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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.12.2010

"Keine Geschichte für heute"

Frankreich streitet über Sarkozys Projekt "Haus der Geschichte Frankreichs"

Von Kathrin Hondl

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Nicolas Sarkozy (AP)
Nicolas Sarkozy (AP)

Der Staatspräsident will der "Seele Frankreichs" mit einem eigenen Museum nachspüren. Doch das Projekt wird von der Fachwissenschaft scharf kritisiert. Viele Historiker halten es für gefährlich, "neo-national" oder bestenfalls überflüssig.

Es geht schnell hoch her, wenn im französischen Radio – wie hier bei France Inter – über die geplante "Maison de l’Histoire de France" diskutiert wird. Staatspräsident Nicolas Sarkozy wünscht sich dieses "Haus der Geschichte Frankreichs". In den Gebäuden des französischen Nationalarchivs im Pariser Marais-Viertel soll schon im nächsten Jahr eine erste Ausstellung organisiert werden – als programmatisches Vorspiel für das dort geplante zentrale französische historische Museum das, so betont Sarkozy immer wieder, die "nationale Identität" Frankreichs stärken soll.

"Dieses Projekt ist gefährlich"

sagt dagegen der Historiker Nicolas Offenstadt, der zusammen mit mehreren anderen Wissenschaftlern – darunter so renommierten Historikern wie Jacques Le Goff oder Arlette Farge – gegen das geplante "Haus der Geschichte Frankreichs" protestiert:

"Es geht darum, eine neue nationale Meistererzählung zu bauen, eine neue nationale Identität zu stärken. Das ist für uns gefährlich. Das ist keine wissenschaftliche oder museale Frage, aber eine politische Frage. Und Geschichte ist nicht Politik."

Das Museumsprojekt der Regierung ist in den Augen der Historiker also ideologisch verdächtig. Besonders heftig kritisieren sie, wie die offiziellen Berichte und Studien für das "Haus der Geschichte Frankreichs" die Mission des neuen Museums beschreiben. Es gehe darum, die "Seele Frankreichs zu beleuchten", heißt es da. Das aber, sagt die Historikerin Arlette Farge, sei kein wissenschaftliches Konzept:

"Allein dieser Begriff – "die Seele Frankreichs" – ist für Historiker sehr problematisch, ideologisch problematisch. Das ist ein rückwärtsgewandter Diskurs, der mit unserer Arbeit in den Geschichts- und Humanwissenschaften nichts zu tun hat. Es ist nicht unsere Aufgabe, den Franzosen zu erklären, was die "Seele Frankreichs" sei. Unsere Aufgabe ist es, die Ereignisse zu erklären, die dazu geführt haben, dass Frankreich heute so ist, wie es ist."

Engstirnig und anachronistisch sei Sarkozys Projekt für das "Haus der Geschichte Frankreichs", urteilen Arlette Farge und Nicolas Offenstadt. Auch das geplante Herzstück des neuen Museums, eine Dauerausstellung in Form einer sogenannten "chronologischen Galerie", findet bei den Historikern keinen Zuspruch:

"Eine chronologische Galerie, eine chronologische Achse für das Museum, und auch ein sehr starker Platz für die großen Männer. Die großen Männer, Chronologie, und die verschiedenen Wegmarken für die Geschichte Frankreichs. Das ist keine Geschichte für heute,"

meint Nicolas Offenstadt.

Andere halten das Projekt schlicht für überflüssig. So zum Beispiel Pierre Nora, ein bekannter Historiker und Mitglied der Académie Française: In einem offenen Brief an den französischen Kulturminister Frédéric Mitterrand erinnert er daran, dass es in Frankreich bereits mehr als 1000 historische Museen gibt und dass allein diese Pluralität dem Land gerecht würde, nicht aber ein zentrales nationales Haus der Geschichte.

Angesichts der massiven Kritik haben Regierungsvertreter alle Mühe, das Projekt zu verteidigen. Auf die Frage, warum dieses neue Museum denn nun nötig sei – wo in Frankreich doch schon mehr Geschichtsmuseen als Käsesorten existieren – sagte Henri Guaino, der Berater und Redenschreiber von Staatspräsident Sarkozy, neulich in einem Radiointerview:

"Aus dem einfachen Grund: Weil man nicht mehr so sehr von der Geschichte Frankreichs spricht. Das fällt uns schwer in diesem Land, das eine tiefgreifende Identitätskrise erlebt. In Frankreich ist das schwerwiegender als anderswo, weil hier die Idee der Nation wichtiger ist als in vielen anderen Ländern. Deshalb glaube ich, dass es sehr nützlich ist, einen Ort zu haben, der die Speerspitze wäre aller Institutionen, die sich für die Geschichte Frankreichs interessieren."

Nach den Plänen der französischen Regierung sollte der wissenschaftliche Beirat für das geplante "Haus der Geschichte Frankreichs" eigentlich längst stehen. Ein "großer Historiker" werde im Herbst 2010 an seine Spitze berufen werden, heißt es auf der Homepage des Elyséepalastes. Nun ist es Winter geworden, und man darf gespannt sein, wen Kulturminister Mitterrand letztlich für den Beirat des neuen Museums gewinnen wird. Auch Nicolas Offenstadt, einer der schärfsten Kritiker des Projekts, wurde von der Regierung kontaktiert. Und er hat das Gesprächsangebot abgelehnt:

"Frédéric Mitterrand hat mich um ein Gespräch gebeten. Aber das ist nicht möglich für mich, weil diese Leute wollen nicht über Geschichte sprechen. Sie wollen nicht über eine kritische Geschichte sprechen. Sie wollen ein politisches Projekt entwickeln, und das hat nichts zu tun mit Geschichte oder Historikern. Diese Vorbehalte sind sehr stark – viele Historiker haben über diese Probleme geschrieben. So ist es für die Regierung sehr schwer, gute Historiker für diesen Beirat zu finden."

Unmöglich wird es aber wohl nicht sein. Denn nach und nach melden sich jetzt auch Befürworter des präsidialen Großprojekts zu Wort. So gilt der Historiker Jean-Pierre Rioux, Autor einer der umstrittenen Studien für das "Haus der Geschichte Frankreichs", als ein Favorit für die Leitung des wissenschaftlichen Beirats. Zur Kritik seiner Kollegen sagt er, Geschichte sei "nicht das exklusive Eigentum der Historiker" und: "Geschichtsschreibung sei nicht Sache der Historiker allein." Nichts scheint also unmöglich – auch nicht ein "Haus der Geschichte Frankreichs" ohne Historiker ...

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