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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 03.04.2020

Kibbuz Misgav AmSchmerzhafte Erinnerung an den Überfall vor 40 Jahren

Von Silke Fries

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Die Silhouette zweier Weinreben umrahmt die aufgehende Sonne. (Getty Images / David Silverman)
Die Sonne geht über einem der Weinfelder von Misgav Am im Norden Israels auf. (Getty Images / David Silverman)

Im äußersten Norden Israels lebt es sich sehr ruhig. Doch am 7. April 1980 überfielen libanesische Terroristen das Kinderhaus des Kibbuz Misgav Am – ihr Ziel war es, palästinensische Gefangene freizupressen. Ein Besuch bei den Überlebenden.

Es weht ein starker Wind in Misgav Am, der Kibbuz liegt auf einem Berg, hier ist die Luft klar und die Sicht fantastisch: Im Osten sieht man übers Hula-Tal bis zum Berg Hermon, im Norden und Westen weit hinein in den Libanon bis zum Mittelmeer.

Am Rand von Misgav Am steht ein elektrischer Zaun, der Israel vom Libanon trennt. Fünf Terroristen der Arabischen Befreiungsfront durchschnitten ihn in einer Nacht vor 40 Jahren. Gideon Rapaport zeigt auf einen weißen Flachdachbau, der früher das Kinderhaus war.

Unten schliefen die ganz kleinen Kinder, im ersten Stock der Betreuer Meir Peretz und die bis zu Dreijährigen, darunter Gideons Tochter Adi.

Überfall auf das Kinderhaus

"Sie haben zuerst auf der Rückseite angegriffen und dort haben sie eines der Kibbuz-Mitglieder erschossen, das im Kinderhaus war. Und auf anderen Seite waren die kleinsten Kinder untergebracht, die gerade ein paar Monate alt waren.  Zwei Frauen  haben sich jeweils zwei Babys geschnappt und sich in der Toilette versteckt. Aber sie mussten zwei Babys zurücklassen. Die Terroristen haben die Babys genommen und sind in den ersten Stock gegangen. Dort war Meir, um auf die größeren Kinder aufzupassen. Und ich hatte nur ein paar Minuten davor meine Schicht im Kinderhaus beendet und war auf dem Weg nach Hause. Und die Terroristen blieben dort – von Mitternacht bis um zehn Uhr am nächsten Tag."

Die Terroristen hatten das Kinderhaus nur zufällig ausgewählt, ein anderes Haus auf ihrem Weg stand leer. Hier überwältigen sie Meir Peretz, der in der Nacht auf die Kinder aufpasste. Es sind die Tage um Pessach – das Fest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert und an das Ende der Sklaverei. Meir spricht langsam und bedächtig, als er sich erinnert – und er erinnert fast jede Einzelheit.

Kalaschnikow an der Stirn

"Ich hab sehr tief geschlafen und plötzlich wurde ich wach, weil ich sehr schnelle Schritte hörte. Das war etwa um ein Uhr nachts, und ich hörte, wie jemand hin und her lief. Zuerst dachte ich, das ist die Frau aus der anderen Gruppe, die kontrolliert, ob alles in Ordnung ist. Aber dann hörte ich auch Stimmen, und als ich die Augen geöffnet habe, stand plötzlich jemand im Khaki-Anzug und rotem Stirnband im Zimmer, der hat eine Kalaschnikow geladen und auf meine Stirn gerichtet. Ich bin zu Tode erschrocken und hatte wahnsinnige Angst, ich konnte kaum atmen. Und dann hab ich einen Schlag auf den Kopf bekommen, sie haben mich umgedreht, das Gesicht ins Kissen gedrückt, die Hände über dem Kopf zusammengeschnürt und die Füße gefesselt. Und ich durfte mich nicht bewegen, jede Bewegung hat sie sehr nervös gemacht. Und ich hab gar nicht verstanden, was da passiert."

Später wurde ihm klar: Die fünf Männer wollten palästinensische Gefangene aus israelischen Gefängnissen freipressen.

"In der absoluten Dunkelheit hörte ich die Stimmen von Kibbuzniks, die sich rund ums Kinderhaus versammelt hatten. Ich erinnere mich, dass sie sogar Richtung Kinderhaus schossen. Und im Haus wurde es absolut still. Dann hörte ich, wie die Kinder im Haus angefangen haben zu weinen. Und meine Fesseln waren sehr schmerzhaft, langsam hab ich gespürt, wie ich kaum mehr Blut in den Fingern und Füßen hatte. Aber dann haben die Terroristen mir plötzlich die Fesseln etwas lockert und ich hab verstanden, dass ich die Kinder beruhigen soll. Ich bin zu den Kindern gegangen und hab gesagt: ‚Schlaft, alles wird gut werden.‘ Dann hat mich ein Terrorist ans Fenster geführt und mir in sehr schlechtem Englisch gesagt, was ich den Kibbuz-Mitgliedern zurufen sollte: ‚Hört, Freunde von Misgav Am, wenn ihr schießt, dann werden sie uns umbringen.‘"

Psychologische Hilfe nur für die Kinder

Es gibt mehrere  Befreiungsversuche und am Ende gibt es Tote: Ein zweijähriger Junge, der Kibbuz-Sekretär und ein Soldat, auch die fünf Terroristen überleben diese Nacht nicht. Einige der Kinder, Meir Peretz und auch Soldaten sind verletzt.

