Diversität und Gender
Hijras sind in Bangladesch als weiteres Geschlecht gesetzlich anerkannt © picture alliance / Pacific Press / Bayazid Akter
Das "dritte Geschlecht" - so alt wie die Menschheit

Kritiker von Genderdiversität sehen geschlechtliche Vielfalt als neumodische Trends. Dabei genüge ein Blick in die Geschichte, sagt die Historikerin Morgane Llanque, um zu zeigen: Das "dritte Geschlecht" gab es in vielen Kulturen und zu allen Zeiten.
Teile der modernen Gesellschaft haben sich offenbar darauf geeinigt, dass es nur Männer und Frauen gibt. So heißt es beispielsweise in einem Beschluss der Deutschen Ärztekammer von 2024: "Aus medizinischer, sexualwissenschaftlicher wie auch aus biologischer Perspektive ist das Geschlecht eines Menschen eine am Körper feststellbare und in den allermeisten Fällen eindeutig zu bestimmende, keineswegs frei verfügbare, sondern unveränderbare Realität. Das Geschlecht ist biologisch binär."
Dabei gab es andere Formen der Geschlechtlichkeit schon immer, betont die Historikerin und Journalistin Morgane Llanque. Ob bei den Hijras in Südasien oder den Two Spirits in den indigenen Gemeinschaften Nordamerikas. Hinweise finden sich auch in der Bibel, bei Ovid oder Shakespeare. "In jeder Epoche und in fast jeder Region der Welt finden wir in Kulturen die Belege dafür, dass es immer auch dritte Geschlechter gab", sagt Morgane Llanque, Autorin des Buchs „Vielfalt – Eine andere Geschichte der Menschheit“.
Schon vor Tausenden Jahren gab es das "dritte Geschlecht" – also Personen, die nicht in das binäre Prinzip von Cis-Mann (ein Mann, der sich als Mann fühlt, und dem bei der Geburt auch das männliche Geschlecht zugeordnet wurde) und Cis-Frau passen.
Geschlechtervielfalt vor Tausenden Jahren
Beispielsweise wurden schon in der Eisenzeit Gräber von Menschen mit dem Klinefelter-Syndrom gefunden, also dem Chromosomensatz XXY. Bei dieser Chromosomenanomalie sind die Betroffenen anatomisch männlich, können aber ab der Pubertät mehr oder weniger feminine Merkmale entwickeln, darunter gerundete Hüften, Ansätze einer weiblichen Brust und eine geringere Muskelmasse.
Ähnliches zeigte ein Grabfund aus dem Mittelalter in Finnland. Die als "Kriegerin mit zwei Schwertern" bezeichnete Person wurde sowohl mit Waffen – die sonst nur Männern als Grabgaben beigegeben wurden - als auch mit weiblichen Grabgaben wie Broschen bestattet. "Diese Person könnte damit zu den wenigen Menschen gehört haben, die die strikten Geschlechterrollen des nordischen Mittelalters aufbrach und eine Zwischenposition einnahm", heißt es in einem Artikel von Scinexx.
Geschlechtliche Vielfalt als "Sünde"
Im Zuge des Kolonialismus sei Diversität in anderen Kulturen als primitive und sündig abgewertet worden. "Und es war oft Teil der Missionierung, diese Identität dann zu unterdrücken und zu verbieten", so Llanque. Diese Bewertung lebe bis heute fort.
Es gibt aber auch zahlreiche Beispiele für geschlechtliche Vielfalt, die auch in christlich geprägten Kulturen besteht und bestand. Etwa die Femminielli aus Neapel, eine stark katholisch geprägte Region. Die Femminielli sind Menschen, die meist bei der Geburt männlich gelesen wurden, sich selbst aber einem anderen Geschlecht zuordnen. Sie tragen oft Frauenkleidung und üben weiblich konnotierte Rollen aus. Es sei aber keineswegs mit trans gleichzusetzen, sondern handele sich um eine eigene, regionale Identität, betont Llanque.
Die Femminielli haben eine jahrhundertealte Tradition. Sie gelten als Glücks- und Fruchtbarkeitsbringer. Deswegen sind sie bis heute gern gesehene Gäste auf Hochzeiten – und ziehen oft die Lose bei Tombolas. Gleichzeitig wurden und werden sie diskriminiert und verfolgt.
Auch in der Bibel finden sich Geschichten, die als queer interpretiert werden können. Beispielsweise wird von der großen Liebe zwischen David und Jonathan erzählt. "Nach dem Gespräch Davids mit Saul schloss Jonathan David in sein Herz, und Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben. Er schloss mit David einen Bund, denn er hatte ihn lieb wie sein eigenes Herz", heißt es. Die Liebe zwischen David und Jonathan kann als rein freundschaftlich interpretiert werden, aber auch eine romantische Deutung ist möglich. Und in den jüdischen Schriften des Talmuds gebe es etliche Textstellen, die Menschen erwähnen, die weder Mann noch Frau sind, sagt die Rabbinerin Ulrike Offenberg.
Diversität und Queerness in Religionen
In zahlreichen Religionen klingt jedenfalls Queerness und Geschlechtervielfalt an. Beispielsweise beim Kybele- und Attiskult, deren Verehrung ihren Ursprung im heutigen Anatolien hat, dann auch im antiken Rom verbreitet war. Der Mythos dieser Gottheit erzählt vom Zwitterwesen Agdistis, das von den übrigen Göttern kastriert wurde – und sich dadurch in die Gottheit Kybele wandelte. Aus dem abgetrennten Geschlechtsteil entstand Attis.

Halb männlich, halb weiblich: die Gottheit Ardhanarishvara.© picture alliance / Pacific Press / Sudipta Das
Auch in der hinduistischen Mythologie wandeln Götter häufig ihr Geschlecht. Beispielsweise Ardhanarishvara – eine Gottheit, die zur Hälfte aus dem männlichen Shiva und zur Hälfte aus der weiblichen Parvati besteht. Und ähnlich wie die Femminielli in Neapel gibt es auch in Indien ein drittes Geschlecht, das Glück und Fruchtbarkeit bringen soll, im Alltag aber oft diskriminiert wird: die Hijras.
Für die Autorin Morgane Llanque lässt sich also festhalten: Geschlechterdiversität ist keine Mode unserer heutigen Zeit, sondern hat es immer schon gegeben. „Wenn irgendwas natürlich ist, dann ist es Diversität”, sagt Llanque.
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