Sachbuch "Autokorrektur"

Frau Diehl, hassen Sie Autos?

15:11 Minuten
Porträt von Katja Diehl, die an einer grauen Betonwand lehnt und sich in einem Fenster spiegelt.
13 Millionen Erwachsene haben in Deutschland keinen Führerschein. Auch an die Mobilität dieser Menschen müsse gedacht werden, sagt Katja Diehl. © S. Fischer Verlag / Linda Brack
Katja Diehl im Gespräch mit Christian Rabhansl · 09.04.2022
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„Autokorrektur“ hat Mobilitätsexpertin Katja Diehl ihr Buch genannt, und sie meint, was sie sagt: Diehl fordert viel weniger Autos auf den Straßen. In einem autoverliebten Land wie Deutschland kein leichtes Unterfangen.
Unter Autokorrektur verstehen wir normalerweise die technische Fähigkeit, Tippfehler in Schreibprogrammen zu korrigieren. Die Journalistin und Autorin Katja Diehl hat nun das Buch „Autokorrektur“ geschrieben und fordert darin das, was das Wort auch sagt: eine Korrektur des Autos beziehungsweise des Autoverkehrs.
In ihrer Arbeit für die Mobilitätswende habe sie gemerkt, dass viele Fakten über die negativen Folgen des Verkehrs und die drohende Klimakrise zwar bekannt sind, dieses Wissen aber grundsätzlich an unserem Verkehrssystem nichts ändern würde: „Und da habe ich gedacht, wie können wir das in neue Narrative packen?“ In 60 Interviews ist sie deshalb den Fragen nachgegangen: Was ist Parkdruck, was ist fließender Verkehr und welche Bedürfnisse haben eigentlich die einzelnen Menschen?

Willst Du oder musst Du Auto fahren?“

So hat die Journalistin Menschen ganz direkt gefragt: „Willst Du oder musst Du Auto fahren?“ Die Antwort darauf sei erst einmal Stille gewesen, sagt Katja Diehl, weil den Menschen vorher noch keiner diese Frage gestellt habe. Aber gerade in ländlichen Regionen, mit weiten Wegen zum Einkaufen, zur Arbeit, zur medizinischen Versorgung und schlechten ÖPNV-Anbindungen, hätte sich herausgestellt, dass viele mit dem Auto fahren müssten, weil es gar keine Alternativen gebe. Viele würden sich aber Alternativen wünschen.
Buchcover: "Autokorrektur" von Katja Diehl
Unser Verkehrssystem sei undemokratisch, sagt Katja Diehl, auch deshalb müsse eine „Autokorrektur“ her. © Deutschlandradio / S. Fischer
Katja Diehl zeigt in ihrem Buch vor allem auch die Perspektive von alten, kranken und von körperbeeinträchtigten Menschen oder auch von Kindern auf und sagt: „Wenn wir das System von heute im Verkehr einfach nur digitalisieren und Antriebe elektrisch machen, dann helfen wir ganz vielen Menschen nicht, die heute schon keine Lösung haben.“ Sie fordert eine Demokratisierung des Verkehrssystems, in dem jeder Mensch das Recht habe, ein Leben ohne Auto zu führen.

Und was ist mit Menschen ohne Führerschein?

In einer auf das Auto fixierten Gesellschaft wie in Deutschland wird die Journalistin mit solchen Forderungen oft auch als Autohasserin angefeindet. Sie selbst bestreitet das. Im Gegenteil, sie würde selbst ab und zu das Auto nutzen. Ihr gehe es vielmehr darum, das Auto als Teil eines Ganzen von Carsharing, ÖPNV, E-Scooter, Taxi, Rufbusse, etc. anzusehen. Dennoch könne sie die emotional geführte Debatte auch verstehen. Denn dahinter stehe ein Gefühl von Verlust, meint Katja Diehl.
„Das kommt daher, dass gerade im ländlichen Raum die Menschen wirklich ihr Leben vielleicht ohne Auto nicht abbilden können. Aber was heißt das denn für 13 Millionen Erwachsene zum Beispiel, die keinen Führerschein haben. In Deutschland dürfen die nur im ländlichen Raum leben, wenn die eben dieses Papier vorzeigen können und ein Auto. Ich finde, das ist nicht demokratisch.“

Was Städte einmal waren

Katja Diehl ist es auch wichtig, darauf hinzuweisen, was Städte ursprünglich einmal waren – nämlich „Begegnungsorte“. Und um ein solcher Orte der Begegnung wieder zu werden, sei in Europa zum Beispiel Paris Vorreiter, sagt Katja Diehl, wo das Konzept einer 15-Minuten-Stadt versucht werde: Innerhalb eines Quartieres sollen Menschen innerhalb einer Viertelstunde alles Wichtige zu Fuß erreichen, etwa Einkaufsmöglichkeiten, Schule und Kultur.
Ein anderes Vorreiter-Beispiel sei Barcelona mit sogenannten Superblocks: Dort ist innerhalb eines solchen Quartieres kein Autoverkehr mehr erlaubt. In Deutschland sei ein Positivbeispiel wiederum die geplante Siemensstadt in Berlin-Spandau. Und vielleicht sind dort ja Parkplätze tatsächlich irgendwann mal wieder Plätze fürs Parks und Grünanlagen. Das wäre für Katja Diehl zumindest ein Teil einer gelungenen Verkehrswende.
(jde)

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