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Lesart | Beitrag vom 04.02.2019

John Lanchester: "Die Mauer"Der Klimawandel als dunkle Dystopie

John Lanchester im Gespräch mit Joachim Scholl

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Unruhige See im Vordergrund, hinten eine Insel mit dunklen Wolken. (picture alliance / WRIGHT/RelaXimages)
In John Lanchesters neuem Roman "Die Mauer" umgibt Großbritannien eine 10.000 Kilometer lange Mauer. (picture alliance / WRIGHT/RelaXimages)

Seit einer furchtbaren Klimakatastrophe schottet eine 10.000 Kilometer lange Mauer Großbritannien vom Rest der Welt ab. Klimaflüchtlinge werden eingeschläfert oder versklavt. Die Idee zu seinem wohl schwärzesten Roman kam John Lanchester in einem Traum.

Joachim Scholl: Wir machen jetzt mit dem britischen Schriftsteller John Lanchester einen Gang auf eine Mauer. Für seinen neuen Roman, der genauso heißt, "The Wall", die Mauer, hat er sich eine tiefschwarze Dystopie über eine Zukunft ausgedacht, die vielleicht schon begonnen hat. Willkommen, John Lanchester, welcome!

John Lanchester: Thank you for having me!

Scholl: Bei dem Begriff, Mr. Lanchester, "The Wall", die Mauer, da hagelt es Assoziationen. Man denkt natürlich an die Berliner Mauer, ältere Musikfans vielleicht noch an Pink Floyds depressives "The Wall"-Album, Jüngeren kommt die Mauer in der Fantasy-Serie "Game of Thrones" in den Sinn, und dann gibt es natürlich diesen amerikanischen Präsidenten, der auch unbedingt eine Mauer bauen will. Was hatten Sie im Kopf, John Lanchester? Wie hat sich diese Mauer bei Ihnen aufgebaut?

Lanchester: Es begann mit einem Traum. Ich war eigentlich dabei, ein anderes Buch zu schreiben, als ich einen immer wiederkehrenden Traum hatte von einem Mann, der Wache steht an einer Mauer, ganz alleine, im Dunkeln. Auf der anderen Seite befindet sich das Meer. Und dieser wiederkehrende Traum, der entwickelte seine eigene Welt, die sich dann zu einer eigenen Geschichte entwickelt hat.

Abschottung von dem Rest der Welt

Scholl: 10.000 Kilometer lang soll sie sein, Ihre Mauer, ein ganzes Land im Norden umfassen. Wo steht sie denn genau, diese Mauer? Und wozu ist sie da?

Lanchester: Sie haben ja vielleicht schon ganz gut geraten, aber ich wollte diesen Ort und vor allen Dingen auch den Namen Großbritannien hier nicht näher erwähnen, das war mir zu direkt als eine Assoziation. Aber natürlich befindet sich das irgendwie nördlich der irischen Inseln.

Wir leben eben hier in einer Welt, die sich abgeschottet hat, die eine Festung gebaut hat nach einer Klimakatastrophe. Die entwickelte Welt schottet sich hinter einer Festung ab, um diejenigen nicht mehr hereinzulassen, die man einfach nur noch "die anderen" nennt.

Scholl: Ja, und diese anderen, die kommen mit Booten übers Meer, sie sind bewaffnet, sie stürmen die Mauer, werden reihenweise getötet. Wer es dennoch schafft, kommt aber nicht weit, weil inzwischen jeder Mensch einen Körperchip tragen muss in dieser düsteren Zukunft. Und der Flüchtling, der bekommt dann die Wahl: Entweder wird er eingeschläfert oder darf als sogenannter Dienstling, sprich als Sklave arbeiten.

Aber "die anderen", "diese anderen", sie kommen trotzdem, so oder so. Ist das Ihre Vision, Mr. Lanchester, für unsere Welt?

"Ich glaube nicht, dass es schon zu spät ist"

Lanchester: Ich glaube nicht, dass das die Zukunft sein wird, aber eine Zukunft, eine mögliche Zukunft, auf die wir uns wirklich zu entwickeln, wenn es dabei bleibt, wie sich diese Gesellschaft verändert und auch wie sich das Klima derzeit verändert.

Allerdings glaube ich nicht, dass es schon zu spät ist. Und indem ich mir das so vorstelle, indem ich mir das so ausmale, hoffe ich, vielleicht ein kleinen Teil dazu beitragen zu können, dass die Vision dann doch nicht wahr wird.

