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Lesart / Archiv | Beitrag vom 12.04.2019

Joan Didion: "Woher ich kam"Mit dem Mythos Kalifornien aufgeräumt

Von Tobias Lehmkuhl

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Cover von Joan Didions Buch "Woher ich kam". Im Hintergrund ist die Golden Gate Bridge in Kalifornien zu sehen. (Deutschlandradio / Ullstein / Unsplash / Antonio Gabola)
Ein Blick zurück in die Gegenwart: Joan Didion verquickt auf geschickte Weise ihre Familiengeschichte mit der Sozialgeschichte Kaliforniens. (Deutschlandradio / Ullstein / Unsplash / Antonio Gabola)

Amerikas Vorzeigeintellektuelle Joan Didion begibt sich mit ihrem erhellenden Essay "Woher ich kam" auf die Suche ihrer Vorfahren. Die kamen als erste Siedler nach Kalifornien. Viel, so scheint es, hat sich seitdem nicht geändert.

Wer wüsste zu sagen, wann und wo die eigene Urururururgroßmutter geboren wurde? Joan Didion weiß es, denn sie gehört zum kalifornischen Uradel, den ersten Siedlern des Landes. Die Autorin, seit mehr als 50 Jahre Amerikas Vorzeigeintellektuelle, kann ihre Ahnen bis 1766 und vielleicht noch weiter zurückverfolgen. Sie ist im Besitz eines Tagebuchs, das ein Vorfahr führte, als er um 1850 die Prärie durchquerte und als erster seiner Sippe nach Kalifornien kam. Didion weiß sogar von einem Kartoffelstampfer zu berichten, der denselben Weg nahm und deswegen 100 Jahre später allen Ernstes Aufnahme in ein Museum fand.

Natur als Quell der Erneuerung

So erscheint Amerika, die "Neue Welt", in Joan Didions autobiographischer Spurensuche "Woher ich kam" uralt. Das "Neue", speziell Kaliforniens, ist ein Mythos, dem Didion aufmerksam nachspürt: Wer die Prärie durchquerte, galt als wiedergeboren. War man einmal irgendwo zwischen San Francisco und San Diego angekommen, diente zudem die überwältigende Natur als Quell steter Erneuerung.

Dabei war Kalifornien alles andere als ein großes Yosemite-Valley. Bevor die Flüsse begradigt wurden, entstanden im Frühjahr regelmäßig riesige Überschwemmungsgebiete. Erstaunliche Parallelen tun sich hier auf zur Urbarmachung Preußens im 18. Jahrhundert.

Gesellschaft von Einzelgängern

In einer solchen Natur, in der nicht nur das Klima, sondern auch die Tiere eine große Bedrohung darstellten, galt es zusammenzuhalten. Die vielbeschworene kalifornische Gemeinschaft, so Didion, ist freilich ein weiterer Mythos, denn es waren die Glücksritter und Abenteurer, die ausgeprägtesten Einzelgänger, die zuerst an den Pazifik kamen. Zudem gab es seit Ende des Jahrhunderts immer wieder große Einwanderungswellen, "Wachstumsraten", wie Didion schreibt, "die die frischgetretenen Spuren der Sitten und Gebräuche ausradierten".

Man könnte meinen, diese aus allen Teilen der Welt ins goldene, ja gelobte Land strömenden Menschen hätten zu einer besonders ausgeprägten Toleranz geführt. Wie Didion aber zeigt, wurden auffällige, von einer vermeintlichen Norm abweichende Personen zu Anfang des 20. Jahrhunderts hier häufiger in Psychiatrien gesperrt als in irgendeinem anderen Bundesstaat.

Außerdem war die Politik vor allem gegenüber Asiaten und Schwarzen die längste Zeit extrem feindlich eingestellt. Die "wahren Kalifornier" vergaßen gerne, dass sich die ersten Siedler des Landes häufig mit Mexikanerinnen verheirateten, gehörte Kalifornien doch bis 1850 gar nicht zu den USA, sondern zum südlichen Nachbarn.

Erhellender Essay

"Eine kalifornische Geisterbeschwörung" lautete der Untertitel von Joan Didions Essaysammlung "Das weiße Album", das sie Ende der 70er-Jahre auch hierzulande bekannt gemacht hatte. "Woher ich kam", das im Original bereits 2003 erschienen ist, räumt nun mit diesen Geistergeschichten gründlich auf: Am Ende dieses erhellenden, ja frappierenden Essays, der Familiengeschichte mit Sozialgeschichte so geschickt verquickt, muss sich die Autorin eingestehen, dass sie ihnen selbst lange Zeit aufgesessen ist.

Verändert, gar neu erfunden hat sich Kalifornien in seiner Geschichte niemals. Es hat sich vielmehr immer wieder an den Meistbietenden verkauft: An die Eisenbahn, die Rüstungsindustrie, und, so muss man heute wohl hinzufügen, an die Computer- und Internetfirmen. 

Joan Didion: "Woher ich kam" 
Aus dem Amerikanischen von Antje Rávik Strubel
Ullstein Verlag, Berlin 2019
272 Seiten, 20 Euro

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