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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 22.01.2018

Juden in DeutschlandAntisemitismus lässt sich nicht abschieben

Von Holger Michel

Teilnehmer einer Demonstration verbrennen am 10.12.2017 eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Berlin im Stadtteil Neukölln. Die geplante Verlegung der US-Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem sorgte auch in Berlin für Proteste. Bei den pro-palästinensischen Demonstrationen wurden Fahnen mit dem Davidstern angezündet. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)
Teilnehmer einer Demonstration in Berlin verbrennen eine Fahne mit einem Davidstern. (picture alliance / dpa / Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus)

Wie lässt sich Antisemitismus bekämpfen? Diese Frage wird zurzeit in Berlin intensiv diskutiert. Holger Michel meint, vor allem der Kontakt mit jüdischen Mitbürgern sei das Mittel, um Antisemitismus gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die Krankheit war nie weg, aber heute ist sie sichtbarer denn je in unserer Republik. Nachdem wir es über Jahrzehnte geschafft haben, den tief verankerten, sich stabil bei acht bis 12 Prozent in unserer Gesellschaft haltenden Antisemitismus zu ignorieren, sorgen nun Demonstrationen, angeführt von einer Mischpoke aus vermeintlichen Linken der Israel-Boykott-Bewegung, Rechten und Migranten, Anschläge auf Synagogen und Angriffe auf jüdische Schüler dafür, dass wir rund 70 Jahre nach Auschwitz bekennen müssen: Wir sind von der Krankheit des Antisemitismus' nicht geheilt. 

94 Prozent antisemitischer Straftaten sind rechtsextrem motiviert

Ihn auszumerzen - in diesem Ziel sind sich Demokraten und Demokratinnen einig. Gerade hat der Bundestag beschlossen, einen Antisemitismus-Beauftragen einzusetzen: richtig und gerade rechtzeitig. 

Doch das Rezept für das "wie" wird häufig unüberlegt ausgestellt. So will die CDU jeden auszuweisen, der "jüdisches Leben in Deutschland ablehnt oder das Existenzrecht Israels infrage stellt". Klingt gut. Gilt aber freilich nur für Ausländer, denn Deutsche lassen sich schlecht ausweisen.

Was plant man mit deutschen Antisemiten? Schließlich waren laut Bundesinnenministerium 94 Prozent aller antisemitischen Straftaten rechtsextrem motiviert – die Antwort fehlt. Das macht einen falschen Antrag noch falscher. 

Deutsche Antisemiten lassen sich nicht ausweisen

Das Existenzrecht Israels bleibt deutsche Staatsräson und wer gegen Juden hetzt, hat in unserem Land nichts zu suchen! Aber erstens wird man das Problem des Antisemitismus nicht lösen, wenn man sich nur auf Ausländer beschränkt.

Zweitens kann man Menschen nicht in mögliche Kriegsgebiete ausweisen, weil sie das Existenzrecht Israels infrage stellen. Das ist zwar falsch, aber eben nicht strafbar. Drittens, und das ist der entscheidende Punkt: Mit Ausweisungen schieben wir das Problem weg. Wir lösen es nicht. Damit ist der Schritt ein guter, aber nicht mal halbherziger, vielleicht gar Populismus und ein Feigenblatt für den deutschen Antisemitismus. Den deutschen Juden hilft er wenig. 

KZ-Besuche allein verhindert Antisemitismus nicht

Staatssekretärin Sawsan Chebli von der SPD denkt da weiter. Sie fordert, dass das Besuchen von KZ-Gedenkstätten Pflicht werden soll - für alle in Deutschland lebenden Menschen. Der Gedanke ist nicht neu, und er ist auch nicht falsch. Nichts hat mir das von Menschen verursachte Unmenschliche so nah gebracht wie mein erster Besuch eines KZs, nichts hat mir die Notwendigkeit eines jüdischen Staates so deutlich gemacht, kein Buch und kein Film haben mich je so tief getroffen heulen lassen. 

Und trotzdem löst der Besuch das Problem nicht. Verhindert das Vorführen der Vernichtungsmaschinerie der deutschen Vergangenheit wirklich Antisemitismus? Nein. Denn auf wen treffen wir im KZ? Nicht auf Juden. Sondern auf tote Juden. Der tote, vergaste und entmenschlichte Jude wird zum Objekt, zum Abstraktum der braunen deutschen Geschichte – aber nicht zum Subjekt, nicht zum greifbaren Menschen, der unsere Nachbar sein könnte.

Gegen Antisemitismus hilft nur aktives Miteinander

Das beste Mittel gegen Antisemitismus ist blühendes jüdisches Leben in Deutschland; ist das selbstverständliche Miteinander unter Nachbarn, Schülern, Kollegen und Freunden. 

Statt also zu überlegen, wie wir antisemitische Ausländer am besten loswerden oder großangelegte KZ-Besuche organisieren müssen wir Menschen Menschen kennenlernen lassen und dafür sorgen, dass sich deutsche Schulklassen und Vereine, aber eben auch Teilnehmer von Integrationskursen mit deutschen, jüdischen Gemeinden, jüdischen Schulen und jüdischen Vereinen treffen. Vorurteile bekämpft man durch kennenlernen.

Der Besuch im KZ ist darüber hinaus wichtig, um deutlich zu machen, zu welcher Perversion die Menschheit fähig ist. Der Kontakt mit unseren jüdischen Mitbürgern aber ist das Mittel, um Antisemitismus gar nicht erst entstehen zu lassen. 

Holger Michel, Vorstand des Vereins "Nachbarschaft e. V." in Berlin  (Freia Königer)Holger Michel (Freia Königer)Holger Michel ist gebürtiger Berliner, Kommunikationsberater, Buchautor und Vorstand der Vereine "Nachbarschaft e. V. " und "Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V.". Auch als Sprecher der Freiwilligen in der Notunterkunft Rathaus Wilmersdorf beschäftige er sich mit dem Thema Antisemitismus unter Geflüchteten

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