Kommentar

Transparenz ist keine lästige Nebensache

An einem Kiosk sind verschieden Zeitschriften und Zeitungen in Ständern zu sehen
Eine gute Berichterstattung, deren Qualität sich an klaren Kriterien messen lässt, ist unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie, meint Kommentator Michael Meyer © IMAGO / Bihlmayerfotografie / IMAGO / Michael Bihlmayer
Ein Einwurf von Michael Meyer |
Redaktionen sollten Recherchewege, Fehlerkorrekturen und den Einsatz von KI noch nachvollziehbarer machen. Ombudsstellen und verbindliche Standards können das Vertrauen des Publikums sichern.
Der Protest gegen die geplante Einschränkung des Informationsfreiheitsgesetzes hat gute Gründe: Ohne Akteneinsicht wäre mancher Skandal nie aufgeflogen. Wer Auskunft verlangt, muss damit rechnen, dass die Frage zurückkommt. Wie hält es der Journalismus mit der eigenen Transparenz?
Es gibt gute Beispiele. Manche Redaktionen erklären inzwischen, wie ein Text entstanden ist, was die Schwierigkeiten bei der Recherche waren und was möglicherweise nicht geklappt hat.
Die "Zeit" betreibt dafür seit Jahren einen eigenen Podcast, „Hinter der Geschichte“. Medien wie tagesschau.de, Correctiv und netzpolitik.org verlinken ihre Quellen und erlauben dem Publikum, eine Recherche nachzuvollziehen. Warum machen das nicht mehr Redaktionen?

Verwendung von KI nicht offengelegt

Das liegt wohl an einem hartnäckigen Rollenverständnis. In Vor-Internet-Zeiten nannte man Journalisten die „Gate-Keeper“, also die Türsteher, die entscheiden, was in die Zeitung oder den Sender kommt. Wer die Tür bewacht, muss nicht erklären, warum er es öffnet oder schließt. Nur schützt Undurchsichtigkeit keine Autorität. Sie zehrt sie auf.
Wie eklatant das werden kann, zeigte der Herbst 2021. Das Investigativ-Team der Ippen-Gruppe hatte monatelang über Machtmissbrauch durch den damaligen „Bild“-Chefredakteur recherchiert, juristisch geprüft und abnahmebereit. Dann untersagte der Verleger die Veröffentlichung: Man wolle einem Wettbewerber nicht schaden. Das Publikum erfuhr davon erst, als New York Times und Spiegel die Recherche brachten. Auch die KI-Fälle dieses Jahres gehören hierher: Im Februar verwendete das ZDF im „heute journal“ eine KI-generierte Videosequenz; im Juni musste der Tagesspiegel einräumen, dass sein früherer Chefredakteur wochenlang Meinungstexte von einer Maschine hatte schreiben lassen.

Wo sind korrigierende Instanzen?

Beide Häuser haben danach Rechenschaft abgelegt: Entschuldigung, Offenlegung des Hergangs, externe Prüfung. Nur kam der Anstoß von außen: von Zuschauern, Medienjournalisten, einem Plagiatsforscher. Das ist das Muster. Transparenz, die erst einsetzt, wenn die Sache ohnehin öffentlich ist, ist Schadensbegrenzung. Eine Kultur ist sie nicht.
Es fehlt an Instanzen, die nicht erst im Krisenfall anspringen. Oder wissen Sie, an wen Sie sich wenden müssten, wenn Ihnen etwas auffällt? Ombudsleute könnten das übernehmen – sie sind das Scharnier zwischen Publikum und Redaktion. Bei gut 320 deutschen Tageszeitungen gibt es nur rund ein Dutzend von ihnen. Das ist zu wenig. Auch bei großen internationalen Medien sieht es manchmal nicht besser aus: Die Washington Post schaffte ihren Ombudsmann 2013 ab, die New York Times ihren Public Editor 2017 – die sozialen Netzwerke erledigten das schon, hieß es.

Ein Vorbild: Aufklärung im Fall "Relotius"

Wie es anders geht, hat der Spiegel nach dem Fälschungsskandal um Claas Relotius vorgeführt – nicht nur mit dem Bericht der Aufklärungskommission, den er im Wortlaut publizierte. Rund vierzig Vorschläge wurden umgesetzt: eine unabhängige Ombudsstelle für Leser und Kollegen; jede Woche wird eine Heftgeschichte zusätzlich verifiziert. Fünfzig Mitarbeiter erarbeiteten ein 74-seitiges Regelwerk, die „Spiegel-Standards“, mit Kapiteln über Verifikation, Fehlerkultur und redaktionelle Unabhängigkeit. Es ist verbindlich, es wird fortgeschrieben – und es steht öffentlich im Netz.
Seit Dezember 2025 ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gesetzlich zum „Gesellschaftsdialog“ verpflichtet. Das lässt sich mit Straßen-Umfragen und Bürger-Foren zwar formal erfüllen. Man kann aber auch erklären, wie Themen ausgewählt werden und wer im Zweifel entscheidet.

Mangelnde Transparenz schadet der Glaubwürdigkeit

Transparenz ist keine lästige Nebensache und auch kein Serviceangebot. Sie gehört zum Produkt. Denn eine gute Berichterstattung, deren Qualität sich an klaren Kriterien messen lässt, ist unverzichtbar für eine funktionierende Demokratie – überprüfbar wird diese Qualität erst, wenn man sehen kann, wie sie zustande kommt. Wer vom Staat Auskunft verlangt, sollte selbst auskunftsfähig sein. Sonst wird aus dem Protest gegen die Beschneidung der Informationsfreiheit das, was Gegner unterstellen: Verteidigung eines Privilegs.
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