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Sein und Streit | Beitrag vom 12.07.2020

Jacques Derrida zum 90.Identität - ein Spiel

Onur Erdur im Gespräch mit René Aguigah

Der Philosoph Jacques Derrida (1930−2004) im blauen Hemd und einer Pfeife in der Hand. (Getty Images / Gamma-Rapho / Louis Monier )
Der französische Philosoph Jacques Derrida (1930 - 2004) war zeitlebens ein Skeptiker, was ein festes Identitätskonzept betraf. (Getty Images / Gamma-Rapho / Louis Monier )

Am Werk des französischen Philosophen Jacques Derrida sticht vor allem dessen lebenslanger Widerstand gegen das Konzept fester Identitäten ins Auge. Seine Texte seien auch ein Plädoyer für das Aushalten von Ambivalenz, sagt der Kulturwissenschaftler Onur Erdur.

Wir sollten es uns mit Identitätspolitik nicht zu einfach machen, egal in welchen Facetten sie sich äußert. Das ist etwas, was wir heute von Jacques Derrida lernen können, der am 15. Juli 90 Jahre alt geworden wäre, sagt der Kulturwissenschaftler Onur Erdur.: "Es ist eben ein Unbehagen an den Identitäten, an den Identifikationen und es ist, ich würde fast schon sagen, ein Plädoyer für das Aushalten von Ambivalenzen, von hybriden, vermischten Identitäten, für die er mit seiner Biografie auf eine Art ja wirklich stand."

Plötzlich auf eine jüdische Identität zurückgeworfen

Aufgewachsen als Jude im kolonialen Algerien machte Derrida als 12-Jähriger 1942, so Erdur, die fast traumatische Erfahrung, dass der Familie wie allen algerischen Juden vom faschistischen Vichy-Regime die französische Staatsbürgerschaft aberkannt wurde und der Junge danach auch nicht mehr die französische Schule besuchen durfte. 

"Dieser Antisemitismus ist auf jeden Fall eine zentrale Erfahrung, die dafür sorgt, dass er ein Unbehagen spürt an der Identitätskonstruktion oder an der Frage der Identität", betont Erdur. Zumal der junge Jacques sich mit jüdischen Schule, auf die er fortan geht, nicht abfinden kann und er "ein großes Problem damit hat, plötzlich zurückgeworfen zu sein in eine jüdische Identität und eine jüdische Gemeinschaft, die er davor gar nicht so stark kannte, weil er aus einer assimilierten jüdisch-sephardischen Familie stammt, in der Religion gar nicht so eine zentrale Rolle spielt".

"Unbehagen an der Zugehörigkeit"

Mit der Folge, dass Derrida die Schule schwänzt – in doppelter Hinsicht: "Man könnte auch sagen, dass er in dem Moment auf eine Art eigentlich auch das Jüdisch-Sein schwänzt."

Später habe sich Derrida manchmal auch als "arabischen Juden" oder als "Franko-Maghrebiner" bezeichnet, so Erdur weiter. "Wenn er diese Bezeichnungen wählte, dann würde ich sie auch als Spielereien einstufen bzw. als spielerischen Umgang mit genau diesen Identitätskonstruktionen: arabisch, jüdisch, franko-maghrebinisch."

Porträt Onur Erdur (Christoph Bombart Photography)Jacques Derridas Werk ist auch als Plädoyer für das Aushalten von Ambivalenzen zu lesen, sagt der Kulturwissenschaftler Onur Erdur. (Christoph Bombart Photography)

Das "Unbehagen an der Zugehörigkeit" und der Identifikation finde sich auch in Derridas Werk wieder, sagt Erdur. "Und zwar wirklich direkt in dem, was man unter Dekonstruktion auch verstehen kann (…), eines der Stichwörter, als deren Erfinder er ja auch gilt."

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Dazu gehöre auch der Modus, das Eigene und das Andere in den Gegenüberstellungen der traditionellen Philosophie, "wie Wahrheit und Mythos oder Zentrum und Peripherie, Mehrheit und Minderheit" wirklich infrage zu stellen. "Und diese Dekonstruktion des Eigentlichen, des Naturgegebenen und des Selbstverständlichen, für die Derrida bekannt ist, die findet eine ihrer Urszenen in dieser traumatisierten Erfahrung mit Identität oder mit dem Verlust von Identitäten."

(uko)

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