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Frühkritik | Beitrag vom 19.10.2018

Jérôme Leroy: „Die Verdunkelten“Aussteiger in einem ermüdeten Europa

Von Thomas Wörtche

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Ein Mann in schwarzer Kleidung läuft allein eine Straße entlang, nur die Beine und Schuhe sind sichtbar. (imago stock&people)
In "Die Verdunkelten" steigen Menschen einfach aus, tilgen alle verfolgbaren Spuren und beginnen irgendwo neu. (imago stock&people)

Europa wird geschüttelt von Terror, Kontrollverlust und Gewalt. Der Geheimdienst steht vor einem Rätsel: Menschen verschwinden und tauchen mit neuer Identität wieder auf. Jérôme Leroy malt in „Die Verdunkelten“ eine düstere Vision von der Zukunft.

Werke wie "Die Verdunkelten" von Jérôme Leroy sind eher rar. Ein rätselhaftes, manchmal gar zauberisches, sanft melancholisches Buch, das hin und wieder knallharte Gewalt schildert, ganz beiläufig und cool. Ein Roman noir mit optimistischer Perspektive, also auch ein paradoxes Buch.

Die Ausgangslage ist rätselhaft, nicht nur für das Lesepublikum, sondern auch für alle Figuren. Nach den Anschlägen von 2015 - "Bataclan", "Charlie Hebdo" - ist nicht nur Frankreich aus den Fugen geraten. Die folgenden 15 bis 17 Jahre, die der Roman als Zeitrahmen hat, zeigen ein müde gewordenes Europa. Geschüttelt von Anschlägen, Terror und Gewalt und von der Korrosion staatlicher Kontrolle, fest im Griff von Sozialen Medien und tyrannisiert von der Dauerverfügbarkeit des Netzes.

Die Verfolgung der Aussteiger

Eine Art Fatigue greift um sich. Viele Menschen steigen einfach aus, verlassen ihr altes Leben, tilgen alle verfolgbaren Spuren und beginnen irgendwo neu unter anderer Identität in anderen Lebenszusammenhängen. Die ohnehin heillos überforderten Geheimdienste, die weder Logik noch Sinn in dem Verhalten der "Verdunkelten", wie man solche Menschen hilflos nennt, erkennen können, und sich deshalb zurecht bedroht sehen, versuchen wenigstens die krassesten Fälle zu bereinigen. Sie spüren den neuen Identitäten nach und liquidieren, wessen sie habhaft werden können.

Besonders tüchtig dabei ist Capitaine Agnès Delvaux. Und besonders hat sie sich in den nicht besonders bedeutenden Kriminalschriftsteller Guillaume Trimbert verbissen, in dessen Leben sie schon bald nach 2015 intensiv eindringt, schon fast mit ihm aus der Distanz zu verschmelzen scheint. Ihre Gründe dafür sind verwirrend und über lange Strecken des Buches unklar, bis am Ende, als die Welt sich radikal zum Besseren gewendet hat, ein sehr überraschender Twist zumindest dieses Rätsel löst.

Literarisch und politisch aktuell

Für das Magisch-Zauberische des Romans sorgt die sanfte Stimmung von Melancholie oder, weil Teile des Buches nicht zufällig in Portugal spielen. Die Saudade, gar eine Art Neo-Impressionismus der leisen Töne und die schon fast abstrahierende Weigerung, zu erklären, was denn genau passiert ist in den europäischen Gesellschaften, die eine Menge poetischer "Leerstellen" lässt.

Das ist nur logisch: Denn in der auch literarisch-formalen Verweigerung, weiterhin ein wahnsinniges Spiel mitzuspielen, liegt das utopische Moment des Romans. Das alte, morsche Spielfeld zu verlassen, bedeutet die Eröffnung eines neuen, humaneren Spielfelds. Das Paradox auf der Zeichenebene repräsentiert durch den Roman noir mit Happy Ending – ist eine schöne Zukunftsperspektive, wenn man sich keine Angst mehr einreden lässt. Das ist ein extrem aktuelles Programm, literarisch und politisch.

Jérôme Leroy: "Die Verdunkelten"
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, Hamburg 2018.
221 Seiten, 18 Euro

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