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Lesart | Beitrag vom 30.08.2019

Jakob Stein: "Der Gröschaz"Vom Knacki zum Künstler

Von Mario Scalla

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Buchcover zu "Gröschaz" von Jakob Stein. (B3 Verlag)
Mit dem Schreiben im Gefängnis begonnen: Henry Jaeger. (B3 Verlag)

Henry Jaeger war illegaler Taxiunternehmer, Einbrecher, Strafgefangener - und schließlich Bestsellerautor. Heute ist er vergessen. Nun hat Jakob Stein sein Leben als Roman erzählt. Für ihn war er der "Größte Schriftsteller aller Zeiten".

Henry Jaegers Leben begann 1927 in Frankfurt am Main und schien wirklich nicht, auf das eines Buchautors hinzusteuern. Von Literatenkreisen und Buchmessenglamour war er weit entfernt, als er in der Nachkriegszeit am Frankfurter Bahnhof ohne Lizenz ein Taxiunternehmen betrieb. Ein paar Einbrüche bei Geschäften in der Umgebung besserten sein Budget auf. In den 50er-Jahren wurde er Anführer der Jaeger-Bande, die sich auf Einbrüche spezialisierte und republikweit Furore machte, bis sie aufflog und Jaeger unter verschärften Bedingungen, mit Lese- und Schreibverbot im Gefängnis landete. Ausgerechnet dort wurde Henry Jaeger zum Schriftsteller.

In einem Radiointerview erinnert er sich: "Es ist nicht einfach, ins Zuchthaus zu kommen und zwei Bücher zu schreiben. Ich habe dazu drei bis vier Jahre täglich vier bis fünf Stunden nachts, und morgens, vor dem Wecken, im Sommer, gearbeitet, bin manchmal um vier Uhr aufgestanden, habe auf Toilettenpapier meine Stilübungen niedergelegt. Nach etwa drei Jahren spürte ich, dass ich die Dinge in den Griff bekomme, dass ich aussagen kann, was ich auszusagen hatte."

Packendes und verrücktes Buch

Nach fast acht Jahren kam Henry Jaeger frei, 1962 erschien sein erster Roman "Die Festung", dem mehr als 20 weitere folgen sollten. Auf diese Lebensgeschichte ist der Frankfurter Krimiautor Jakob Stein gestoßen. Er recherchierte, las die Romane Jaegers und vertiefte sich in die historischen Quellen. "Bandit von Tolstoi und Dostojewski begeistert" lautete etwa eine Schlagzeile während des Prozesses gegen die Jaeger-Bande.

Das alles hat er nun zu einem packenden und verrückten Buch verarbeitet: "Biographie wäre zu trocken gewesen. Auch sind viele Dokumente verschollen, vernichtet, es gibt viele Lücken, die nicht mehr zu füllen sind. Da war die Romanbiographie die ideale Form, aber ich habe immer an den Fakten entlang geschrieben."

Außenseiter im Mittelpunkt

Die Fakten: Das ist zunächst Henry Jaegers Roman "Die Festung" über eine Migrantenfamilie aus Ostpreußen, die in der jungen Republik merkt, wie schwierig es ist, Fuß zu fassen. Jager schreibt Romane mit Titeln wie "Rebellion der Verlorenen" oder "Das Freudenhaus". Immer stehen Außenseiter im Mittelpunkt, richtet sich der Blick von unten auf eine zunehmend saturierte wirtschaftsbürgerliche Mitte. Jakob Stein erzählt, wie sich Jaeger in diesem Milieu bewegt, aber auch wie er aufsteigt und nach Ascona in eine Künstlerkolonie eingeladen wird.

Dort ist er mit seiner Knastvergangenheit ein bewunderter Paradiesvogel, der allerdings mit dieser Rolle und diesem Etikett so seine Probleme hatte: "Meine sogenannte Zuchthausstory scheint mir, in den letzten Tagen etwas zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Ich habe versucht, Kunst zu schreiben. Sind meine Bücher gut, soll man sie anerkennen, wenn nicht, verwerfen. Aber ich und meine Vergangenheit, das ist in Bezug auf meine Bücher gar nicht so wichtig."

Erfolgreicher und bedeutender Schriftsteller

Jaeger bleibt auch hier der Außenseiter. Er schreibt den Roman "Der Club", in dem er die Künstlerkolonie aufs Korn nimmt und ihre Widersprüche und Bigotterie aufspießt. Jaeger erzielt hohe Auflagen, genießt den Erfolg. Doch nach einem Schlaganfall in den 70er-Jahren lässt seine Produktivität nach und der Autor gerät allmählich in Vergessenheit.

Einige wenige in seiner Heimatstadt Frankfurt kennen ihn noch als den Zuchthäusler, der Romane schrieb. Doch Jakob Stein ist sich sicher: "Das wird dem Werk Henry Jaegers bei weitem nicht gerecht. Er hat bedeutende Bücher geschrieben, die absolut in die Literaturgeschichte der Bundesrepublik gehören."

Jakob Stein: "Der Gröschaz. Ein Roman über Henry Jaeger, den Größten Schriftsteller aller Zeiten"
B3-Verlag, Frankfurt/Main 2019
306 Seiten, 19,90 Euro

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