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Studio 9 | Beitrag vom 15.10.2019

Jagoda Marinić zu Preisvergaben"Handke ist ein Skandal, der uns weiterbringt"

Jagoda Marinić im Gespräch mit Julius Stucke

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Collage zweier Porträts von Peter Handke und Sebastião Salgado. (Picture Alliance / APA / Georg Hochmuth / Picture Alliance / TT News Agency / Stina Stjernkvist)
Die Preisverleihungen an Peter Handke und Sebastião Salgado haben kürzlich Kritik auf sich gezogen. (Picture Alliance / APA / Georg Hochmuth / Picture Alliance / TT News Agency / Stina Stjernkvist)

Literaturnobelpreis für Peter Handke, Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Sebastião Salgado: Sollten Ausgezeichnete moralisch unbedenklich sein? Oder besser streitbar? Autorin Jagoda Marinić sieht in der Debatte über die beiden eine Chance.

Peter Handkes Äußerungen zu den Jugoslawienkriegen haben seinem öffentlichen Ansehen zwar geschadet, aber die Schwedische Akademie haben sie nicht davon abgehalten, ihm den Literaturnobelpreis zu verleihen. Der Fotograf Sebastião Salgado bekommt am 20. Oktober den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels – und auch diese Entscheidung wird kritisiert, weil der Brasilianer in seinem Werk die Armut verkläre.

Bei diesen kontroversen Entscheidungen stellen sich die Fragen: Kann oder sollte man Werk und Autor trennen? Sollte ein Preisträger lupenrein oder streitbar sein? Und gibt es sie überhaupt noch, die uneingeschränkten Lichtgestalten? Die Autorin und Kolumnistin Jagoda Marinic verneint die letzte Frage: "Ich glaube, dass die Zeit der ganz großen Lichtgestalten schon deswegen vorbei ist, weil die Menschen viel mündiger sind als früher und diese Verherrlichung in diesem Ausmaß vielleicht nicht mehr so suchen, sondern das Kontroverse auch spannend finden."

Nicht mit Handke gemein machen

Sie sieht den Nobelpreis für Handke kritisch und betont, dass nicht alle Tage ein Preisträger mit diesem Makel ausgewählt werde. "Handke ist ein Skandal, der uns weiterbringt. Was aber nicht im Umkehrschluss heißt, dass er ihn kriegen sollte, hätte kriegen sollen oder in Zukunft Menschen kriegen sollen, die so auf diese Art ihre Ästhetik verstehen, dass sie die Realität von Opfern leugnen. Das steht nicht zur Debatte."

Allerdings entstehe durch die Vergabe ein Gespräch über Kunst und Ästhetik, in das sich auch international bekannte Schriftsteller einmischten. Man könne laut Marinic nicht das Werk von der Person lösen. "Ab wie viel Prozent Genozidleugnung in einem Werk wollen wir denn sagen: Das geht nicht?" Durch eine Auszeichnung mache man sich mit der Sache gemein.

Kontroverse verändert den Blick

Die Kritik am Preisträger Sebastião Salgado teilt Marinic nicht. Trotzdem findet sie: "Das ist eine Debatte, die man höchst spannend führen kann und die eine Gesellschaft auch voranbringen könnte." Allein die Kontroverse führe dazu, dass man anders hinsehe. "Und dass Kunst wieder die Sprengkraft hat, dass Literaturkritik wieder zu gesellschaftlichen Debatten führt, das finde ich ein ganz positives Signal, auch wenn es einhergeht mit der Gefährdung der Freiheit der Kunst, weil bestimmte politische Kräfte von der Kunst nicht kritisiert werden wollen."

Marinic findet, man müsse die Kunst ernst nehmen. Ihre Wirkmacht werde durch die Debatten um sie verstärkt und das sei eine spannende Phase. "Wir müssen wieder lernen, über Kunst zu sprechen."

(leg)

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