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Lesart | Beitrag vom 31.08.2019

Kai-Fu Lee: "AI-Superpowers"Mehr Maschinenarbeit macht uns menschlicher

Von Jochen Dreier

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Buchcover "AI Super-Powers" von Kai-Fu Lee (Campus  Verlag)
China liefert die besten Bedingungen für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, behauptet Kai-Fu Lee in "AI Super-Powers". (Campus Verlag)

Bei der Entwicklung von künstlicher Intelligenz läuft China der USA den Rang ab, schreibt Kai-Fu Lee in seinem Buch "AI-Superpowers". Als ausgesprochener KI-Optimist lobt er das chinesische Regime - und glaubt an eine Zukunft der Menschlichkeit.

Vor nicht allzu langer Zeit wurde über Technologie aus China gelächelt, sie wurde als Kopie abgetan und den Chinesen nachgesagt, sie könnten selbst keine innovativen Produkte hervorbringen. Das Image hält sich teilweise bis heute, doch es könnte falscher nicht sein.

Der ehemalige Google-China-Chef und heutige CEO eines KI-Investmentfonds, Kai-Fu Lee, beschreibt in seinem Buch einen Zeitenwandel. Denn Chinas IT-Wirtschaft habe sich zwar aus einer anfangs durchaus starken Kultur der Kopie entwickelt, durch die besonderen Marktanforderungen und politischen Gegebenheiten des Landes aber zu einer eigenständigen, hochgradig effektiven und innovativen Branche entwickelt.

Der größte Datenmarkt

Der in Taiwan geborene Manager, der selbst aus der KI-Forschung kommt, in den USA studierte und dort ein Spracherkennungssystem entwickelte, für Apple und Microsoft arbeitete, erzählt aus einer Innensicht. China ist sein Terrain und nicht oft ist auch ein gewisser Stolz durchzuhören, wenn er über die Errungenschaften des kommunistisch regierten Landes spricht.

China hat den größten nationalen Datenmarkt der Welt. Und das ist am Ende der gewichtigere Vorteil, als die ebenfalls in hohem Maß vorhandene finanzielle Unterstützung der KI-Industrie durch die Regierung. Doch auch den "mörderischen Wettbewerb" innerhalb Chinas, macht Lee für das rasante Wachstum verantwortlich. In China sei die Konkurrenz und der Leistungsdruck höher als in den USA oder anderswo in der Welt.

Und vor allem hätten die Riesen aus dem Silicon Valley es nie geschafft, die besonderen Ansprüche des chinesisches Marktes zu durchdringen. Sie wären bis heute größtenteils der Meinung, dass ein gutes Produkt überall auf der Welt funktionieren müsse, egal welche Kultur diese nutze.

Die Welt der Gladiatorenunternehmen

Doch China habe ein "alternatives Internet-Universum" aufgebaut, das eigene Spielregeln und Datensätze hat. "Er erforderte marktgetriebene Unternehmen, handybasierte Internetnutzer, innovative Super-Apps, dicht besiedelte Städte, billige Arbeitskräfte, mobile Zahlungssysteme und einen staatlich geförderten Kulturwandel." Daraus sind Technologieriesen entstanden, die einen Gesamtwert von einer Billion US-Dollar haben.

Kai-Fu Lee spart nicht mit Kritik an der Art wie der Westen seine IT-Wirtschaft führt, hält sie teilweise, und teilweise berechtigt, für arrogant und ignorant gegenüber der chinesischen Realität. Doch gleichzeitig nutzt er geradezu martialisches Vokabular wie "Gladiatorenunternehmen", um das chinesische Business zu beschreiben. Und wenn dort alle Bewohner von ganzen Straßenzügen umziehen müssen, um Platz für KI-Startups zu machen, dann wird das unhinterfragt als richtige Staatsunterstützung beschrieben.

Die politischen Umstände in China, die Überwachung, Zensur und Verletzung von Privatsphäre, wie der Westen sie versteht, wird sogar eher als perfekter Nährboden für die Entwicklung von KI beschrieben: "... die politische Kultur in China ist nicht mit der in den USA verbreiteten Erwartung überfrachtet, dass zu jeder der oben genannten Fragen ein moralischer Konsens gefunden werden müsse. Die Förderung eines weiter gefassten Allgemeinwohls ... gilt als hinreichender Grund, um mit der Implementierung zu beginnen."

Ausgeprägter KI-Optimismus

Das Buch des KI-Investors, der selbstredend auf den Erfolg der von ihm finanzierten Produkte hofft, ist trotz der aus westlicher Sicht teils unkritischen Haltung gegenüber China, sehr lesenswert. Vor allem wegen des historischen Einblicks in die Entwicklung der chinesischen IT-Wirtschaft, der klugen Analysen, wie KI unsere Welt prägen wird, aber auch weil Kai-Fu Lee eine persönliche Note in das Buch einfließen lässt.

Durch eine Krebserkrankung, begann er seinen Arbeitsethos und sein vernachlässigtes Familienleben zu hinterfragen und änderte damit auch seinen Blick auf künstliche Intelligenz. Als ausgesprochener KI-Optimist hofft er, dass sie uns helfen wird, den Wert des menschlichen Lebens von der Ökonomie zu trennen. Arbeitsplätze werden verschwinden, also müssen wir uns wieder mehr über Menschlichkeit definieren und die Maschinen für uns arbeiten lassen. Ein Buch über KI-Supermächte, das tatsächlich auf dem Wort "Liebe" endet.

Kai-Fu Lee: "AI-Superpowers. China, Silicon Valley und die neue Weltordnung"
Campus 2019
320 Seiten, 26 Euro

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