Uran aus Kasachstan

    Früher Atombomben, heute Atomkraft

    24:08 Minuten
    Zwei Männer in weißen Schutzanzügen stehen auf Steppenboden und nehmen Strahlenmessungen vor.
    Heute ist das frühere Atomtestgelände Semipalatinsk in Kasachstan Sperrgebiet (Archivbild von 2008). © picture alliance / AP Photo / Uncredited
    Von Birgit Wetzel · 26.08.2021
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    In Kasachstan fanden bis 1989 mehr als 450 Atombombenexplosionen statt. Nach der Schließung des Testgeländes Semipalatinsk vor 30 Jahren setzt sich das Land für eine atomwaffenfreie Welt ein und exportiert gleichzeitig große Mengen Uran.
    Ein Bus fährt durch Öskemen. Die Stadt liegt in Ost-Kasachstan, nahe der Grenze zu Russland, zur Mongolei und zu China. Im Bus sitzt eine Gruppe von Journalisten auf dem Weg zur LEU Bank, dem weltweit ersten Vorratslager für schwach angereichertes Uran. LEU steht für Low Enriched Uranium.

    In dieser Folge des Weltzeit-Podcasts hören Sie auch, warum Alexander Rosen Kernkraft für entbehrlich hält und eine atomwaffenfreie Welt keine Utopie für ihn ist. Der Kinderarzt engagiert sich seit 20 Jahren bei den "Internationalen Ärzten zur Verhütung eines Atomkrieges" und untersucht die Folgen der Strahlung.

    © Privat
    Hinter einer schweren Eisentür zwischen hohen Mauern steht eine fast leere Halle. An den Wänden überall Videokameras. Die Bilder werden direkt in die Schweiz übertragen - nach Genf, in die Zentrale der IAEA, der Internationalen Atomenergiebehörde. Von dort wird das Gelände überwacht. Hier stapeln sich lange blaue, gelbe und weiße verschlossene Röhren aus Metall.
    Große blaue Fässer nebeneinander gestapelt in einer Halle.
    In den blauen Behältern der LEU Bank in Kasachstan befindet sich U3O3: Uranoxyd.© Birgit Wetzel
    "Dieses Lager ist für die Aufbewahrung von nuklearem Material. Selbst ausgelöste Kettenreaktionen sind möglich. Um die Sicherheit zu gewährleisten, ist das Gebäude mit einer Notfall-Alarmanlage ausgerüstet. Wenn sie ausgelöst wird, werden Sie die roten Lampen sehen. Wenn Sie den Alarm sehen, müssen Sie die Halle durch dieses Tor verlassen und zu einem Raum für Inspektionen gehen", erklärt Alexander Khodanov, der Direktor der Anlage.

    90 Tonnen schwach angereichertes Uran auf Abruf

    Kasachstan hat viel Erfahrung im Umgang mit nuklearen Stoffen – leidvolle, und gute. Grundlage ist das Uran, das unweit der LEU Bank in Öskemen abgebaut wird.
    Das Rohmaterial wird in die nahe gelegenen Produktionsstätten transportiert, wo Maschinen es zu unterschiedlichen Konzentrationen, Formen und Größen verarbeiten. Die kleinsten sind kleiner als ein kleiner Finger, die größten ruhen in langen, mit Metall ummantelten, fest verschlossenen und schweren Röhren, zeigt Alexander Khodanov: "Alles Material kommt auf dem Schienenweg hier an. Die Lokomotive fährt die Wagen mit dem Material direkt in die Halle. Mit dem Kran an der Decke laden wir das Material um und bringen es zu der Stelle, wo es verwahrt wird."
    In der kasachischen LEU Bank lagern drei verschiedene Stoffe: In den gelben Behältern sogenannter "Yellowcake" – das ist ein pulverförmiges Gemisch von Uranverbindungen. In den blauen Behältern befindet sich U3O3 – das ist Uranoxyd. Und in den weißen lagert schwach angereichertes Uran. Es enthält genug Uran, um Kernkraftwerke zu betreiben. Aber zu wenig, um damit Atomwaffen zu bauen. Ein Zylinder wiegt gut zwei Tonnen und kostet gefüllt circa zwei Millionen Dollar.
    Mit einer Spezialverpackung, sogenannten Overpacks, gelangen sie per Bahn zu weit entfernten Häfen und zu Kunden in aller Welt. Wann genau, auf welcher Route und welche Mengen transportiert werden, ist immer geheim.
    Bis zu 90 Tonnen schwach angereichertes Uran werden hier ständig auf Abruf gelagert, genug Brennstoff, um eine mittelgroße Stadt drei Jahre lang mit Strom und Wärme versorgen zu können. Idee dieses Projektes ist es, den für Leichtwasserreaktoren notwendigen angereicherten Brennstoff ständig zu bevorraten, sodass für Mitgliedsstaaten der IAEA keine Lieferengpässe entstehen.

    LEU Bank nötig für den Iran-Deal

    Die entsprechenden Verträge wurden am 27. August 2015 in Astana unterzeichnet. Vom kasachischen Minister für Äußere Angelegenheiten, Erlan Idrissow, und für Energie, Wladimir Schkolnik, sowie vom US-Senator Sam Nunn. Und vom damaligen Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde, Yukiya Amano, der den Grund für die Schaffung der Uran-Bank so erklärte:
    "Der Iran kann jetzt sein überflüssiges Uran an die Bank verkaufen und dafür schwach angereichtes Material erhalten. Dafür sind wir dankbar!"
    Erst durch die neue Uran-Bank in Kasachstan konnten der damalige "Iran-Deal" auf den Weg gebracht und die Sanktionen gegen Teheran Ende 2015 aufgehoben werden. Damals zeigte sich der Außenminister von Kasachstan, Erlan Indrisi, erleichtert: "Dies ist ein sehr wichtiger Tag in unserer Geschichte! Wir haben einen entscheidenden Schritt getan, um die Welt ein Stück sicherer zu machen!"
    Direktor der LEU Bank in Kasachstan, wo schwach angelagertes Uran gelagert wird: Alexander Khodanov. Er trägt blauen Anzug. Im Hintergrund sind die Fässer mit Uran.
    Direktor der LEU Bank für schwach angereichertes Uran: Alexander Khodanov.© Birgit Wetzel
    Insgesamt 150 Millionen US-Dollar haben Staaten für die Bank gegeben. Darunter die Europäische Union, die USA, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate, Norwegen und Kasachstan. Diese so unterschiedlichen Beteiligten haben gemeinsame Interessen: Sie alle wollen die Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung zwischen Staaten so weit wie möglich verringern und gleichzeitig die friedliche Nutzung von Kernenergie voranbringen.
    Im Klartext: schwach radioaktives Uran für die Atomkraftwerke gibt es über die Bank. Und im Geheimen selbst Uran anreichern für Atombomben soll verhindert werden.

    Maler Karibek Kuyukov: "Ich bin ohne Arme geboren"

    Dass die Uran-Bank gerade in Kasachstan entstanden ist, ist kein Zufall. Das riesige Land in Zentralasien hat viel Erfahrung mit nuklearen Stoffen. Die Führung der Sowjetunion testete in Semipalatinsk zahlreiche Atombomben.
    Zwischen 1949 und 1989 fanden in der dortigen Steppe 456 Atombombentests statt, davon 116 über der Erde. Sie hinterließen ein schweres Erbe. Unzählige Menschen in der nicht so ganz leeren Steppe sahen zu, wie sich bei oberirdischen Tests Atompilze über der Erde wölbten. Wer dort seine Heimat hatte, war der andauernden Gefahr durch nukleare Strahlung ausgesetzt. Die verheerenden Folgen waren damals noch nicht bekannt. Auch nicht den Eltern des Malers Karibek Kuyukov. Heute ist er 53 Jahre alt.
    "Ich bin 1968 in Egindybulak geboren. Das ist 100 Kilometer entfernt vom ehemaligen Polygon, dem Zentrum des Atom-Testgeländes Semipalatinsk. Ich bin ohne Arme geboren. Daran musste ich mich anpassen. Als ich angefangen habe zu malen, habe ich einen Bleistift mit den Zehen genommen und versucht, etwas auf Papier zu zeichnen. So entstanden die ersten Kinderbilder. Dann kamen die ersten richtigen Bilder. Dann Bilder mit Farben."
    Die Malerei machte Karibek Kuyukov in seiner Kindheit so viel Freude, dass er sich ernsthaft damit beschäftigte und Bücher über Malerei las. Inzwischen hatte er sich daran gewöhnt, mit dem Mund zu malen oder mit dem Fuß.

    Viele Kinder wurden mit Behinderung geboren

    "Ich bin nicht der Einzige, der mit dem Mund malt. Ich habe viele Menschen getroffen, die mit dem Mund malen. Man hat meine Arbeit gesehen und dann gab es natürlich Fragen, wie das möglich ist. Ich sage immer wieder: Ein Mensch muss sich anpassen, wenn er etwas tun will. Wenn ich etwas tun will, dann tue ich es, und versuche, es mit Kopf und von Herzen zu tun!"
    Die Bilder, die er heute malt, packen den Betrachter auf den ersten Blick. Sie zeigen Landschaften und oft die Atomtests und deren Folgen. Damit verarbeitet er wohl auch die eigene Situation.
    "Nun, ich, wurde in der Nähe des Testgeländes Semipalatinsk geboren und meine Eltern sahen die Tests mit eigenen Augen. Ich habe viele Familien mit behinderten Kindern kennen gelernt, die dort geboren sind.
    Meine Botschaft ist klar, das ist der Kampf gegen Atomwaffen. Ich habe damit wirklich ein Ziel für mein Leben. Und bitte beteiligen Sie sich an der Petition gegen Atomwaffen. Wir alle auf diesem Planeten sind einzigartig. Und wir wollen ohne Bedrohungen leben, ohne Angst."

