Donnerstag, 22.10.2020
 

Frühkritik | Beitrag vom 26.03.2020

Kino on demand: "Isadoras Kinder"Eine Choreografie des Schmerzes

Von Anke Leweke

Beitrag hören Podcast abonnieren
Vor einem Spiegel probt eine rothaarige  Tänzerin in blauer Trainingskleidung die Geste, ein imaginäres Kind in den Armen zu wiegen. (Eksystent-FIlmverleih)
Szene aus "Isadoras Kinder": Das tote Kind noch einmal in den Armen halten, bevor man es gehen lässt. (Eksystent-FIlmverleih)

Nach dem Tod ihrer beiden Kinder 1913 schuf Isadora Duncan das Tanzsolo "Mother". Im Film "Isadoras Kinder" wird es von drei Darstellerinnen neu interpretiert: einem Mädchen mit Downsyndrom, einer jungen angehenden Tänzerin und einer älteren Frau.

Worum geht es?

Im Jahr 1913 verlor Isadora Duncan, die legendäre Pionierin des modernen Ausdruckstanzes, ihre beiden kleinen Kinder bei einem Autounfall in Paris. Als Versuch der Traumabewältigung schuf sie das Tanzsolo "Mother," in dem eine Mutter in einem Augenblick extremer Zärtlichkeit ihr totes Kind wiegt und streichelt, bevor sie es gehen lässt.

Dieses Solo lässt Damien Manivel von drei Frauen unterschiedlichen Alters tanzen bzw. umsetzen: von einer jungen angehenden Tänzerin, von einem Mädchen mit Downsyndrom und von einer älteren schwarzen Frau.

Was ist das Besondere?

Verbunden werden die drei Teile durch getanzte Trauerarbeit. Mit einer ruhigen Kamera begleitet der Regisseur die Frauen und ihre unterschiedliche Körperlichkeit. Die Tänzerin liest die Autobiografie von Isadora Duncan und studiert deren Tanzpartitur, versucht den in die Choreografie eingeflossenen Schmerz in ihren Bewegungen und Gesten nachzuempfinden.

Das Mädchen mit dem Downsyndrom wiederum erklärt ihrer Tanzlehrerin, dass sie kein Lampenfieber vor ihrem Auftritt haben werde und schaut sich aufmunternd im Spiegel an: "Ich kann das." Später, während der Aufführung, meint man, dass sie tatsächlich ein kleines Kind im Arm hält, so wahrhaftig wirken ihre Gesten.

Im Publikum sitzt die ältere Frau, ihr laufen Tränen über die Wangen. Vielleicht hat sie Ähnliches erlebt. Der Tanz scheint ihr Trost zu geben, sie fühlt sich in dem Schmerz des Stückes erkannt und aufgehoben.

Fazit

Ohne die Geschichten der drei Protagonistinnen näher zu kennen, kommt man ihnen näher – allein durch die Art, wie sie auf den Tanz reagieren und diesen umsetzen. "Isadoras Kinder" ist ein bewegender Film, der die Schicksale mehrerer Frauen über 100 Jahre hinweg durch den Tanz verbindet.

"Isadoras Kinder" von Damien Manivel
Frankreich 2019, 85 Minuten
Mit Agathe Bonitzer, Manon Carpentier, Marika Rizzi

Zu sehen auf der Online-Plattform
https://www.kino-on-demand.com/
Man bezahlt 10 Euro Eintritt und kann das Kino seiner Wahl dabei unterstützen.

Mehr zum Thema

Tipps für Corona-Tage - Kultur in Krisenzeiten
(Deutschlandfunk Kultur, Aktuell, 21.03.2020)

Filmverleih streamt Arthouse-Filme - Kino auf dem Sofa
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 19.03.2020)

Kino-Geheimtipps 2019 - Das Beste haben wir gar nicht gesehen
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 30.12.2019)

Kompressor

Zum Tod von Designer Enzo MariUrvater des Do-it-Yourself
Porträt von Enzo Mari. (Getty Images / Hulton Archive / Leonardo Cendamo )

Das Entwerfen um des Entwerfens willen lehnte Enzo Mari ab: Berühmt wurde der nun verstorbene Italiener mit schlichten Holzmöbeln zum Selberbauen. Der Architekt Andreas Glücker erinnert an einen Designer, der das Design für tot erklärte.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

Neu im Kino: "Bohnenstange"Bruch mit dem Heldenmythos
In einem Filmstill aus "Bohnenstange" ist eine Schauspielerin mit Kopftuch zu sehen. (Eksystent Distribution / Liana Mukhamedzyanova)

Leningrad nach dem Zweiten Weltkrieg: Zwei traumatisierte Frauen schlagen sich durch die zerstörte Stadt. "Bohnenstange" von Regisseur Kantemir Balagow ist kraftvolles Kino mit herausragenden Darstellerinnen und setzt auch politisch neue Akzente.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur