Elnathan John und Àlàbá Ònájin: “Lagos. Leben in Suburbia“

Szenen aus der nigerianischen Mittelstandswelt

Graphic Novel "Lagos - Leben in Suburbia", mit Texten von Elnathan John und Illustrationen von Àlàbá Ònájin.
© Avant Verlag

Àlàbá Ònájin, Elnathan John

Lilian Pithan

Lagos. Leben in SuburbiaAvant-Verlag, Berlin 2021

224 Seiten

25 Euro

Von Frank Meyer · 23.11.2021
Graphic Novels aus afrikanischen Ländern kommen selten auf unseren Buchmarkt. Diese hier führt mitten hinein in den Alltag einer nigerianischen Familie - in ein Geflecht aus Lebenshunger und religiöser Strenge, Liebessehnsucht und Aufsässigkeit.
Alltag in einem Vorort von Lagos: Ehekrach in der Familie Akpoborie, Nervereien mit den Kindern, Ärger mit den Nachbarn. Die Graphic Novel „Lagos - Leben in Suburbia“ zeigt auf ihren ersten Seiten einen Allerweltsvorort. Wie in einer Fernsehserie springt die Handlung hin und her, erzählt hier eine Szene aus dieser Mittelstandswelt, da eine kurze Geschichte. Was die Alltäglichkeit bedroht, zeigt sich zuerst nur in knappen Andeutungen.

Eine Familie, viele existenzielle Themen

Im Mittelpunkt der Graphic Novel steht die Familie Akpoborie mit ihren drei gerade erwachsenen Kindern. Tochter Keturah diskutiert mit ihrem Freund über ihren Beziehungsstatus. Als die Rede auf ihren Pflichteinsatz beim nigerianischen „National Youth Service“ kommt, sagt Keturah: „Wenn die mich nach Borno schicken und Boko Haram mich killt, dann kann er meine Leiche abholen.“
Ähnlich beiläufig und dramatisch tauchen andere existenzielle Themen auf. Der Sohn der Familie, Godstime, erlebt eine erste zarte homosexuelle Beziehung, während die nigerianische Regierung gerade ein „Gesetz gegen Homosexualität“ erlässt. Sein Vater ist Pfarrer in einer Freikirche, ein wütender Prediger gegen jedwede Sünde. Zuhause aber bedrängt und missbraucht er eine junge Hausangestellte.

Detailreiche Straßenszenen, Innenräume und Kleidungsstile

Der nigerianische Schriftsteller und Satiriker Elnathan John hat bisher zwei Bücher publiziert und wurde dafür unter anderem mit dem Prix les Afriques ausgezeichnet. Bei seiner ersten Graphic Novel hat er nun mit Àlàbá Ònájin zusammengearbeitet.
Der Zeichner lebt in Ondo im Westen Nigerias, er hat bereits einen Comic für junge Mädchen veröffentlicht und an dem UNESCO-Projekt „Women in African History“ mitgearbeitet. In seinen realistischen Zeichnungen zeigt er detailreiche Straßenszenen, Innenräume und Kleidungsstile. Die expressiven Gesichter und Körper seiner Figuren erzählen einen großen Teil der Geschichte.

Vielfältige Perspektiven

In ihrem Gemeinschaftswerk bauen Autor und Zeichner ein großes Figurenensemble auf, um die Ereignisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Der bigotte und gewalttätige Reverend wird von Aunty Susan kontrastiert, einer lebenserfahrenen, aufgeklärten Frau, die den Jüngeren in ihren diversen Notlagen beisteht.
Bei den Kindern der Familie gibt es die angepasste Keturah und ihre aufsässige, sehr eigenständige Schwester Mary. Auch in der Nachbarschaft des Vorortes zeigen sich ganz unterschiedliche Haltungen zu Politik, Religion und Moral. Das Buch hat ein großes Bündel Themen zu tragen, für die Entwicklung der einzelnen Figuren bleibt da wenig Raum. Dennoch wirkt die Graphic Novel selten thematisch überfrachtet, davor schützen sie die bewegliche Dramaturgie und die detaillierten Bilderwelten.

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