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Lesart | Beitrag vom 12.05.2020

Katrin Schumacher über ihr Buch "Füchse"Perfekter Stadtbewohner und literarische Institution

Moderation: Joachim Scholl

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Ein Rotfuchs steht auf einem Parkplatz und schaut in die Kamera, im Hintergrund parkt ein Auto.  (picture alliance / imageBROKER / R. Priemer)
Zehn Mal mehr Füchse leben in der Stadt als auf dem Land, schreibt Katrin Schumacher in ihrem Buch. (picture alliance / imageBROKER / R. Priemer)

Die Literaturwissenschaftlerin Katrin Schumacher hat in der Reihe "Naturkunden" eine Kulturgeschichte des Fuchses verfasst. Für sie ist der Fuchs das "Tier der Stunde". Er ist niedlich und zugleich ein Räuber - und entzieht sich damit permanent der Eindeutigkeit.

Die Buch-Reihe "Naturkunden" des Matthes- und Seitz-Verlags präsentiert schön erzählte und meist prächtig illustrierte Kulturgeschichten aus der Welt von Flora und Fauna. Jetzt gibt es einen neuen Band: "Füchse. Ein Porträt", geschrieben hat ihn die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Katrin Schumacher.

Der Fuchs begleite sie schon ihr Leben lang, sagt Schumacher. Sie sei in den 70er-Jahren in der Bundesrepublik aufgewachsen. "Da hatte man die Bücher von Janosch zum Beispiel. Da war der Fuchs immer da."

Neben ihrer kleinen Kinderbibliothek sei der Fuchs auch in ihrem Leben präsent gewesen: "Ich komme vom Land", erzählt Schumacher. "Da musste man immer abends raus und den Hühnerstall zumachen, sonst kommt der böse Fuchs." Eine Sportlehrerin bezeichnete sie als "fixes Füchslein", weil sie schnell und wendig war.

"Perfekter Protagonist der Postmoderne"

In dieser Saison scheint der Fuchs in den Verlagen Konjunktur zu haben: Es erscheinen gleich mehrere Bücher über ihn. Katrin Schumacher nennt ihn das "Tier der Stunde".

Das könne man vor allem in der Kinderliteratur sehen, meint sie. "Der Fuchs ist sowas wie der perfekte Protagonist unserer dekonstruierten hyperkomplexen Postmoderne", sagt sie. "Er entzieht sich permanent einer Eindeutigkeit. In all seiner Niedlichkeit blitzt auch immer so etwas wie das Gegenteil auf. An ihm lässt sich wunderbar zeigen, wie misstrauisch man eindeutigen Zuschreibungen gegenüber sein sollte."

Die Tiere seien uns näher, als wir denken, so die Autorin. Wir seien von Millionen Füchsen umgeben. Wobei sie in der Regel nicht sichtbar seien – am meisten noch in der Stadt. Dort lebten zehn Mal mehr Füchse als am Land. Der Fuchs sei "der perfekte Stadtbewohner".

Dem Fuchs als "literarischer Institution" reiche kein anderes Tier das Wasser, schreibt Katrin Schumacher in ihrem Buch. Denn: Er sei schon immer dabei gewesen, sagt sie.

"Als der Mensch anfing, sich zu malen, hat er sich einen Fuchs an die Seite gemalt. Und als der Menschen anfing über sich selbst nachzudenken, hat er sich dieses Tier genommen und sich an ihm quasi ausbuchstabiert. Die Fabel zum Beispiel seit Äsop ist bestimmt vom Fuchs."

Er sei "ein Tier, an dem sich eine Dialektik von List, Schlauheit und Tücke ausbuchstabieren lässt". Auch Goethe sei vom Fuchs fasziniert gewesen, von seiner Doppeldeutigkeit und auch seinem gewissen Anarchismus.

Rehabilitationsprogramm im 20. Jahrhundert

Besonders im 19. Jahrhundert sei der Fuchs vor allem negativ dargestellt worden, berichtet die Journalistin. Aus dieser Zeit stamme auch das bekannte Lied "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" von Ernst Anschütz.

Im 20. Jahrhundert habe der Fuchs dann ein "erstaunliches Rehabilitationsprogramm" erlebt, das "den Fuchs für die Moderne und Postmoderne fruchtbar gemacht hat". Es tauchten plötzlich Texte auf, die ihn trotz oder gerade wegen seiner Ambivalenz instrumentalisierten, erklärt Schumacher.

Und er bleibt im ganzen 20. Jahrhundert interessant für die Literatur: Im Kleinen Prinzen" von Saint-Exupery spricht auch ein Fuchs weise Worte, jüngstens hatte er Auftritte in Lutz Seilers Roman "Kruso" und auch in Saša Stanišićs "Vor dem Fest".

(abr)

Katrin Schumacher, Judith Schalansky (Hg.): Füchse. Ein Portrait
Illustration: Falk Nordmann
Reihe: Naturkunden Bd. 60
Verlag Matthes & Seitz Berlin, 2020
159 Seiten, 20 Euro

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