Der britische Schriftsteller John Lanchester beim Edinburgh Book Festival 2014 (picture alliance / Photoshot)Der britische Schriftsteller John Lanchester (picture alliance / Photoshot)

Scholl: Diese Zeit, die Sie beschreiben in Ihrem Buch, Mr. Lanchester, ist die Zeit nach dem Wandel, nach dem Change. Sie haben schon erwähnt, das ist ein furchtbarer Klimawandel: Es gibt keine Strände mehr auf der Welt, Flugzeuge fliegen nicht mehr, die Zeit des Überflusses ist auch sozusagen vorbei. Und in dieser Zeit lernen wir hier ja jetzt den Helden kennen, Joseph Kavanagh heißt er, ein junger Mann, der sich für zwei Jahre auf der Mauer verpflichtet.

Und dieser Held, dieser junge Mann, und seine Kameraden, die hegen einen tiefen Groll gegen die ältere Generation, auch gegen die eigenen Eltern, denn diese Generation hat das Land ihrer Meinung nach an die Wand gefahren. "Wer hat die Welt kaputt gemacht?", heißt es an einer Stelle. Sie würden niemals zugeben, dass sie es waren, und doch ist es direkt vor ihren Augen geschehen.

Fürchten Sie, Herr Lanchester, dass es so weit kommt, dass unsere Kinder, Ihre Kinder, Ihre Enkel später sagen werden: Du hast versagt, du bist schuld gewesen, dass wir jetzt so leben müssen?

Wie der Klimawandel die Gesellschaft verändern könnte

Lanchester: Also es war eine mögliche Vorstellung, die ich hatte, als ich darüber nachgedacht habe: Was würde passieren, wenn sich das Klima nur um vier Grad erwärmt?  Das wird ja von vielen Klimaforschern durchaus als möglich erachtet. Es hätte ja katastrophale Veränderungen – auf die Weltkarte, auf unsere Gesellschaft –, aber ich habe mir auch gerade ausgemalt, dass es auch ganz starke Veränderungen auf innermenschliche Beziehungen hat: Leute aus unserer Welt und Leute aus einer anderen Welt, wie die sich gegenüberstehen.

18.01.2019, Baden-Württemberg, Stuttgart: Zwei Schülerinnen kleben während einer Demonstration von Schülern gegen den Klimawandel Plakate an eine Wand. Die Aktion steht unter dem Motto "Fridays for future". (dpa/Sebastian Gollnow)Schüler demonstrieren in Stuttgart für den Klimaschutz (dpa/Sebastian Gollnow)

Und das ist eine Frage, die sich jetzt nicht nur Leute stellen, die Kinder haben, das ist nicht nur eine Frage, die sich Eltern stellen, dazu habe ich mich zu sehr auch umgehört. Aber ich bin Vater, und als Vater habe ich mir das ausgemalt, was das auf das Familienleben für einen Einfluss haben könnte, und das könnte zu Brüchen führen innerhalb von Familien.

Die Figur in meinem Roman, Kavanagh, der macht daraus eine persönliche Geschichte, und das kann man sich sehr gut vorstellen, dass das auch so geschieht.

Der schwärzeste Roman Lanchesters

Scholl: "Es ist kalt auf der Mauer", das ist der erste Satz Ihres Romans, und damit ist der Ton auch gesetzt für das ganze Buch: Es ist kalt, dunkel, trostlos. Wenn man Ihre anderen Romane kennt, dann muss man schon schlucken, Mr. Lanchester, so kein Funken Humor am Ende, auch kaum ein Lichtlein am Ende des Tunnels.

Es ist der schwärzeste Roman, wie ich finde, den Sie je geschrieben haben. Wie hat sich das denn angefühlt beim Schreiben?

Lanchester: Nun, es gibt schon ein bisschen Trost, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Wenn man in so einer Gesellschaft lebt und wenn so eine Dystopie praktisch wahr geworden ist, dann fühlt man sich ja nun nicht jeden Tag so dystopisch. Man begrüßt sich ja nicht gegenseitig und fragt sich, na, wie dystopisch fühlst du dich denn heute? Und es ist auch nicht alles so dunkel und auch nicht alles so schwarz, wie es vielleicht erscheint.

