Eskalation in Kasachstan

"Die Wut kommt nicht überraschend"

05:30 Minuten
Ein mit dem Rücken zur Kamera stehender Mann beobachtet ein brennendes Regierungsgebäude. Auf der blauen Jacke des Manns steht "Kasachstan"
Ausschreitungen in Kasachstan: ein Regierungsgebäude in Flammen. © Imago / ITAR-TASS / Yerlan Dzhumayev
Edda Schlager im Gespräch mit Dieter Kassel  · 06.01.2022
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Die Proteste in Kasachstan verschärfen den Machtkampf in der politischen Führung des zentralasiatischen Landes. Die Auslandsreporterin Edda Schlager rechnet mit einer längeren Phase der Instabilität und zeigt sich besorgt, sollte Russland eingreifen.
Die schweren Ausschreitungen in der Republik Kasachstan dauern an. In der Hauptstadt Almaty habe es vor dem Rathaus einen "heftigen Schusswechsel" zwischen Dutzenden bewaffneten Menschen und dem Militär gegeben, meldete die russische Staatsagentur Tass. 300 Soldaten seien etwa in gepanzerten Mannschaftswagen angerückt. Sie hätten den Platz umstellt. Auch Tote soll es mittlerweile geben.
In Kasachstan war es vor allem in der Millionenstadt Almaty zu gewalttätigen Protesten gekommen, nachdem die Regierung die Preise für Autogas verdoppelt hatte.
Demonstranten in der kasachischen Stadt Almaty 
 (Photo by  / AFP)
Protest gegen steigende Autogaspreise: Almaty ist "die Metropole des Protests", sagt unsere Korrespondentin.© AFP / Abduaziz MADYAROV

Das Internet ist erneut blockiert

Diese Wut habe sich "seit vielen Jahren angestaut", sagt die Auslandskorrespondentin Edda Schlager. Die freie Journalistin lebt seit 17 Jahren in Kasachstan. Sie versucht heute nach einem kurzen Weihnachtsurlaub in Deutschland nach Almaty zurückzufliegen. In der Nacht habe sie noch über das Internet mit Informanten in Kasachstan in Verbindung gestanden. Nun sei das Netz in Kasachstan zum wiederholten Male blockiert.

Große Unzufriedenheit in der Bevölkerung

Für Schlager kommt dieser massive Ausbruch von Gewalt und Protesten nicht überraschend. "Ich habe das sogar schon eher erwartet." Die Kasachen seien sehr unzufrieden, es herrsche eine hohe Korruption und die Eliten bereicherten sich.
Kasachstan, Almaty: Rauch steigt vor dem Rathaus auf, vor dem sich Demonstranten versammelt haben. Aus Protest gegen hohe Energiepreise sind in Kasachstan in Zentralasien den dritten Tag infolge Tausende Menschen auf die Straße gegangen.
Proteste in Kasachstan© Yan Blagov/AP/dpa
"Es gibt keine Perspektiven - jetzt durch die Coronapandemie wurde das noch verstärkt, dass die Leute um ihre wirtschaftliche Existenz gebracht werden."

Politischer Machtkampf an der Spitze

Schlager erwartet einen Machtkampf zwischen dem Präsidenten Qassym-Schomart Toqajew und seinem Vorgänger Nursultan Nasarbajew, der immer noch im Hintergrund die Strippen ziehe.
Der langjährige Staatschef, der seit der Umabhängigkeit des Landes an der Spitze stand, ist zwar 2019 zurückgetreten. Schlager sieht darin allerdings lediglich einen politischen Schachzug gewesen. Seine Macht sei ungebrochen, sein Nachfolger Toqajew lediglich ein Statthalter. Doch dies "scheint sich jetzt zu ändern."

Sorge vor Russlands Eingreifen

Dass Toqajew "Friedenstruppen" von Bündnispartnern im Ausland um Unterstützung gebeten habe und Russland nun zugestimmt habe, findet Schlager sehr beunruhigend. Kasachstan ist Mitglied der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS). Nun fürchte man in Kasachstan, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen könnte.
Sicherheitskräfte in Almaty in Kasachstan, die bei einer sogenannten Antiterroroperation eingesetzt sind, um Massenunruhen zu beenden.
Sicherheitskräfte in Almaty in Kasachstan, die bei einer sogenannten Antiterroroperation eingesetzt sind, um Massenunruhen zu beenden.© dpa/Valery Sharifulin
Schlager rechnet mit einer längeren Phase der Instabilität. Das kasachische Militär versuche derzeit, die Lage unter Kontrolle zu bringen. "Wenn jetzt noch russische Unterstützung kommt, wird es sicher nicht weniger martialisch werden."
Wie sieht Schlager die Zukunft des Landes? Es werden wohl einen Elitenaustausch geben. Für den Aufbau demokratischer Strukturen fehle es in Kasachstan an vielen Voraussetzungen.

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