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Länderreport | Beitrag vom 16.05.2019

Kommunalwahlen in Mecklenburg-VorpommernEin Däne will Bürgermeister von Rostock werden

Von Silke Hasselmann

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Der Rostocker Oberbürgermeisterkandidat Claus Ruhe Madsen schaut in die Kamera. Er hat einen Seitenscheitel und einen Vollbart. (Picture Alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Unterstützt von CDU und FDP: Claus Ruhe Madsen hat eine Möbelhauskette in Nord- und Ostdeutschland - und möchte nun auch noch OB werden. (Picture Alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Er wäre der erste ausländische Bürgermeister einer deutschen Großstadt: Der Däne Claus Ruhe Madsen will in das Rostocker Rathaus einziehen. Seine stärksten Konkurrenten kommen aus der Kommunalpolitik - für den Unternehmer kein Grund zu verzagen.

Claus Ruhe Madsen kann sich etwas Angenehmeres vorstellen, als an diesem Frühlingstag in einem Rostocker Park herumzustehen. Denn es ist kalt und ungemütlich. Doch ein Filmteam des NDR-Regionalmagazins ist gekommen und gibt ihm die Gelegenheit, für sich zu werben.

Dass Klappern zum Handwerk gehört, versteht der dänische Möbelhausgründer, und auch, dass man dabei nicht allzu weinerlich sein darf. Claus Ruhe Madsen geht kurz in sich, hebt den Kopf und sagt in die Fernsehkamera:

"Wenn ich Oberbürgermeister von Rostock wäre, dann – an einem solchen Tag wie heute – würde ich gleich sagen, gäbe es weniger Regen. Nein, im Ernst. Also, nochmal. Das kann man nicht bringen. Das geht nicht. Okay: Wenn ich Oberbürgermeister werden wird. Das heißt doch so nicht! Wie heißt das überhaupt? Oberbürgermeister von Rostock werde … Ach so. Gut, dass der Däne auch ein bisschen Deutsch lernt!"

Erster Ausländer an der Rostocker IHK-Spitze

Typischer Spruch eines Mannes, dem ordentliche Portionen an Humor und Selbstironie gegeben sind. Deutsch spricht der Däne jedenfalls sehr gut, und mögliche Untertöne versteht er auch. Wäre es anders, hätte er vielleicht trotzdem seine Möbelhausmarke Wikinger in Nord- und Ostdeutschland etabliert.

Er hätte mit seiner finnischen Frau und der Tochter in Rostock-Warnemünde gelebt und in der Freizeit Nachwuchshandballerinnen vom örtlichen Sportverein trainiert. Doch für die Posten des Rostocker Industrie- und Handelskammerpräsidenten hätte sich der gebürtige Kopenhagener vermutlich nicht ohne weiteres aufgedrängt.

2013 wählte die IHK-Vollversammlung Rostock den damals 40-Jährigen als ersten Ausländer an die Spitze eines deutschen Kammerbezirkes.

Kürzlich nun trat Madsen von seinem IHK-Amt zurück. So wollen es die Regularien, um einen Interessenkonflikt zu vermeiden. Von der CDU vorigen Oktober für die Oberbürgermeisterwahl aufgestellt und auch von der FDP unterstützt, verspricht der parteilose Däne in seinem Wahlkampf, sich im Erfolgsfall als erstes daran zu setzen, "die vielen schönen Wünsche, Ideen und Vorstellungen, die wir von Rostock haben, umzusetzen. Dass wir sie mit Leben erfüllen, damit wir alle gemeinsam ein schönes Rostock weiterentwickeln können."

Die Kommunalpolitik blockiert sich gegenseitig

Dass das eine Phrase ist, ahnt Claus Ruhe Madsen, kaum dass er sie ausgesprochen hat. Das gilt auch für das Leitmotiv seiner Plakatkampagne: "Rostock bewegen". Es soll die Wähler subtil an ein Phänomen erinnern, für das die Kommunalpolitik seit fast drei Jahrzehnten berühmt-berüchtigt ist: Die Bürgerschaft ist traditionell oft bis zur Handlungsunfähigkeit zerstritten.

In den vergangenen 14 Jahren war sie häufig nur darin einig, Pläne des parteilosen, nun scheidenden Oberbürgermeister Roland Methling zu torpedieren. Die Rostocker Stadtverwaltung wiederum kocht viele eigene Süppchen, gern genährt durch konkurrierende Eigeninteressen von Finanz- und Bausenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD) und Sozialsenator Steffen Bockhahn (Die LINKE), die nun beide ebenfalls Oberbürgermeister werden wollen.

Plakatierung der Wahlwerbung zur Wahl des Bürgermeisters in der Hansestadt Rostock. Zu sehen ist ein Plakat der SPD auf dem Finanz- und Bausenator Chris Müller-von Wrycz Rekowski sowie die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, abgebildet sind. (Imago / Frank Hormann / Nordlicht)Unterstützung von der Ministerpräsidentin: Chris Müller-von Wrycz Rekowski lässt sich im Wahlkampf mit Manuela Schwesig ablichten. (Imago / Frank Hormann / Nordlicht)

Der Unternehmer Madsen will es sich erkennbar mit niemandem verderben. Denn sollte er zum Stadtoberhaupt gewählt werden, muss er mit vielen dieser Leute zusammenarbeiten. Bei einer Niederlage wiederum könnte er deren kalte Rache auch nicht gebrauchen. Also erklärt der 46-Jährige recht konziliant, was er unter "Rostock bewegen" versteht:

"Weniger diskutieren, in der Bürgerschaft mehr sich miteinander verständigen, dass wir einen guten Weg finden, wie wir einen Plan für Rostock aufstellen können, Projekte aufstellen und sie dann eines nach dem anderen erfüllen. In eine Reihenfolge stellen, so dass die Bürger wissen: Was wollen wir mit Rostock? Wo wollen wir hin mit Rostock? Und alle machen mit."

Konkurrenten haben Zugriff auf Stadtverwaltung

Mittlerweile ist der Däne mit dem trendigen Vollbart auch Rostockern jenseits der Wirtschafts- und Industrieszene bekannt. Doch wenn es so etwas wie einen Amtsbonus bei einer Kommunalwahl gibt, dann müssten die beiden schon erwähnten Senatoren im Vorteil sein.

Beide haben qua Amt Zugriff auf die Verwaltung und Einfluss auf die Verteilung der Haushaltsmittel. Beide versuchen in ihrem OB-Wahlkampf noch rasch Entscheidungen bzw. Vorentscheidungen zu treffen, die auf ihr jeweiliges Wählerklientel zugeschnitten sind.

"Wenn ich der neue Rostocker Oberbürgermeister werde, werde ich den Schwung der letzten Jahre nutzen und mutig und kraftvoll in die Zukunft unserer Stadt investieren", sagt Chris Müller-von Wrycz Rekowski (SPD), der seit sieben Jahren Rostocks Finanz- und Bausenator ist und der sich für seine OB-Wahlplakate mit seiner Parteifreundin und Ministerpräsidentin Manuela Schwesig ablichten ließ. Seine Versprechen in Kurzform:

"Es geht mir um Versorgung mit schnellem Internet und die Digitalisierung der Verwaltung. Es geht um Bildung und weniger Schulabgänger ohne Abschluss. Ich werde für mehr bezahlbare Wohnungen sorgen und den Nordosten und den Nordwesten unserer Stadt weiterentwickeln."

Die wachsende Stadt erfordert neue Wohnungen

Tatsächlich hatte auch Mecklenburg-Vorpommerns größte Stadt nach der Wiedervereinigung 1990 sehr schnell sehr viele Einwohner verloren. Doch inzwischen haben die Rostocker Werften ihre größten Krisen überwunden. Sie sorgen ebenso für gute Arbeitsplätze wie die zahlreichen Startup-Unternehmen, die Universität und die vielen hochkarätigen Forschungsinstitute im maritimen und medizinischen Bereich.

Auch den Rostocker Häfen geht es vergleichsweise gut, und so wächst die Hansestadt wieder in hohem Tempo. Wohnungsleerstand – ein Fremdwort. Auch Rostocks große Plattenbausiedlungen sind gut bewohnt.

Nun will die Stadt hafennahe Areale für den benötigten Wohnungsneubau erschließen – ein sehr komplexes Thema auch für das künftige Rostocker Stadtoberhaupt. Denn wenn Menschen immer näher an Industrie- und Hafenanlagen wohnen dürfen, müssen dort angestammte Betriebe schlagartig strengere Emissionsgrenzwerte einhalten.

Eine Frau und acht Männer wollen Rostock regieren

Holzumschlag im Rostocker Fischereihafen des Nachts? Aus Lärmschutzgründen wegen der Wohnbebauung auf der anderen Seite der Warnow schon jetzt nicht mehr möglich. Was, wenn nun bald auch die Werften zu laut produzieren, sobald neben ihnen ein Wohngebiet steht?

Hätte Claus Ruhe Madsen solche und ähnliche Fragen bis vor kurzem vor allem aus der Wirtschaftsperspektive betrachtet, muss er nun ebenso stark die sozialpolitische Seite im Blick haben. Relativ neu für Madsen auch die Niederungen der Bildungspolitik.

Der frühere Landeschef der Partei Die Linke in Mecklenburg-Vorpommern, Steffen Bockhahn, spricht auf dem Linken-Landesparteitag am 23.NOvember 2013 in Greifswald. (Picture Alliance / dpa / Jens Büttner)Will Rostock zur Bildungshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns machen: Steffen Bockhahn, Sozialsenator der Hansestadt und OB-Kandidat der Partei Die LINKE. (Picture Alliance / dpa / Jens Büttner)

Dagegen kennt sich Steffen Bockhahn mit beidem Politikbereichen bestens aus, ist doch der OB-Kandidat der Linkspartei seit sieben Jahren Rostocks Sozial- und Bildungssenator. Was er sofort in Angriff nähme, wenn er an die Spitze gewählt würde?

"Dann möchte ich ein Großprojekt endlich umsetzen, und zwar Rostock zur Bildungshauptstadt Mecklenburg-Vorpommerns zu machen. Das heißt top ausgestattete Kitas, super ausgestattete Schulen. Wir haben Pläne dafür. Es wird Zeit, sie umzusetzen."

Am 26. Mai bewerben sich eine Frau und acht Männer um das Amt des Rostocker Oberbürgermeisters. In den beiden politik- und verwaltungserfahrenen Senatoren sieht Claus Ruhe Madsen seine größte Konkurrenz. Doch öffentlich schaltet er lieber auf verschmitztes Umarmen denn auf frontales Angreifen.

Madsen versteht sich als Rostocker Europäer

"Wenn ich Oberbürgermeister von Rostock werde, dann haben wir immer noch einen sehr guten Finanzsenator, einen sehr guten Sozialsenator und viele andere gute Akteure in der Politik. Also von daher: Ich habe sieben Jahre Zeit und bin gerne bereit die Aufgabe zu übernehmen. Der war nur für Spaß!"

Als verantwortlicher Politiker sollte man die verschiedenen Interessen geschmeidig moderieren, aber irgendwann auch pragmatisch entscheiden, findet der Däne. Er lebt seit 1998 an der Ostseeküste – nur nicht mehr an der dänischen, sondern an der mecklenburgischen.

Seinen dänischen Pass möchte er behalten, einen deutschen nicht beantragen. Er fühle sich als dänischer Rostocker beziehungsweise als Rostocker Europäer. Der Mann, der am 26. Mai zum ersten ausländischen Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt gewählt werden möchte, habe keine Identitätsprobleme, sagt er. Und versucht es noch einmal mit der Eigenwerbung:

"Wenn ich Oberba … Oberbayer wäre, dann wäre ich nicht hier. (lacht) Ja, genau. Verstehen Sie Spaß? Ne? Okay."

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