Ich hab es auch mit Humor versucht, als ich das Buch schrieb, hab es dann aber wieder herausgenommen, weil es nicht gepasst hat. Humor schafft immer auch eine gewisse Distanz und eine gewisse Verfremdung, und das funktionierte nicht mit der emotionalen Tonlage vom Rest des Buches. Deswegen hab ich’s dann wieder rausgenommen, weil es nicht funktioniert hat.

Scholl: Ihr Roman hat schon, bevor er überhaupt gedruckt war, Spekulationen ausgelöst. Seit dem Roman und weltweiten Bestseller "Kapital" plus zwei Sachbüchern über die Finanzkrise sind Sie zu einer Art gesellschaftskritischer Instanz auch geworden. Und jetzt haben natürlich alle vermutet, dass "The Wall" der Brexit-Roman werden wird. Das ist er definitiv nicht, es fallen keine Namen von Ländern oder Politikern, es entsteht für meine Begriffe so eine Art Orwell-1984-Atmosphäre. War das Ihre Absicht?

"Der Brexit ist etwas Vorübergehendes"

Lanchester: Also ich hatte den Brexit nicht wirklich im Kopf, als ich das Buch geschrieben habe. Der Klimawandel war etwas, was mich sehr viel mehr beschäftigt hat. Und als ich 2016 anfing, mich an dieses Buch zu setzen, da war das eher ein Zufall, dass der Brexit dann plötzlich ein Thema wurde.

Ja, es gibt eine emotionale und auch eine metaphorische Ebene vielleicht in diesem Buch, aber der Brexit – wenn meine Kinder mein Alter haben werden, wird das keine große Rolle mehr spielen, man wird sich arrangiert haben mit der EU. Ich bin wirklich der Meinung, der Brexit ist etwas Vorübergehendes, das werden wir überwinden.

Aber dieser Klimawandel, das ist eben etwas, was sehr viel mehr Einfluss auf uns haben wird und was viel, viel nachhaltiger sein wird.

Scholl: Im zweiten Teil des Buches findet sich der Held Kavanagh auch jenseits der Mauer, denn das ist die finstere Konsequenz. Wenn die anderen es über die Mauer schaffen, werden die verantwortlichen Verteidiger bestraft und auf dem Meer ausgesetzt. Auch da ist man verblüfft über Ihre Grausamkeit, Mr. Lanchester, gegenüber den Figuren, denen ersparen Sie ja wirklich nichts.

"Es ist eine Sklavengesellschaft"

Lanchester: Nun, Kavanagh ist sozusagen unser Erzähler, und natürlich sympathisieren wir mit ihm, er gehört aber einer Gesellschaft an, die zutiefst verstört ist, zutiefst  kaputt und korrupt ist, auch ethisch. Es ist eine Sklavengesellschaft. Das sieht er aber nicht. Dieses ethische Erwachen kommt erst dadurch zustande, dass mit ihm dramatische Dinge geschehen, aber er hat diese Welt eigentlich immer so akzeptiert, wie sie ist, diese düstere Welt, insofern ändert sich nichts an der Düsternis dieser Welt.

Scholl: Im ersten Teil ist Ihr Buch, Mr. Lanchester, ein Action-geladener Silvester-Stallone-Bruce-Willis-Streifen, so hab ich ihn jedenfalls gelesen, später auf dem Wasser eine knallharte Kevin-Costner-"Waterworld". Ich hab sofort einen Film im Kopf gehabt. Es könnte tatsächlich einen Mordsfilm geben oder eine Serie. Hat sich Hollywood oder Netflix schon gemeldet?

Lanchester: Nun, diese Produzenten sind herzlich willkommen, sich bei mir zu melden. Sicher gibt es Interesse von Hollywood und auch vom Fernsehen, aber ich sehe das wirklich sehr pragmatisch. Ich glaube erst daran, nachdem es wirklich passiert ist, nachdem es wirklich gedreht worden ist. Weil sie sagen immer, dass sie definitiv Interesse haben, was bedeutet, eigentlich haben sie definitiv kein Interesse.

Scholl: Danke Ihnen, John Lanchester, für den Besuch, thank you for coming!

Lanchester: Thank you very much!

Scholl: Und der Roman von John Lanchester, "Die Mauer", ist im Verlag Klett-Cotta erschienen mit 348 Seiten zum Preis von 24 Euro. Übersetzt hat den Roman Dorothee Merkel. Bei unserem Gespräch mit John Lanchester hat Jörg Taszman geholfen, auch ihm besten Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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