dem Abfall für die Hühner. Das war ein ganz arg lieber Kerl.“

Ausfüllende Trauerarbeit

Wir kommen auf einer Anhöhe zwischen weiten Feldern an einem Gehöft an. Rundherum weit und breit nur Felder, Wiesen und Wälder. Auf Höfen wie diesen hat meine Mutter viele einsame Menschen erlebt, sie hat Menschen sterben sehen, die sie teilweise zehn bis 15 Jahre mehrmals pro Woche besucht hat.
„Bei Patienten, die wir sehr lange betreut haben, also über Jahre hinweg, ging mir das oftmals sehr nahe natürlich. Aber gleichzeitig habe ich auch oft Dankbarkeit empfunden, dass ich sie bis zum Ende begleiten konnte. Dass ich die Chance und das Vertrauen hatte, dass ich bis zum Ende begleiten konnte. Das hat mich nicht negativ belastet, das hat mich sehr ausgefüllt. Eine Traurigkeit war da, aber eine, die auch normal ist. Aber es war ein rundes Gefühl. Manchmal war man in solchen Situationen aber mehr für die Angehörigen da. Wenn ich das Gefühl hatte, sie brauchen das.“
Meine Mutter hat oft erlebt, dass Angehörige an ihren sterbenden Eltern und Partnern klammerten, sie nicht loslassen konnten. „Wenn ich dann gesagt habe, ich glaube, die Mutter macht sich auf den Weg, das sieht man und spürt man ja ein bisschen. Da habe ich oft total erschrockene Augen gesehen. Dann fließen erst mal die Tränen, dann merkt man, sie können lassen oder da ist noch irgendwas. Für mich war immer wichtig, behutsam aber klar das anzusprechen. Ich bekam oft die Rückmeldung, dass es ihnen gutgetan hat, das mal auszusprechen.“

Die Kunst, den Zeitdruck zu verstecken

Vor dem Eingang zum Wohnbereich auf dem abgelegenen Hof kreisen die Katzen meiner Mutter beim Aussteigen aus dem Auto um die Füße. Wir betreten das Haus.
„Guten Morgen! Sie liegen wieder in ihrem Stuhl! Ist das bequem so? Darf ich Sie mal ein bisschen hochziehen? Warten Sie mal, soooo, so ist es jetzt besser. Sie rutschen davon, da müssen sie aufpassen, sonst fallen sie aus dem Stuhl raus.“
Krankenschwester Christiane Weyrosta zieht einer Patientin orthopädische Schuhe an, um 2000.
Trotz Zeitdruck schaffe es Christiane Weyrosta, den Menschen diesen nicht spüren zu lassen. Hier bei einer Patientin um das Jahr 2000. © Christiane Weyrosta
Eine ältere Dame im Rollstuhl sitzt wartend an einem Tisch in ihrem Wohnzimmer. Die Zeitung liegt vor ihr. Außerdem Tabletten und die Patientenmappe. Meine Mutter wirft einen kurzen Blick rein. Die tägliche Tablettendosis rührt meine Mutter in einen kleinen Joghurt und reicht ihn Löffel für Löffel der Dame an.
Am Ende waren wir wieder kaum 15 Minuten wirklich da. Und dennoch sind alle glücklich. Meine Mutter jedenfalls schafft es irgendwie, ihr Gegenüber nie spüren zu lassen, dass sie auch auf die Uhr schauen muss. Sie kann ihren Zeitdruck gut verstecken.
„Das ist natürlich absolute Einsamkeit, wenn Du auf so einem Gehöft lebst. Die haben ziemlich viel Vieh gehabt, Milchwirtschaft, Schweine. Für die Frau war das schon eine schwere Zeit, nur geschafft, nur geschafft. Diese Leute sind nicht verwöhnt, die sind richtig hart im Nehmen.“

"Ich bin ein schwieriger Patient"

Ambulante Pflegedienste ersetzen ein Stück weit auch das, was früher die Großfamilie geleistet hat. Als sich die Jüngeren um die älteren Familienmitglieder gekümmert haben. Das hat sich alles verändert, die Kinder ziehen in die Städte oder sind beruflich stark eingespannt. Meine Mutter hat oft erlebt, dass es Familien hilft, wenn eine externe Pflegekraft zu ihnen kommt.
„Es ist ein großer Unterschied, ob du als direkt Betroffener eine Pflege machst oder als Außenstehender. Die Patienten verhalten sich auch ganz anders. Ich habe viele Angehörige erlebt, die waren einfach verzweifelt, wie sie sich nicht richtig durchsetzen konnten. Es kann manchmal einfach nicht funktionieren, wenn es die eigene Mutter oder der eigene Vater ist, das läuft nicht immer leicht. Manchmal macht man Garnichts falsch, aber es ist einfach zu eng.“
Meine Mutter ist erst 60. Wir haben noch nie darüber gesprochen, wie sie sich eigentlich ihr eigenes Altwerden vorstellt – was ist, wenn sie einmal gepflegt werden muss.
„Ich glaube, mir wäre es auch lieber, es würde jemand Externes machen. Ich bin wahrscheinlich ein sehr schwieriger Patient. Es gibt Menschen, die nehmen gerne ohne Probleme Hilfe an. Und es gibt Leute, die wollen lieber alles selbst machen. Ich gehöre zu den Zweiten.“

Sieben Patienten in vier Stunden

Wir sind inzwischen bald vier Stunden unterwegs. Sieben Patienten haben wir schon besucht. Die Wasserflasche und den Apfel hat meine Mutter noch immer nicht angefasst. Ich hänge inzwischen tief im Beifahrersitz, immer größer wird die Lust auf einen Kaffee. Sie hingegen wirkt überhaupt nicht müde. Coffee-to-go? Ein Fremdwort für meine Mutter.  
„Also ich bin jetzt eigentlich richtig fit. Mein Einbruch kommt dann immer erst mittags, wenn ich Mittagessen habe.“
„Jetzt fahren wir zu Herrn Wolpert. Er bekam vor ein paar Wochen ein Stoma angelegt, also er hatte im Darm ein Geschwür, das wurde ihm entfernt. Also wurde ihm sozusagen der Anus auf die Bauchdecke gelegt. Dann sollte das wieder zurückverlegt werden, weil angeblich alles verheilt sei, dann kam er ins Krankenhaus und dann haben sie mit einem Laparoskop in die Bauchhöhle reingeguckt, haben ihm dabei den Darm aufgestoßen, dann hat er eine furchtbare Sepsis entwickelt, dann ist Stuhl in den Bauchraum gekommen, er lag ewig auf der Intensivstation, es sah gar nicht gut aus. Dann haben sie festgestellt, dass sie das Stoma nicht zurückversetzen können und haben es ihm wieder auf der anderen Seite angebracht und dann ist ihm die Naht irgendwann aufgeplatzt. So geplagt, wie dieser Mann wurde, schlimm.“

Wundspülung und Verbandswechsel

Der künstliche Darmausgang liegt wie rotes Geschwür auf der Bauchdecke des Herrn. Meine Mutter entfernt den Beutel mit den Ausscheidungen, nimmt vorsichtig einen Dichtungsring ab. Sie desinfiziert die Wunde. Auf dem Couchtisch neben ihr legt sie das neue Verbandsmaterial bereit, schneidet passgenau einen neuen Dichtungsring, der zwischen Auffangbeutel und Darmausgang geklebt wird.
„Jetzt mach ich eine Wundspülung von der Wunde. Ich mache immer zuerst das Stoma frisch, dass kein Stuhlgang in die Wunde kommt, dann reinige ich die Wunde und verklebe sie wieder. Es heilt schon schön. Jetzt schauen wir hier noch drunter. Hier war das frühere Stoma. Das ist aber auch gut verheilt. So jetzt dürfen Sie weiter frühstücken!“
2825060646_Christiane Weyrosta vor ihrem Auto im März 2022_2.jpg
Seit mehr als 30 Jahren betreut Christiane Weyrosta ältere Patienten zu Hause. Für viele ist sie oft mit die einzige Gesprächspartnerin am Tag. © Jonas Weyrosta
„Was ich jetzt gerade gemacht habe, solche Verbandswechsel, die laufen über die Krankenkasse. Wir kriegen vom Hausarzt einen Verordnungsschein, da steht drauf, was wir zu machen haben, Spritzen, Verbände etc. und das wird bei der Krankenkasse eingereicht und die schickt uns dann eine Genehmigung. Und solche Sachen wie Waschen, Anziehen, Frühstückrichten das zahlen die Leute von ihrem Pflegegeld bzw. von der Pflegekasse bekommen wir das gezahlt.“
Was eine Krankenschwester wie meine Mutter pro Patientenbesuch verdient, ist schwer auszurechnen. Am Ende des Monats ist es wenig Geld gemessen am Aufwand. Immer weniger Menschen wollen deshalb in Pflegeberufen arbeiten. Ich erinnere mich noch, dass es bei uns früher am Esstisch rund um Bundestagswahlen immer wieder um Gesundheitspolitik ging, um den Pflegenotstand, der endlich angepackt werden müsse. Es war wie eine Dauerschleife. Als die Pflege dann während der Corona-Pandemie plötzlich für systemrelevant erklärt wurde, hatte meine Mutter wie viele Pflegekräfte dafür nur ein müdes Lächeln übrig.