    Seit 2009 ist Kasachstan der größte Produzent von Uran

    Das Atomtestgelände in Semipalatinsk ließ Präsident Nursultan Nasarbajew am 29. August 1991 schließen. Später wurde dieses Datum von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag gegen Nuklearversuche ausgerufen. Die Initiative kam ausgerechnet von Kasachstan.
    Das Land verfügte Anfang der 90er über das viertgrößte Nuklearwaffen-Arsenal der Welt. Die Regierung ließ hunderte Kilo hoch angereichertes Uran in die USA fliegen, mehr als 1000 nukleare Sprengköpfe wurden nach Russland gebracht und 1996 erklärte sich Kasachstan für atomwaffenfrei.
    Bis das Gelände von allen Überresten der Atomtests gesäubert war, dauerte es aber bis 2012.
    Heute wird vor allem die friedliche Nutzung der Atomkraft in den Vordergrund gestellt. Auch hier gibt es eine lange Geschichte: Kasachstan versorgte alle Atomkraftwerke der Sowjetunion mit Brennstoff und sorgte somit für billigen Strom in vielen Ländern. Und so wird trotz des problematischen strahlenden Erbes aus der Sowjetzeit Uran auch heute in Kasachstan geschätzt und genutzt. Roman Vassilenko ist Botschafter Kasachstans:
    "Kasachstan hat mit die größten Vorkommen an natürlichem Uran. Seit 2009 ist Kasachstan der größte Produzent von natürlichem Uran, darum wurde die ULBA Metallurgische Fabrik in Ust Kamenogorsk gebaut. Früher hat sie die U-Boot Flotte der Sowjetunion bestückt. Heute produziert sie nur noch Brennelemente für friedliche Zwecke."
    Im Osten Kasachstans, nahe der Grenze zu Russland, China und der Mongolei lagern rund 15 Prozent der weltweit bekannten Uranvorkommen im Boden. Das Gebiet Ost-Kasachstan liefert heute 23.000 Tonnen Uran im Jahr, gefördert vom Staatskonzern Kazatomprom aus zwanzig Zechen unter Beteiligung zahlreicher internationaler Firmen. Das ist rund ein Drittel der Weltproduktion. Mit dem Handel von Uran macht Kasachstan gute Geschäfte, denn bis heute ist es ein begehrter Stoff für Kernkraftwerke, aber auch in Medizin und Technik.

    Kasachstans Regierung setzt auf nukleare Energie

    Die umfangreichen Exporte verschaffen ihm zugleich politisches Gewicht. Denn viele Staaten brauchen Uran für ihre Kernkraftwerke. Auch Kasachstan setzt auf Kernkraft für seine zukünftige Energieversorgung.
    "Es gibt keine Alternative bei dem Energiemix, den die Menschheit braucht. Nukleare Energie hat ihren Platz, sehen Sie doch nach Japan. Nach drei Jahren haben sie ihr Nuklearprogramm wieder gestartet, nachdem sie ein striktes Sicherheitskonzept eingeführt haben."
    Gleichzeitig hat Kasachstan sich einen Platz als herausragender Akteur und Rohstofflieferant auf der internationalen Bühne gesichert und festigt damit seine internationalen Bindungen.

    Atomwaffen bringen keine Sicherheit

    Die Idee für die Schaffung einer Reservebank für schwach angereichertes Uran brachte Präsident Nursultan Nasarbajew 2009 auf, nachdem sich alle zentralasiatischen Staaten im September 2006 gemeinsam zur atomwaffenfreien Zone erklärt hatten. Im Dezember 2010 gab das Direktorium der Internationalen Atomenergiebehörde seine Zustimmung und bekundete im folgenden Jahr das Interesse, die Bank in Kasachstan zu errichten. Dann geschah nichts, bis die Internationale Gemeinschaft einen Platz für das nukleare Material aus dem Iran suchte und die alten Pläne wieder auflebten.
    Der Iran-Deal wurde später durch US-Präsident Trump gekippt und wird derzeit neu verhandelt. Die Uran-Bank in Kasachstan wird wieder eine wichtige Rolle spielen, um den Iran mit schwach-radioaktivem Uran zu versorgen und so eine friedliche Nutzung der Atomenergie zu ermöglichen, wie es auch Kasachstans Botschafter Roman Vassilenko seit vielen Jahren immer wieder fordert:
    "Wir können ohne Atomwaffen leben und wir sollten ohne sie leben. Es gibt einen besseren Weg, die Sicherheit eines Landes zu gewährleisten. Atomwaffen geben nicht die ultimative Sicherheit. Besser sollte man normale, für beide Seiten vorteilhafte, kooperative Beziehungen zu seinen Nachbarn und zum Rest der Welt aufbauen und die Sicherheit auf diese Weise gewährleisten."
    Das ehemalige Atomwaffentestgelände ist heute noch Sperrgebiet, jedoch ist es praktisch für jedermann zugänglich. Die für die Tests von Atombomben angelegten und größtenteils auch genutzten Stollen und Tunnel sind heute verfüllt und verschlossen. Die Strahlung misst heute, 20 Jahre nach der letzten Sprengung, einen Wert, der ungefähr 400-mal höher ist als der empfohlene Maximalwert.
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