Meir ist heute 65 Jahre alt und lebt fast am anderen Ende Israelis, in Nitzanim in der Nähe des Gazastreifens. Er ist ein schüchterner, zurückhaltender Mann. Über die Geiselnacht spricht er so gut wie nie, auch nicht mit seinen vier Söhnen. Seine Frau kritisiert, dass es damals nur für die Kinder psychologische Hilfe gegeben habe, nicht aber für die Erwachsenen.

"Der israelische Generalstabschef hat mich im Krankenhaus besucht, er hieß Raful. Und er hat mich gerügt dafür, dass ich im Kindergarten keine Waffe bei mir hatte. Ich muss sagen: Gott sei Dank hatte ich keine Waffe, sonst hätte ich nicht überlebt. Und unsere Aufgabe war es, den Kindern ein Sicherheitsgefühl zu geben. Natürlich hat mich jahrelang ein schlechtes Gewissen geplagt auch gegenüber den Eltern der Kinder. Vielleicht haben sie gedacht, dass ich die Zimmer der Kinder hätten zuschließen müssen. Aber die Kinder haben mir die Kraft gegeben, damit fertig zu werden. Auch wenn ich nichts hätte ändern können: Bis heute plagen mich Gewissensbisse, weil das Kibbuzmitglied erschossen wurde und auch der kleine Junge starb. Die ganze Sache ist bis heute nicht einfach für mich."

Als die Terroristen kamen, war Adi Rapaport drei Jahre alt, ein hübsches Mädchen mit blonden Locken, das fast jede Nacht im Kinderhaus schlief. Heute lebt Adi mit ihrem Mann und vier Kindern in der Arava-Wüste, nur wenige Kilometer sind es bis Jordanien. Adi züchtet Ziegen und verkauft den Käse auf dem Hof, ihre Kinder sind den ganzen Tag um sie, sie laufen fast das ganze Jahr barfuß. Es sei ein freies Leben in der Wüste, zwischen Totem und Rotem Meer. Weiter weg von Misgav Am geht es kaum.

Adi Rapaport (Silke Fries)Adi Rapaport lebt heute in der Avara-Wüste (Silke Fries)

"Ich liebe den Norden Israels. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass dort zu viel Menschen leben. Also ging ich mit 16 in ein Internat in der Wüste. Und ich hab von Anfang gespürt, dass das genau der richtige Platz für mich ist. Und mir war klar, dass ich hier bleiben würde. Vielleicht war das eine unterbewusste Entscheidung. Aber immer, wenn ich darüber nachdenke, habe ich sehr gute Erinnerungen an den Kibbuz Misgav Am und den Norden, Galiläa. Ich bin sehr oft wandern und klettern gewesen, ich kenne dort jeden Stein. Und mit meinen Kindern fahre ich dort jeden Sommer hin."

Angst anstatt Erinnerungen

Dass Adi von einer Handgranate an der Schulter verletzt wurde, das weiß sie nur aus Erzählungen. Woran sie sich erinnert, ist die Angst vor Hubschrauberlärm und vor Hunden. Ein Hubschrauber brachte die Soldaten, die Hunde griffen die Terroristen an. Heute, sagt Adi, belaste sie die Geiselnacht nicht mehr. Sie lebe voller Harmonie in der Wüste, unterrichte ihre Kinder zuhause, genieße die Ruhe und die saubere Luft.

"Was ich darüber denke, dass meine Eltern immer noch dort leben? Ich habe da gemischte Gefühle, aber eigentlich ist es verrückt. Denn auf der einen Seite ist Misgav Am einer der schönsten Flecken Israels, es ist wunderbar, so abgeschieden auf dem Berg zu leben. Ich selber lebe heute hier in der Arava-Wüste auch sehr abgeschieden und ich verstehe meinen Eltern vollkommen, dass sie so weit wie möglich von irgendwelchen Ballungszentren leben wollen. Es ist sehr schön in Misgav Am und die meiste Zeit auch sehr ruhig und entspannt und es ein leichtes Leben dort."

Blick in den Libanon vom Kibbuz Misgav Am (Silke Fries)Blick in den Libanon vom Kibbuz Misgav Am (Silke Fries)

Auch ihr Vater Gideon Rapaport gibt sich gelassen, die Nähe zum Libanon in Misgav Am lasse ihn kalt. Für Außenstehende nur schwer zu begreifen: Vom Hügel gegenüber haben schiitische Milizen immer wieder Raketen abgefeuert, die israelische Armee sucht die Grenze regelmäßig nach unterirdischen Tunneln ab. Wegzugehen aber war für Gideon nie eine Option:

"Mein Vater wurde in Russland geboren. Und während der russischen Revolution gab es viele Pogrome und er floh nach Deutschland. 1936 musste er aus Deutschland fliehen. Und er hat immer gesagt: Wir sind genug weggelaufen, jetzt sollen die anderen weglaufen."

Nurit und Gideon Rapaport in Misgav Am (Silke Fries)Nurit und Gideon Rapaport in Misgav Am (Silke Fries)

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