Pflegedienst-Unternehmerin Nare Yeşilyurt

„Ich liebe es, den Menschen zu dienen“

35:18 Minuten
Die Diplom-Pädagogin Nare Yesilyurt, aufgenommen vor einer weißen Raufasertapete am 09.06.2013 in Köln.
1999 gründete Nare Yesilyurt mit Deta-Med den ersten kulturspezifischen Pflegedienst in Berlin. © picture alliance / dpa / Horst Galuschka
Moderation: Britta Bürger · 17.05.2022
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Bei der Pflege auf religiöse und kulturelle Bedürfnisse achten: Für Nare Yeşilyurt und ihren kultursensiblen Pflegedienst Deta-Med ist das eine Selbstverständlichkeit. Dafür musste die Tochter kurdisch-alevitischer Migranten viele Hürden überwinden.
Ob es um Essensgewohnheiten geht oder besondere Anforderungen an die Körperpflege – pflegebedürftige Menschen mit Migrationshintergrund haben oft andere Ansprüche als hierzulande sozialisierte Patient*innen. Das kann mit kulturellen Prägungen zu tun haben, auch mit Religion.
Bis vor rund 20 Jahren wurden diese Besonderheiten in der häuslichen Pflege kaum berücksichtigt. Bis Nare Yeşilyurt hierin eine Versorgungs- und Marktlücke entdeckte und in Berlin-Neukölln ihren kulturspezifischen Pflegedienst Deta-Med aufbaute.
Heute arbeiten rund 300 Pflegekräfte überwiegend mit Migrationshintergrund für Deta-Med, ihre Patient*innen stammen ebenfalls aus migrantischen Milieus. Das erleichtert die kultursensible Pflege, dennoch legt Nare Yeşilyurt Wert darauf, dass mit den Patienten genau besprochen wird, welche Ansprüche sie an die Pflege stellen.

Die Schule der Fettnäpfchen

Denn schon bei der ersten türkischen Patientin, deren ambulante Pflege die gelernte Krankenschwester Yeşilyurt übernahm, zeigte sich Klärungsbedarf, wie etwa die Körperreinigung mit Rücksicht auf religiöse Gefühle erfolgen sollte. „Durch die Fettnäpfchen, in die ich getreten bin, habe ich gelernt, dass wir individuell jeden Patienten befragen müssen“, sagt sie heute.
Dabei ist Nare Yeşilyurt selbst Gastarbeiterkind, kam als Vierjährige mit ihrer Familie aus Anatolien ins damalige West-Berlin. Aber sie ist keine Muslima, sondern kurdische Alevitin. Obwohl sie zunächst nur einen Hauptschulabschluss hatte, holte sie das Abitur nach, studierte Erziehungswissenschaft.

Keine Kredite für das neue Konzept

Widerstände schrecken sie nicht ab: „Ich glaube an meine Ideen“. Und Widerstände gab es genug. Für den Aufbau ihres Pflegediensts bekam sie zunächst keine Bankkredite, weil das kultursensible Konzept damals noch völliges Neuland war.
Und als sie dieses Problem gelöst hatte, blieben die Kunden aus, bis Nare Yeşilyurt auf die Idee kam, im türkischsprachigen Fernsehen und Radio für ihr Unternehmen zu werben. Denn mit Handzettel- und Plakatwerbung konnte ihre Zielgruppe, in der es auch Analphabeten gibt, wenig anfangen.
Kultursensible Pflege sei zeitaufwändiger als Pflege nach Schema F, sagt Yeşilyurt. Doch das sei mit den Erstattungen der Kranken- und Pflegeversicherungen durchaus bezahlbar – wenn man als Pflegedienst nicht der „Habgier“ nachgebe, die in der Branche manchmal anzutreffen sei.

Hospiz mit eingeworfenen Scheiben

Ihr neustes Projekt ist das kulturspezifische Hospiz „Ipek“ im brandenburgischen Ort Mahlow vor den Toren Berlins. Bis sie das nach ihrer früh verstorbenen Mutter benannte Haus eröffnen konnte, musste Nare Yeşilyurt erneut Widerstände überwinden, denn Anwohner befürchteten, hier würde eine „islamische Hochburg“ entstehen.
Die Folge: Eingeworfene Fensterscheiben, beschmierte Hauswände, ein Wachschutz musste engagiert werden. Erst nach einer Bürgerversammlung, in der Yeşilyurt ihr Konzept erläuterte, zu dem auch religiöse Neutralität gehört, beruhigte sich die Lage allmählich.
Manchmal übernimmt Nare Yeşilyurt ehrenamtlich Nachtschichten in ihrem Hospiz, das sie als Geschäftsführerin leitet. Under cover, als Praktikantin getarnt. Denn: „Ich liebe es, den Menschen zu dienen, ohne zu sagen, wer ich bin“.
(pag)

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