Johannes Groschupf: "Berlin Heat"

    Ein Taugenichts im Nazi-Stasi-Kleinkriminellen-Milieu

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    Das Cover von Johannes Groschupfs Buch "Berlin Heat" auf orange-weißem Grund.
    In „Berlin Prepper“ führte der Autor die Leser und Leserinnen in die Prepperszene, in „Berlin-Heat“ wird unter anderem in ehemalige Stasi-Kreise eingetaucht. © Deutschlandradio / Suhrkamp
    Von Tobias Gohlis · 04.06.2021
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    Johannes Groschupf wühlt sich in seinem hochaktuellen, parodistischen Thriller "Berlin Heat" tief in den rechtsradikalen Unterbau Berlins und zeichnet zugleich das Bild einer politisch überhitzten Stadt im ersten Sommer nach Corona.
    "Berlin Heat" beginnt wie eine dieser larmoyanten Loser-Geschichten. Es ist der kochend heiße Sommer 2021, Corona scheint Vergangenheit. Tom Lohoff hat gerade im "Arena" in der Potsdamer Straße einen kleinen Gewinn eingefahren, als der sonst so stille Zocker Rudi mit einem Beil das Schmuddel-Casino zu Klump schlägt und mit Toms Kohle abzieht. 12.000 Euro Wettschulden – da kommt Tom die Anfrage zweier Partytypen nach einer ruhigen Unterkunft sehr gelegen.


    Tom hält sich als Verwalter von ein paar Wohnungen über Wasser, die sein Vater aus Stasi-Nachlässen abgezweigt hat. Der schnelle Deal führt tief in den braunen Sumpf. Denn der alte Mann im Rollstuhl, den seine Mieter in der Plattenbauwohnung untergebracht haben, entpuppt sich als ein vorgeblich von Linksradikalen entführter AFD-Politiker. Die Rechten, scheint’s, imitieren die Schleyer-Entführung.

    Mit bissigem Humor durch den Dreck der Großstadt

    "Berlin Heat" ist nach dem aufsehenerregenden "Berlin Prepper" von 2019 der zweite Thriller des ehemaligen Reisejournalisten Johannes Groschupf. Groschupf ist 1994 mit einem Hubschrauber in der Sahara abgestürzt und schwer verbrannt knapp mit dem Leben davongekommen. Diese Erfahrung wird den Blick des Autors für Schatten- und Lichtseiten des Lebens geschärft haben – schärfer als den vieler anderer.
    "Berlin Heat" balanciert auf dem schmalen Grat dazwischen. Mit bissigem Humor wühlt sich "Berlin Heat" tief in den Dreck der Großstadt: Assoziationen zu Döblins "Berlin Alexanderplatz" und Jörg Fausers frühen Geschichten liegen nahe, Groschupf kompiliert Action und Alltagssprachmüll zu einem der besten, aber auch finstersten Berlinromane der letzten Zeit.

    Der Romanheld entpuppt sich als Frauenschwarm

    Der Spieler Tom Lohoff entpuppt sich als liebenswürdiger Feigling und erstaunlicher Frauenschwarm; und er kommt nur knapp mit dem Leben davon. Das Nazi-Stasi-Kleinkriminellen-Milieu, mit dem es der Taugenichts zu tun hat, ist nicht in romantisches Krimi-"Noir" getaucht, sondern in ein dreckiges, schillerndes Braun.
    Wie schon in "Berlin Prepper", aber witziger, bösartiger und heiterer, macht Groschupf dem braunen Sumpf seinen Politbombast streitig, indem er ihm die Farbe entzieht. Er setzt dem einen neuen Stil entgegen, man könnte ihn im Unterschied zum vertrauten "Noir" ein hoch aktuelles, parodistisches "Braun" nennen, das nichts beschönigt, ohne den kleinen, feigen Helden des Überlebens den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

    Johannes Groschupf: "Berlin Heat"
    Suhrkamp, Berlin 2021
    254 Seiten, 14,95 Euro

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