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Breitband | Beitrag vom 02.06.2018

Journalismus und DemonstrationenEine Debatte um Objektivität

Von Daniel Bouhs

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Eine Frau filmt mit einem Smartphone einen Demonstrationszug. (Photo by Alice Donovan Rouse on Unsplash)
Beobachter sein oder Teil der Demonstration, das ist die ethische Frage. (Photo by Alice Donovan Rouse on Unsplash)

Unter dem Motto "AfD wegbassen" gab es große Demonstrationen gegen den Aufmarsch von AfD und ihren Anhängern. Daraufhin trat ein Journalist der "ZEIT" eine Debatte los. Er findet es problematisch, dass viele seiner Kollegen an den Demos teilgenommen hatten.

Wie so oft, löste ein ein kleiner Tweet, eine große Diskussion aus: Martin Machowecz, der das Leipziger Büro der "ZEIT" leitet, hat am vergangenen Wochenende notiert: "Ich sehe recht viele Journalisten in meiner Timeline, die gestern offenbar mehr oder weniger privat an einer Demo namens 'AfD wegbassen' teilgenommen haben. Ich finde das problematisch. Kann man denn dann am nächsten Tag wirklich wieder glaubwürdig über die AfD schreiben?"

Politische Hygiene von Journalisten

Machowecz wünscht sich Distanz von seinen Kollegen. Sein Tweet hat hunderte Kommentare und einige Zeitungsartikel provoziert – also eine echte Debatte losgetreten, sozusagen über die politische Hygiene von Journalisten. Schnell wurde deutlich, dass es zumindest keine einiheitliche Meinung dazu gibt. Daniel Bouhs hat sich die Reaktionen angeschaut und mit Kollegen darüber gesprochen. "Spiegel"-Reporterin Melanie Amann ist auf der Seite Machoewcz: 

"Wenn ich mich einem Demonstrationszug gegen die AfD anschließe, dann bin ich eine Gegnerin der AfD. Dann kann ich aber keine AfD-Berichterstatterin mehr sein. Das schließt sich für mich einfach aus. Es kommt auch noch ein wichtiger Faktor hinzu: Dass die AfD ohnehin nur darauf wartet, aus meiner Sicht, dass Journalisten das AfD-Klischee erfüllen, dass sie Feinde der Partei sind."

Persönliche Sprechorte

Andrej Reisin vom NDR-Recherchemagazin "Panorama" meint dagegen: 

"Ich habe auch in anderen Bereichen ganz dasselbe Problem: Wenn ich Umweltjournalist bin, berichte ich kritisch über Unternehmen, die Umweltverschmutzung betreiben. Zum Beispiel. Und das kann auch durchaus sein, dass ich beispielsweise Mitglied im BUND bin oder dass ich mich anderweitig umweltpolitisch engagiere. Deswegen glaubt aber keiner Mensch, dass ich deswegen nicht Unternehmen interviewen kann, die die Umwelt verschmutzen."

Alle Journalisten haben eine persönliche Perspektive. Andrej Reisin wünscht sich, dass wenn man diese Debatte um die Objektivität von Journalisten schon führt, dann müsste man sie groß führen. Dann gehört auch die persönliche Biografie der Berichterstatter dazu, Transparenz könne da ja schon helfen. 

Deutlich wird durch die Diskussion, dass der Journalismus sich durchaus immer wieder selbst in Frage stellen muss und sollte, um sich seiner gesellschaftlichen Aufgabe und Bedeutung klar zu werden. 

Mehr zum Thema

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