Judith Schalansky: "Marmor, Quecksilber, Nebel"
© Suhrkamp
Zwischen Reflexion und poetischem Eigensinn

Judith Schalansky
Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht istSuhrkamp, Berlin 2026175 Seiten
24,00 Euro
Suhrkamp gibt die Poetikvorlesungen von Judith Schalansky heraus. Mit ihren Überlegungen bewegt sich die Schriftstellerin nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern definiert diese auf eine eigene, schwindelerregende Weise.
Judith Schalansky wandelt nun schon seit einigen Büchern mit großer Grazie auf einem schmalen Grat, der viel Balancevermögen erfordert. Sie ist ständig unterwegs zwischen dem Realen und dem Imaginären.
Das ist jetzt auch in ihren Poetikvorlesungen so. Die Buchausgabe hat keine Gattungsbezeichnung, "Poetikvorlesungen" würde das Ganze zu sehr in eine bestimmte Richtung verschieben. Das Changieren zwischen Reflexion und poetischem Eigensinn, zwischen Theorie und Literatur ist etwas sehr Gegenwärtiges, es wirkt um einiges authentischer als die reine Fiktion.
Schalansky erzählt und analysiert zugleich
Das Erzählen ist seit Längerem nicht mehr so einfach zu haben. Im Normalfall sind akademische und theoretische Erfahrungen daran beteiligt und fließen unmittelbar in den Schreibprozess mit ein. Judith Schalanskys Literatur setzte dies vom Anfang an voraus, und in ihren Poetikvorlesungen bewegt sie sich damit nicht nur auf der Höhe der Zeit, sondern definiert diese Höhe auf eine eigene schwindelerregende Weise. Erzählt sie? Analysiert sie? Sie macht mindestens beides.
Der Titel "Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist" entspricht diesem Vorgehen. Alle drei Begriffe scheinen auf eine gewisse Materialität hin zu deuten. Sie decken aber bei weitem nicht alles ab, "woraus die Welt gemacht ist", es sind nur Beispiele, allerdings besonders schillernde und aussagekräftige.
Marmor, Quecksilber und Nebel entwickeln in den ihnen gewidmeten Essays sofort eine Eigendynamik. Sie entfalten ein Netz von Assoziationen und poetischen Reizen, und zwangsläufig stellt sich die Erkenntnis ein, dass die "Welt" zu einem beträchtlichen Teil genau daraus besteht und nicht nur aus genau umrissenen Materialien und Wörtern.
Ausflüge in die Kunst- und Kulturgeschichte
Der "Marmor"-Essay fängt mit einer griechischen Fähre an, auf der mehrere Marmorblöcke transportiert werden. Dabei verselbständigt sich der Marmor sofort und wird zum Ausgangspunkt für diverse Ausflüge in die Kunst- und Kulturgeschichte.
Beim Marmor, diesem edelsten aller Gesteinsformationen, stellt sich auch unwillkürlich die Frage nach dem Wesen der Kunst. Und gerade, weil der Marmor so konkret ist, weil seine Beschaffenheit bis ins kleinste Detail beschrieben wird, entsteht ein Rätsel, das immer größer wird, und der antike Mythos um Pygmalion, Michelangelo oder der Leipziger Psychophysiker Gustav Theodor Fechner befeuern es noch.
Abgrund des Wissens
Der Marmor ist poetisch und widersprüchlich, und genau dasselbe wird auch mit den weitaus fluideren Substanzen Quecksilber und Nebel herausgearbeitet.
Beim überaus tollen "Quecksilber"-Text landet die Autorin schnell bei der Alchemie, als Gold hergestellt werden sollte und Quecksilber dabei eine beträchtliche Rolle spielte. Das stellt eine Verbindung zu allen möglichen Kreuzungen her, bis hin zu dem von Kafka imaginierten Tier zwischen Katze und Lamm, dem "die Haut zu eng" ist – bei Schalansky wird das zu einem tiefgründigen Bild über Abgrund und Wissen.
Im "Nebel"-Essay kokettiert die Autorin offen mit dem geheimen Wunsch der Mathematikerin Ada Lovelace aus dem 19. Jahrhundert, sich nicht auf bloße Zahlen festlegen zu lassen und von einer "poetischen Wissenschaft" zu träumen. Und tatsächlich: Judith Schalansky betreibt genau das.









