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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.07.2019

Katharine Dion: "Die Angehörigen"Die Zweifel am Glück des Anderen

Von Manuela Reichart

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Das Debüt von Katharine Dion: Verzicht auf naheliegende Pointen. (Cover: Dumont Verlag / Bildcombo: Deutschlandradio)
Das Debüt von Katharine Dion: Verzicht auf naheliegende Pointen. (Cover: Dumont Verlag / Bildcombo: Deutschlandradio)

Plötzlich stirbt seine Ehefrau, und der alte Mann wird von Ungewissheit und einer schrecklichen Frage heimgesucht: War sie glücklich? Das Romandebüt der kalifornischen Autorin Katharine Dion lässt am Ende vieles offen - und ist deswegen rundum gelungen.

Jahrzehnte haben sie gemeinsam verbracht, ein Kind groß gezogen, ein Geschäft geführt, keine Reichtümer angehäuft, aber doch zufrieden und auskömmlich gelebt. Das jeden­falls dachte der alte Gene, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau auf sich allein ge­stellt ist, den die Einsam­keit plagt und der unversehens von einer grundsätzlichen Ungewissheit über­mannt wird. Viel­leicht war seine Frau nicht glücklich, vielleicht hat sie sich nach einem anderen Leben, einem anderen Mann gesehnt.

Die erwachsene Tochter ist dem Vater fremd und schürt die Zweifel über die Mutter. Wann hat er die Vertrautheit mit seinem Kind verloren? Warum können sie nicht mehr gemeinsam lachen? Existentielle Fragen, die sich am Ende eines Lebens stellen.

Jede Gewissheit ist abhanden gekommen

Die kalifornische Autorin Katharine Dion entwirft in ihrem gut geschriebenen und von Henning Ahrens besonders gut übersetzten Debütroman "Die Angehörigen" einen alten Mann, dem jede Gewissheit abhanden kommt, der sich nicht mehr zurecht findet; weder in seinem Alltag noch in der ver­meintlich eindeutigen Ver­sion des eigenen Lebens.

Sie erzählt die Geschichte eines Paares, vom schüchternen Anfang bis zum traurigen Ende, entwirft eine selbstbewusste junge Frau, die vielleicht an einen allzu braven Mann gerät. Wobei Dion ihre Sympathien gleich­mäßig verteilt, hier ist niemand im Recht oder Unrecht, weder er noch sie haben ent­schei­dende Fehler gemacht. In der Liebe gibt es jedoch keine letzten Sicherheiten.

Psychologisch genau, dramaturgisch geschickt

Es gibt in diesem psychologisch genauen, dramaturgisch geschickt sich in verschiedenen Zei­ten bewegenden Roman ein eindrucksvolles, offenes Ende, in dem alle Ver­mu­tun­­gen real und möglich, aber ebenso gut auch der übersteigerten Fantasie eines ver­wirrten alten Mannes entsprungen sein können.

Dass Katharine Dion auf naheliegende Pointen und Aufklärung verzichtet und eine mög­li­che Untreue unserer Fantasie überlässt, macht die Lektüre ebenso nachhaltig wie die souveräne Beschreibung verzweifelt-heiterer Alterssexualität, in die der alte Herr sich noch einmal flüchtet. Dass er dabei Sex mit Liebe verwechselt, offenbart ihm eine wunderbare Nebenfi­gur der Geschichte: eine freundliche Zugehfrau, die klug Grenzen zu ziehen weiß − und kündigt.

Katharine Dion: "Die Angehörigen"
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Du­mont Verlag, Köln 2019
288 Seiten, 22 Euro

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