Kae Tempest: „Ein Leben lang gesucht“
© Suhrkamp
Hinein in ein anderes Leben
06:42 Minuten

Kae Tempest
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Ein Leben lang gesuchtSuhrkamp, Berlin 2026391 Seiten
25,00 Euro
Lyrik, Spoken Word Poetry, Rap – und nun der zweite Roman. Kae Tempest kann offenbar alles. „Ein Leben lang gesucht“ erzählt die Geschichte einer Transition, durchaus pathetisch, aber auch ziemlich großartig.
Rothko Taylor, die Hauptfigur des zweiten Romans von Kae Tempest, saß fünfzehn Jahre im Gefängnis, wegen Totschlags, und hat dort eine Lektion gelernt: Routinen helfen, eine Struktur, feste Gewohnheiten, Selbstdisziplin. Das hält die Wut in Zaum, den Wunsch zuzuschlagen, abzutauchen, sich in Drogen und Alkohol zu verlieren.
Man kann nicht behaupten, Rothko liebe die Person, die sie früher war. Also gilt es erst einmal: hart arbeiten, Geld verdienen, Hände vom Alkohol lassen und irgendwie zurückfinden ins sogenannte normale Leben. Der Roman spielt im fiktiven britischen Küstenort Edgecliff, wo Rothko aufgewachsen ist und nun mit 36 Jahren ein neues Leben beginnt.
Pronomen sind auch Stilmittel
„Ein Leben lang gesucht“ könnte man eine Erweckungsgeschichte nennen. Es geht tief hinab in die dunklen Katakomben des Selbstzweifels und Selbsthasses, der Sucht und der Gewalt, um am Ende tatsächlich in eine Art Apotheose zu münden.
Molly Taylor, genannt Rothko, ist queer und ringt den ganzen Roman über um eine Geschlechtsidentität. Gegen Ende heißt es: „Ich bin ein Mann.“ Das klingt beinahe wie eine Erlösung. Bis dahin benützt Kae Tempest genderneutrale Neopronomen als angemessene sprachliche Form für seine non-binäre Hauptfigur. Sie machen Rothkos schmerzhaftes und quälendes Ringen spürbar.
Auch wer theoretisch mit dey/demm/deren vertraut ist, merkt, wieviel Mühe es kostet, eine Person nicht in Hinsicht auf ihr Geschlecht zu kategorisieren. Die Pronomen sind also auch ein äußerst gelungenes performatives Stilmittel des Romans.
Versöhnung
Am Ende ist es die körperliche Liebe zu Dionne, die Rothko dazu bewegt, sich als Mann zu identifizieren. Ein ganzes Leben fächert Kae Tempest auf. Es geht zurück bis in die Jugend, zurück zu den Drogenabstürzen der Mutter, dem jüdischen Vater, der eine Zeitlang versucht, die Familie zusammenzuhalten, der älteren Schwester, die sich immer um alles kümmert.
Das Gefühl, vom eigenen Körper abgetrennt zu sein, sich nach Berührung zu sehnen, ohne sich selbst annehmen zu können, beschreibt Tempest in aller Drastik. „Ein Leben lang gesucht“ ist durchaus pathetisch. Der Roman feiert das Leid und den Schmerz als Durchgangsstation zur Versöhnung – mit dem eigenen Körper, mit anderen Menschen und sogar mit Gott. Er endet mit einem Zitat aus der Genesis, das Rothko an Jom Kippur von seinem Vater als Liebesgabe zugeschickt bekommt.
Rhythmus, starke Bilder und jede Menge Emotion
Kae Tempest, der sich seit April 2025 als nichtbinärer Transmann identifiziert, hat als Kate Tempest debütiert und war von Anfang an ein Kraftwerk sprachlicher Energie und Bühnenpräsenz. Selbst „Verbundensein“, ein während des Covid-Lockdowns entstandener Essay, pulst vor Energie.
Er begann mit Lyrik und Spoken Word Poetry und ist ein ziemlich guter Rapper. Im Video zu „Know Yourself“ kann man die Transitionsgeschichte mit allen genretypischen Ingredienzien in Kurzform sehen. Rhythmus, starke Bilder und ein absolutes Gespür, wann man emotional auf die Tube drücken muss, zeichnen auch den Roman aus. Kae Tempest kann offenbar alles.
















