Kommentar
Fotografieren mit Film: Die analoge Welt gewinnt wieder an Attraktivität - vor dem Hintergrund einer digitalen Vertrauenskrise. © imago / teutopress
Die gebrochene Macht der Bilder
04:31 Minuten

Seit den 1990er-Jahren sind Bilder kulturell mächtiger als Sprache. Doch das könnte bald vorbei sein: KI-Manipulationen sorgen dafür, dass wir den Bildern nicht mehr trauen können. Die Folge: Verunsicherung und eine Rückkehr ins Analoge.
Gerade wieder online gewesen, ein bisschen Nachrichten gelesen, soziale Medien gecheckt – und ein paar Mal den eigenen Augen nicht getraut. So ist es, seit künstliche Intelligenzen in der Lage sind, Bilder und Videos zu generieren, die sich von echten Dokumenten nicht mehr unterscheiden lassen. Auf der Basis von ein paar Textzeilen kann KI einen Auffahrunfall mit verbeultem Sportwagen oder Bundeskanzler mit vollem Haar halluzinieren - eine virtuelle Spiegelwelt der Realität, die nicht mehr als virtuell erkennbar ist.
Außerhalb der Kunst sollten Bilder bisher genau das Gegenteil leisten: Sie sollten ein Abbild der Welt sein, belegen und bezeugen, was sich ereignet hat. Diese indexikalische Qualität war wohl der Grund, warum Menschen überhaupt angefangen haben, sich und ihre Umwelt zu malen. Mit den steinzeitlichen Handabdrücken in der Höhle von Lascaux fing es an.
Grundvertrauen in Wirklichkeitstreue
Später ließen sich herrschende Klassen in Stein oder in Öl verewigen, sicherlich nicht ohne Anwendung eines zeitgenössischen Beautyfilters. Die Erfindung der Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts versprach dann einen neuen – fast magischen – Realismus: Plötzlich ließ sich flüchtige Zeit auf Silberpapier bannen. Dann kamen Film, Fernsehen und Video. Anfang der 1990er waren Bilder erstmals so allgegenwärtig und prägend, dass sie kulturell mächtiger wurden als die Sprache.
Seit den ersten Fotos fürchteten die Leute, dass die Reproduzierbarkeit den Dingen ihre Seele nähme. Mit dem technischen Verständnis wuchs allmählich das Bewusstsein, dass nicht alle Bilder die Realität zeigen. Dass Fotos, Videos, Filmaufnahmen inszeniert, nachbearbeitet und optimiert werden, wie sich eben schon die ägyptischen Pharaonen und römischen Kaiser von ihren Bildhauern inszenieren ließen. Und trotzdem gab es immer ein gewisses Grundvertrauen, dass Abbildungen eine existente Wirklichkeit vermitteln.
Ironie der Mediengeschichte
Was KI-generierte Bilder zeigen, muss weder wirklich noch existent sein. Die Macht der Bilder könnte also dadurch gebrochen werden, dass wir ihnen endgültig nicht mehr trauen können. Und es erscheint als Ironie der Mediengeschichte, dass es ausgerechnet sprachbasierte Rechenmodelle sind, die das Vertrauen in Bilder untergraben – gewissermaßen eine späte Rache für die Entmachtung des Textes durch das Bild vor 30 Jahren.
Dieser Vertrauensbruch kann nicht folgenlos bleiben. Wir Menschen sind Augentiere. Was wir sehen, ist unsere Welt, und wie wir sehen, beeinflusst unser Handeln. Wenn wir uns auf den wichtigsten unserer fünf Sinne, den Sehsinn, plötzlich nicht mehr verlassen können, erschüttert das unser Weltbild und unser Selbstbild. Verunsicherung und Misstrauen erleben wir gerade auf vielen Ebenen. Und genau deshalb kann die digitale Vertrauenskrise sogar produktiv sein.
Trend zum Analogen
Jetzt sprechen endlich alle über ethisch vertretbare KI, über schädliche Social-Media-Inhalte, über die dringende Regulierung von Plattformen und Tech-Oligarchie. Offline-Communities sind eine wachsende Gegenbewegung zur Online-Vereinzelung.
Neue Mediennutzungsstudien zeigen in den USA wie in Deutschland, dass sich Erwachsene unter 39 zunehmend aus den sozialen Medien zurückziehen, um wieder mehr analoge Zeit zu verbringen. Mit Freunden, Hobbys oder der Familie. Zurück in Räume, in denen alle Sinne unmittelbar bezeugen können, was wahr ist. Man trifft sich im Konzert, im Theater, in der Sportarena, im Stadtteilzentrum, in der Bar, im Club oder der Selbsthilfegruppe. Ist das retro? Wohl eher eine moderne und pragmatische Antwort auf die KI-generierte Sinneskrise.


























