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Im Gespräch | Beitrag vom 17.09.2019

Jagdreferent Derk EhlertWildtierexperte im Großstadtdschungel

Moderation: Ulrike Timm

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Der Berliner Wildtierbeauftragte Derk Ehlert steht mit einem Fernglas um den Hals zwischen Sträuchern im Berliner Tiergarten, im Hintergrund das Bundeskanzleramt. (Picture Alliance / dpa /  Gregor Fischer)
„Wir gingen jahrelang davon aus, dass die Stadt kein wirklicher Lebensraum für Tiere ist. Das hat sich längst geändert“, sagt Derk Ehlert. (Picture Alliance / dpa / Gregor Fischer)

Derk Ehlert weiß, wo sich in der Hauptstadt Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Berlins Wildtierbeauftragter wird gerufen, wenn Marder und Waschbären ihr Unwesen treiben. Beim Arten- und Umweltschutz blickt er aber über die Stadtgrenzen hinaus.

Derk Ehlert macht sich keine Illusionen. "Die Tiere könnten auch ohne mich gut leben", sagt der Wildtierbeauftragte von Berlin, "aber die 3,7 Millionen Menschen haben oft Schwierigkeiten mit den Wildtieren umzugehen."

Vermittler zwischen Mensch und Tier

Zu seinem Job gehört es deshalb auch, zwischen den animalischen Stadtbewohnern und der alteingesessenen menschlichen Bevölkerung zu vermitteln. In vielen Fällen lassen sich die Sorgen der Menschen leicht zerstreuen – ob es sich nun um den Marder auf dem Dachboden handelt, den Waschbären im Keller oder auch die Wildschweine im Vorgarten.

Gerade bei ungeplanten Begegnungen wie mit einem Wildschwein gehe es darum, "den Tieren zu zeigen, dass man da ist, um sich mit ihnen zu unterhalten", sagt der Anfang 50-Jährige. "Das klingt erst einmal komisch, aber tatsächlich ist es so, dass die Wildtiere im städtischen Raum permanent gewohnt sind, dass Menschen in ihrer Umgebung sind und dann sollte man sich nicht an denen vorbeischleichen, sondern den Tieren mitteilen: Ey, ich bin hier. Das kann man am besten durch Reden und Quatschen. Denn Tiere kennen uns Menschen, sie kennen nur keine Menschen, die ruhig und still sind."

Die "Big Five" der Großstadt

Berlin gehört mit seinen 40 Prozent Grün- und Wasserflächen und rund 20.000 nachgewiesenen Tier- und Pflanzenarten zu den grünsten und artenreichsten Großstädten weltweit.

"Wir gingen jahrelang davon aus, dass die Stadt kein wirklicher Lebensraum für Tiere ist. Das hat sich längst geändert", sagt Derk Ehlert. Viele der Wildtiere, auch die "Big five" der Stadt – Kaninchen, Steinmarder, Füchse, Waschbären und Wildschweine – kämen auch nicht zufällig, sondern ganz gezielt in solche Ballungsräume. Einerseits, um der Jagd zu entkommen und "zum anderen, um im Stadtgebiet neuen Nahrungsgrundlagen nachzugehen, wie beim Fuchs".

Vom Jäger im Wald zum Sammler in der Stadt

Der Fuchs sei mittlerweile ohnehin "ein echter Stadtbewohner" geworden, erzählt der Wildtierbeauftragte: "Inzwischen haben wir in der Stadt etwa fünfmal mehr Füchse als auf gleicher Fläche im Wald."

Zwischen Alexanderplatz und Bundeskanzleramt, in Neukölln genau wie in Charlottenburg oder Pankow – der Fuchs findet in Berlin reichlich Nahrung. Nicht nur Ratten und Mäuse, sondern auch in den Containern der Supermärkte: "Er ist vom Jäger im Wald zum echten Sammler in der Stadt geworden."

Ein Stadtfuchs im Gleimtunnel in Berlin. Das Tier läuft im Dunkeln zwischen Autos umher. (imago images / Rolf Zöllner)Ein Stadtfuchs im Gleimtunnel in Berlin: "Vom Jäger im Wald zum Sammler in der Stadt." (imago images / Rolf Zöllner)
Zwar kommen jedes Jahr hunderte Tiere auf den Straßen Berlins ums Leben, aber diejenigen, die das erste Jahr in der Hauptstadt überstanden und gelernt haben einzuschätzen, wie schnell Autos fahren oder wo die Überquerung einer Straße besonders risikoarm ist, können laut Derk Ehlert ein geradezu "biblisches Alter" erreichen: sechs bis sieben Jahre. "Das ist deutlich älter als ihre Kumpels im Wald."

Frühes Faible für die Natur vor der Haustür

"Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich jemals nicht für Tiere interessiert hätte", erzählt Derk Ehlert. Aufgewachsen in einer Siedlung in Zehlendorf, lag die Natur quasi vor der Haustür. Als Kind zog er lieber mit "Fernglas statt Fußball" los und brachte mit Vorliebe Käfer und andere Insekten mit nachhause: "Rausgehen, beobachten und natürlich auch alles aufgreifen, was ich draußen beobachtete und sah."

Nach dem Schulabschluss entschied er sich zunächst für eine Lehre als Landschaftsgärtner. Besonders nah an seine Leidenschaft reichte dieser Berufsweg allerdings nicht. "Die Praxis zeigte dann, dass ich mehr mit Steinen als mit Pflanzen zu tun hatte als Landschaftsgärtner, geschweige denn mit Tieren."

Nach einem Studium der Landschaftsplanung arbeitete Derk Ehlert in der städtischen Verwaltung und wurde schließlich zum Jagdreferenten Berlins berufen – und das, obwohl er selbst wenig von der Jagd hielt. Er habe dann aus der Not eine Tugend gemacht und "als Jagdreferent, der selber gar keinen Jagdschein hatte, ein Wildtiermanagement für Berlin weiter aufgebaut".

Naturschutz über die Stadtgrenzen hinaus

Neben seiner Vermittlertätigkeit zwischen Tier und Mensch engagiert er sich in der Derk-Ehlert-Stiftung für die Renaturierung des West-Havellands. Dort kauft die Stiftung ehemals landwirtschaftlich genutzte Flächen, um diese in Nasswiesen umzuwandeln, die bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten sollen. Denn trotz der tierischen Stadtbewohner, mit denen sich Ehlert tagtäglich beschäftigt: In Berlin könnte ein Drittel der Arten aussterben. Und auch über die Grenzen der Hauptstadt hinaus sieht der Umweltschützer die Bedrohung der Artenvielfalt mit Sorge. Die Argumente, es habe schon immer derartige Veränderungen in der Natur gegeben, will er nicht gelten lassen. "Die extreme Schnelligkeit ist es, die Schwierigkeiten macht."

"Es gibt Veränderungen, die fanden schon immer statt, aber in einem anderen Zeitraum", sagt Derk Ehlert. "Wir Menschen scheinen uns da schneller anpassen zu können, aber wir sind nicht allein auf dieser Welt."

(era)

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