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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.08.2016

John Burnside: "Anweisungen..."Atemlose Verse

Von André Hatting

Blick ins Tal Glen Coe in den schottischen Highlands (Großbritannien), aufgenommen am 23.09.2014. Foto: Kathrin Deckart/dpa (picture alliance / dpa / Kathrin Deckart)
Die Natur seiner Heimat Schottland ist immer wieder Thema in den Gedichten von John Burnside. (picture alliance / dpa / Kathrin Deckart)

Kalt und düster ist die Natur in den Gedichten von John Burnside. Dem schottischen Autor gelingt es trotzdem, ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Der Wucht seiner Naturprosa, die jetzt in einem Lyrikband erscheint, sollte man sich behutsam nähern.

In Deutschland waren John Burnsides Gedichte lange unbekannt. Bis vor einigen Jahren ist fast nur seine Prosa übersetzt worden. Dann kam das Jahr 2011. Burnside erhält fünf Preisen, darunter gleich zwei wichtige nationale Auszeichnungen für den gleichen Lyrikband. Im selben Jahr veröffentlicht der Hanser Verlag eine erste Auswahl seiner Gedichte auf Deutsch. Doch die Resonanz bleibt überschaubar. Fünf Jahre später hat der Münchner Verlag jetzt die Anstrengung verdoppelt: Die neue "Anweisung für eine Himmelsbestattung" ist doppelt so dick. Sie umfasst sowohl die Bände der ersten deutschen Ausgabe als auch die der nachfolgenden. Insgesamt 300 Seiten, das ist für einen Lyrikband recht ordentlich. Es ist daher ratsam, sich ihm behutsam zu nähern. 

Die Jagd nach sich selbst

Schon das erste Langgedicht enthält programmatisch die wichtigsten Motive des 1955 in Schottland geborenen Burnside: die Landschaft seiner Heimat, Kindheit, Verwandlung, Glaube – und vor allem die Suche danach. Über dreißig Seiten lang jagt das lyrische Ich ein Tier (beast), hetzt durch Wälder, Felder, Dörfer, durch Erinnerung und Zukunft. Und wir Leser jagen lustvoll mit, immer diesem Tier in atemlosen Versen auf den Fersen: The Fair Chase – nicht ganz glücklich übersetzt mit Die gerechte Jagd, ist die Jagd nach uns selbst, die uns in den Bann schlägt, Burnsides Allegorie auf das, was wir gewinnen, wenn wir altern  – und auf das, was wir dabei verlieren: "Jeder wird zu dem, / was er tötet".

John Burnside , aufgenommen am 08.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)John Burnside , aufgenommen am 08.10.2014 auf der 66. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main (Hessen). (picture-alliance / dpa / Arno Burgi)
Die Welt sei für uns ein Wunder, hat Burnside einmal geschrieben, gerade dort wo sie "anscheinend unscheinbar" erscheint. Seine Poesie verstehe er als eine Technik, diese(s) Wunder aufzuspüren:

"                                            fange
das Andersleben der Dinge ein
                                            ehe dein Blick
sie überschwemmt."


Burnside meint das so philosophisch, wie es klingt. Spinozas Pantheismus, lateinische Naturphilosophie, der Vorsokratiker Heraklit – das seien alles wichtige Quellen für Burnsides Schreiben, erklärt der Übersetzer im Nachwort. Wichtig für die Lektüre sind sie nicht. Hier ist Zeit wichtig, Zeit, um die Wucht von Zeilen wie diesen wirken zu lassen: 

"So wie Schatten sich zwischen den Bäumen sammeln,
stellen sich Kinder den Tod vor: als Versteck
für alles, wofür die Erwachsenen keinen Namen haben."

Weniger Naturlyriker als vielmehr Romantiker

Burnside ist weniger Naturlyriker als vielmehr Romantiker. Sein Werk ist der Weg, dessen Richtung Novalis beschrieben hat: "Wo gehn wir denn hin? Immer nach Hause." Das Berührende an Burnsides Gedichten ist, dass sie durch alles Rohe, Kalte und Düstere der Natur manchmal einen Abglanz genau dieser Geborgenheit entdecken. Etwa in der Deutung des Gemäldes Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle von Pieter Breughel:

"Es scheint eine Fabel zu sein und ist vielleicht auch eine:
wir leben in Gefahr, sterben durch Zufall,
einen kleinen Ausrutscher, eine Bruchstelle im Eis;
aber ist nicht der andere Gedanke noch wichtiger,
dass es nämlich immer noch menschenmöglich ist,
dann und wann in ein altes Zugehörigkeitsgefühl
dahingleiten zu können […] 
von der Vermutung jedoch ergriffen, dass jemand
neben einem läuft, ein Anderer des eigenen Anderen."

Das schrammt mit der Breite einer Kufe am Kitsch vorbei. Aber es ist die entscheidende Breite, die aus diesen Zeilen große Kunst macht.

John Burnside: Anweisungen für eine Himmelsbestattung
Hanser Verlag, München 2016
304 Seiten, 22 Euro

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