Vorfreude auf die letzte Patientin des Tages

„Hallo Frau Kratzer, ich bin’s, die Christiane. Und ich habe meinen Sohn mitgebracht."
Frau Kratzer sitzt am Esstisch ihrer kleinen Küche. Meine Mutter nimmt ein elektrisches Blutdruckmessgerät und legt es der alten Dame um ihren Oberarm. 
„Sie haben einen rasanten Kurzhaarschnitt! Klasse, klasse.“ / „Kurz, gell? Ich sage, schneid nur runter. Dann fängt sie gerade noch mal an.“ / „Gibt‘s bald etwas zum Mittagessen bei Ihnen?“ / „Mein Mann kocht heute Spaghetti mit Hackfleischsauce. Seit er in Rente ist, kocht er immer. Das finde ich gut.“
/ „Gut, wir gehen weiter, bis zum nächsten Mal. Tschüss!“
Es ist mittlerweile kurz vor Mittag und damit auch kurz vor Ende der Frühschicht. Die letzte Patientin auf der Tour. Frau Zürn, zu ihr geht meine Mutter schon seit mehr als zehn Jahren. Sie freut sich jedes Mal darauf, Sie wiederzusehen. Wir betreten die Wohnung und stehen direkt in der warmen Küche. Frau Zürn sitzt auf der Ablagefläche ihres Rollators, schnell dreht sie ihren fahrbaren Untersatz in unsere Richtung. Sie strahlt.

Vertrautheit, die verbindet

Meine Mutter misst Blutzucker. Dafür sticht sie mit einer kleinen Nadel in die Fingerspitze von Frau Zürn und nimmt den ersten Tropfen Blut auf einem Streifen auf, der dann in das Messgerät eingeführt wird. Meine Mutter kniet an ihrer Seite. Sie hält ihren Kopf leicht geneigt. Sie wirken vertraut. Es ist schön, zu sehen, mit welcher Wärme meine Mutter mit ihren Patienten umgeht.
„Sie sehen gut aus, Frau Zürn!“, sagt meine Mutter. Dann spricht nur noch Frau Zürn: „Es ist nicht jeden Tag gleich, man hat auch Momente, wo man deprimiert ist. Und wenn jemand kommt, dann schwätz ich zu viel. Wenn den ganzen Tag lang niemand kommt, und man nicht reden kann, oder es gibt einem niemand Antwort, dann schwätzt man zu viel, wenn mal jemand kommt. Das ist ein großes Minus. Wenn die Leute fort sind, denke ich oft, jetzt habe wieder bloß ich geschwätzt. Aber es muss halt raus.“
Dann erlebe ich, was meine Mutter mir als den besonderen Humor von Frau Zürn angekündigt hat.
„Ich höre nicht mehr ganz so gut, ich sehe nicht mehr gut, ich habe falsche Zähne, lauter Ersatzteile. Das Einzige was geht: Das ist mein Maul. Wissen Sie warum? Weil ich es jeden Tag füttere.“
„Ich liebe es, wenn Sie schwätzen, Frau Zürn“, sagt meine Mutter.
„Was hat man mit 91 zu verlieren? Einen Wunsch habe ich noch: Nicht lang krank sein. Herrgott sei mir gnädig! Aber wer will das schon? Das sind eben manche fromme Wünsche!“

"Ich muss sie mal drücken"

„Was gibt es bei Ihnen heute zu Essen, Frau Zürn? Es duftet so! Schinkennudeln und Salat. Alles ein bisschen adlig, adeliges Essen.“ / „Was ist das?“ / „Essen von gestern.“
Es sind Momente wie diese, da verstehe ich, was die Größe am Pflegeberuf ist. Dass man anderen Menschen nicht nur hilft, sondern ihnen auch Zeit schenkt, ungeteilte Aufmerksamkeit. Manchmal kommt es auf mehr nicht an. „Ich muss Sie mal drücken, Frau Zürn“, sagt meine Mutter dann noch und nimmt die alte Dame in den Arm. „Dankeschön. Das tut mir auch gut, auch eine alte Frau, weiß auch, was guttut.“
Als wir zurück zum Auto über den Hof gehen, sagt meine Mutter noch: „Die ist zum Einpacken und Mitnehmen. Einfach herrlich.“ 
Es ist kurz vor Dienstende, seit mehr als fünf Stunden sind wir unterwegs und haben rund ein Dutzend Menschen zu Hause besucht. Meine Mutter strahlt in diesem Moment. Nicht, weil jetzt die Arbeit vorbei ist.
„Haha, punktgenau. 12 Uhr. Ich muss dann noch schnell die Schlüssel wegräumen und ins Übergabebuch schreiben, dass alles in Ordnung ist. Aber das mache ich später: Jetzt will ich eine Zigarette rauchen und einen Kaffee trinken.“

Abonnieren Sie unseren Denkfabrik-Newsletter!

Hör- und Leseempfehlungen zu unserem Jahresthema „Von der Hand in den Mund – Wenn Arbeit kaum zum Leben reicht“. Monatlich direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung!

Wir haben Ihnen eine E-Mail mit einem Bestätigungslink zugeschickt.

Falls Sie keine Bestätigungs-Mail für Ihre Registrierung in Ihrem Posteingang sehen, prüfen Sie bitte Ihren Spam-Ordner.

Willkommen zurück!

Sie sind bereits zu diesem Newsletter angemeldet.

Bitte überprüfen Sie Ihre E-Mail Adresse.
Bitte akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung.
Mehr Reportagen