Seit 01:05 Uhr Tonart

Donnerstag, 14.11.2019
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 07.09.2019

Johannes Nichelmanns "Nachwendekinder"Erinnerung an Stasi-Knast und Sommerausflug

Moderation: Christian Rabhansl

Beitrag hören Podcast abonnieren
Porträt Johannes Nichelmann, Autor und Redakteur beim Deutschlandradio (Niklas Vogt)
Der Journalist Johannes Nichelmann wünscht sich ein Ende des großen Schweigens. (Niklas Vogt)

Auch "Nachwendekinder" sind noch durch die DDR geprägt, schreibt der 1989 in Berlin geborene Autor Johannes Nichelmann in seinem gleichnamigen Buch. Darin plädiert er dafür, mehr miteinander zu sprechen und besser zuzuhören.

Der Berliner Journalist Johannes Nichelmann hat ein Familiengeheimnis im Keller entdeckt, versteckt in einem Müllsack. Das war genau sieben Jahre nach dem Mauerfall, er selbst war sieben Jahre alt. Nun hat er dieses Geheimnis zum Anlass für ein Buch genommen, es heißt "Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen".

Im Müllsack befand sich die NVA-Uniform seines Vater, der seinen Wehrdienst in der DDR bei den Grenzsoldaten abgeleistet hatte. In der Familie war das Thema lange tabu. "Wir haben das beim Spielen gefunden", erzählt Nichelmann, der auch für Deutschlandfunk Kultur arbeitet. Er habe seinen Vater noch nie so wütend erlebt. Seither habe es so etwas wie ein unsichtbares Absperrband im Keller gegeben.

Zwischen den Extremen  

Es gebe mehrere DDR-Wahrnehmungen, denen er sich in seinem Buch widme, sagte Nichelmann. In vielen Familien würden Anekdoten erzählt, vom tollen Sommer an einem See in Brandenburg oder vom Zelten. Neben diesem eher heiteren Bild habe es die Erzählung von der Stasi und den Mauerschützen gegeben. "Das habe ich aber nie in Verbindung gebracht", sagt der Autor über seine Wahrnehmung als Nachwendekind. "Es gab dieses eine Extrem, das war 40 Jahre Stasi-Knast und das andere Extrem 40 Jahre Sommerausflug."

Als die Familie 2002 nach Bayern gezogen sei, habe er sich erstmals damit befasst, mit Ostdeutschland identifiziert zu werden. Auch als Nachwendekind habe man die Verletzungen früherer DDR-Bürger mitbekommen, aber in den Familien sei wenig darüber gesprochen worden. "Unsere Chance ist jetzt, darüber zu sprechen und eben nicht diese Schuldzuweisungen zu haben und in den alten Bildern des Kalten Krieges zu verharren", sagt Nichelmann.

(gem) 

Johannes Nichelmann: Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen 
Ullstein-Verlag 2019 
272 Seiten, 20 Euro 

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur