Konfliktsensibler Journalismus im Ukraine-Krieg

Vielschichtig berichten statt Hollywood-Schablonen

13:56 Minuten
Ein Journalist mit Kamera und einer Jacke mit der Aufschrift "PRESS" steht vor zerstörten Gebäuden.
In der Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine beobachtet Carola Richter, dass verstärkt auf nationale Stereotype zurückgegriffen werde. © picture alliance / abaca / Raphael Lafargue
Carola Richter im Gespräch mit Vera Linß und Martin Böttcher · 09.04.2022
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In Berichten über den russischen Angriffskrieg nutzen Medien filmreife Erzählungen und ein Gut-Böse-Schema, sagt Carola Richter. Die Kommunikationswissenschaftlerin warnt vor "Völkerfeindbildern" und plädiert für einen konfliktsensiblen Journalismus.
Europäische Medien widmen gerade den Großteil ihrer Berichterstattung dem Krieg Russlands gegen die Ukraine. Dabei werde durch den Journalismus allerdings ein Gut-Böse-Schema aufgebaut, beobachtet Carola Richter. “Ich finde das durchaus auch nachvollziehbar angesichts dessen, dass wir es hier mit einem Angriffskrieg zu tun haben”, sagt die Expertin für Auslands- und Kriegsberichterstattung von der FU Berlin.
Allerdings würden in vielen journalistischen Berichten “nationale Stereotypen und regelrechte Völkerfeindbilder” reproduziert, beobachtet die Kommunikationswissenschaftlerin. Das zeige sich etwa in der Wortwahl, wenn es um "die Russen" und "die Ukrainer" gehe. Das führe auch zu einer "kollektiven Beschuldigung" der russischen Bevölkerung und einer "kollektiven Inschutznahme" von ukrainischen Bürgern.
Eine Auseinandersetzung mit dem sehr vielschichtigen Konflikt werde damit verhindert, erklärt Carola Richter: "Das scheint mir problematisch, da wir im journalistischen Feld sind und nicht in Hollywood, wo tatsächlich immer dieses Gut-Böse-Schema gut funktioniert im Storytelling."

Ausdifferenzieren statt Verallgemeinern

Carola Richter rät deshalb, sprachlich zu diversifizieren. Journalisten könnten zum Beispiel von "dem russischen Regime" oder "der russischen Armee" sprechen. Außerdem würde es helfen, hintergründiger zu berichten und nicht nur auf aktuelle Nachrichten einzugehen. Eine Vorgehensweise, die auch in konfliktsensibler Berichterstattung und dem sogenannten Friedensjournalismus genutzt wird. 
Ursprünglich stammt diese Konzept nicht aus dem Journalismus, sondern wurde von Friedens- und Konfliktforschung zusammen mit den Sozialwissenschaften erarbeitet. Das Wichtige ist hier, nicht die Erzählperspektive des Militärs zu übernehmen, sondern Hintergründe zu liefern und friedliche Perspektiven aufzuzeigen.

Auch Perspektiven der Betroffenen werden gezeigt

Einige Forderungen aus dem Friedensjournalismus würden aber auch schon erfüllt: Auffällig sei zur Zeit zum Beispiel, dass Medien Wert darauf legen, auch die Perspektiven der Betroffenen dieses Krieges zu zeigen und nicht nur Eliten oder Politiker zu Wort kommen zu lassen. Allerdings gelte das für die ukrainische Seite. Stimmen aus Russland würden viel zu wenig gehört. Davon würde sich Carola Richter mehr wünschen, denn auch das präge das äußere Bild auf den Konflikt sehr.
Ihr Appell an Journalisten lautet: "Journalisten sollen nicht nur dazu da sein, reine Fakten zu kolportieren. Was mir wichtig zu sein scheint im journalistischen Beruf, ist, dass hier die Verantwortung gesehen werden sollte, Dinge tatsächlich einzuordnen, Hintergründe zu liefern und das bedeutet dann auch noch mal, die richtigen Fragen zu stellen.” Damit einher gehe zum Beispiel auch, Entscheidungen von Politikern zu hinterfragen.

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