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Lesart | Beitrag vom 27.02.2021

Julia Friedrichs: "Working Class"Warum das soziale Aufstiegsversprechen nicht mehr funktioniert

Julia Friedrichs im Gespräch mit Shelly Kupferberg

Ein Mann reinigt den Ausgang des U-Bahnhofes Brandenburger Tor in Berlin. (imago images / Jochen Tack)
Viel Arbeit, wenig Geld, keine Sicherheit: In Deutschland hat sich eine neue "Working Class" herausgebildet, die am Wohlstandszuwachs kaum teilhat. (imago images / Jochen Tack)

"Die Kinder werden es einmal besser haben als wir." Das war einmal. Von den nach 1980 Geborenen verdiene nur noch die Hälfte mehr als ihre Eltern, sagt Julia Friedrichs. In ihrem Buch "Working Class" geht sie den Ursachen dieser Entwicklung nach.

"Ich habe mich mit dem U-Bahnhof-Reiniger Sait immer wieder auf einen Kaffee getroffen, und im Frühjahr habe ich noch gesagt: Schauen Sie, Sait, jetzt wird es wahrgenommen. Jetzt wird sich etwas ändern."

Als in der ersten Phase der Pandemie für Krankenschwestern, Pfleger und andere geklatscht wurde, die dafür gesorgt haben, dass auch im Lockdown der Alltag in Deutschland weitergeht, hoffte die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs, dass sich infolge dieser neuen Wertschätzung auch die oft miserable Bezahlung dieser Berufsgruppen verbessern würde. U-Bahnhof-Reiniger Sait hatte diese Hoffnung nicht. 

"Er hat da schon gesagt: Nein, das wird es nicht. Und eine der traurigsten Erkenntnisse meiner Recherche war für mich, dass er recht behalten hat", sagt Friedrichs.

"Dass er am Ende dieses Pandemiejahres, wo er natürlich nicht im Homeoffice saß, sondern immer weiter geputzt hat und gereinigt hat, dass er da am Ende einen Einkaufsgutschein für 20 Euro bekommen hat, fürs Onlineshopping, und das war’s."

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Sait ist ein Angehöriger der neuen "Working Class", dem Dienstleistungsprekariat, um das es in Julia Friedrichs gleichnamigem Buch geht, das am 1. März erscheint. Untertitel: "Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können". 

In ihrem Buch geht Friedrichs nicht nur pandemiebedingten sozialen Verwerfungen nach, sondern nimmt auch langfristige Prozesse in den Blick, die dazu geführt haben, dass viele Menschen in Deutschland trotz eines Vollzeitjobs kaum von ihrer Arbeit leben können. Und dass viele keine Rücklagen haben, um gegen Eventualitäten gewappnet zu sein. 

Denn 50 Prozent der Menschen in Deutschland hätten kein nennenswertes Vermögen, betont Friedrichs. Diese Menschen hätten trotz eines für Deutschland goldenen Jahrzehnts am Wohlstandsgewinn der letzten Jahre kaum teilgehabt. Wie U-Bahnhof-Reiniger Sait: "Der verdient weniger als sein Vater eine Generation zuvor, der auch als Ungelernter gearbeitet hat."

"Die Kinder werden es einmal besser haben" gilt nicht mehr

Ungewöhnlich ist Saits Schicksal allerdings nicht. "Ich habe mit Ökonomen gesprochen, die Einkommen von Eltern mit dem ihrer Kinder verglichen haben", so Friedrichs. "Und die sehen in den 80er-Jahren einen Bruch. Das heißt, bei denen, die nach 1980 geboren werden, verdient nur noch die Hälfte mehr als die eigenen Eltern."

Gleichzeitig stieg die Zahl der Menschen, die überwiegend von ihrem Vermögen leben, in den letzten 20 Jahren um 70 Prozent an. Und das eine hängt laut Friedrichs mit dem anderen zusammen.

"In den Siebzigern waren Finanzwirtschaft und Realwirtschaft gleichauf. Inzwischen ist die Finanzwirtschaft auf das Vierfache angeschwollen. Das heißt, Kapital wird wichtiger, immer mehr Menschen beziehen Einkommen aus Kapital, aber das ist halt schlecht für die, die kein Kapital haben."

Ein Leben in Sicherheit bleibt ein Traum

Hinzu komme, dass der Staat sich hauptsächlich durch Abgaben auf Arbeit und Konsum finanziere. 

"Da würde ich mir schon ein Umsteuern wünschen. Das heißt, warum sagen wir nicht, die mit Kapital beteiligen sich jetzt ein bisschen mehr an der Finanzierung des Staates? Dafür können wir vielleicht die anderen entlasten und ihnen die Möglichkeit geben, aus eigener Anstrengung heraus ein sicheres Leben zu führen."

Genau das habe zum Beispiel Sait als seinen Traum formuliert: "Wenn ich so 1900 Euro im Monat verdienen würde, würde ich mich sicher fühlen. Und ich denke, das sollte auch so sein", sagt Friedrichs. 

In der "Working Class" kämpft jeder für sich

Auffallend findet die Journalistin, dass die neue "Working Class" sich offenbar nicht als Gruppe mit gemeinsamen Interessen empfindet. So ziehe zum Beispiel ein Ehepaar aus zwei Musikschullehrern, die durch die Pandemie wirtschaftlich stark betroffen sind, das Fazit: "Wir verlassen uns nur auf uns selbst." Auch der U-Bahnhof-Reiniger trete "sehr stark nach unten", sagt Friedrichs. 

"Das heißt, er regt sich sehr auf über die Menschen aus Osteuropa, die in die Stadt gekommen sind, die auf der Straße leben, in den Bahnhöfen liegen und ihm natürlich das Arbeitsleben schlechter machen. An denen arbeitet er sich ab, aber auch er hat nicht das Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, die entschieden für ihre Rechte eintritt."

(uko) 

Julia Friedrichs: "Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können"
Piper-Verlag, München 2021
320 Seiten, 22 Euro
Erscheint am 1. März

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