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Lesart | Beitrag vom 09.10.2021

J. Feige/Y. Wernicke: "Zenker"Das Erbe von Georg August Zenker

Von Silke Hennig

Buchcover von "Zenker". (Deutschlandradio / Edition Patrick Frey)
War Georg August Zenker ein Afrika- und Menschenfreund oder ein Rassist? Zwei Fotografen versuchen diese Frage zu ergründen. (Deutschlandradio / Edition Patrick Frey)

Wie umgehen mit Deutschlands kolonialer Vergangenheit? Einen ganz eigenen Beitrag zu dieser Frage liefert das Buch "Zenker", für das die Berliner Fotografen Yana Wernicke und Jonas Feige mehrfach in die heutige Republik Kamerun gereist sind.

Als der aus Leipzig stammende Gärtner und Botaniker Georg August Zenker in den 1880er-Jahren mit einer Expedition erstmals dorthin kam, war Kamerun deutsche Kolonie. Zenker arbeitete zunächst für die Kolonialverwaltung und ließ sich dann quasi im Dschungel nieder, in Bipindi, wo er Plantagen anlegte und vor allem ein wichtiger Lieferant deutscher Museen, insbesondere in Berlin, wurde.

Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten tragen seinen Namen, aber auch zahlreiche Nachkommen. Denn Zenker hatte mehrere einheimische Ehefrauen, auch gleichzeitig. Obwohl es eigentlich nicht gestattet war, erkannte er alle seine Kinder offiziell an, und so konnten Yana Wernicke und Jonas Feige zahlreiche Mitglieder der Familie Zenker treffen – in Kamerun, und selbst in Holland und Deutschland.

Melancholisches Afrika

Ihr Buch entzieht sich jeglicher Kategorisierung. Neben heutigen Porträts der Familie stehen historische Bilder, Aufnahmen von Zenker selbst, von seinem einstmals repräsentativen Anwesen, Bipinidihof, das heute zwar noch bewohnt, aber im Verfall begriffen ist. Überhaupt ist es kein sonniges Afrika, vielmehr zeigen Wernicke und Feige melancholische Bilder in gedämpften Farben, gedruckt auf rauem, saugfähigem Papier.

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Im Wechsel damit werden Dokumente gezeigt: Briefe, die Georg August Zenker an seine Abnehmer und Auftraggeber in Deutschland geschrieben hat, und in denen er von seinem Alltag berichtet, von seltenen Tieren ebenso wie vom "ausgeprägten Kastengeist" der deutschen Kolonialbeamten, die "stolz wie Pfauen" seien, aber nichts leisteten.

Und schließlich enthält das Buch neben Interviews mit einigen Familienmitgliedern auch seitenlange Listen von Berliner Museen, in denen die Tiere, Pflanzen, Gefäße, Masken und selbst menschliche Schädel aufgeführt sind, die Zenker ihnen geliefert hat.

Inhalt und Form greifen ineinander

Wernicke und Feige zeigen, ohne zu erklären. Sie machen gar nicht erst den Versuch, ein 'vollständiges' Bild der Verhältnisse – damals, heute – zu liefern. Sie bieten Ausschnitte. Das erscheint zunächst verwirrend, weil man ohne Einführung gleich mittendrin ist in Seiten füllenden Bildern, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart changieren.

Gleichzeitig ist die Aufmachung dieses Bandes so stimulierend, dass man neugierig immer weiterblättert und liest und beginnt, sich selbst seinen Reim darauf zu machen, was und wen man da eigentlich sieht: War Georg August Zenker ein Afrika- und Menschenfreund, wie ihn seine Nachfahren sehen? War er ein Rassist? Vermutlich war er das eine und das andere und möglicherweise ist diese Widersprüchlichkeit kein Spezifikum allein seiner Person.

Das Buch legt keine bestimmte Lesart nahe. Man muss sich seinen eigenen Weg suchen, kann ruhig auch querlesen oder von hinten nach vorn. Was sich dabei subtil vermittelt, ist eine Geschichte, die längst nicht mehr auseinanderzudividieren, die längst gemeinsamer ist, als sie in Postkolonialismus-Debatten oft erscheint. Ein Buch, bei dem Inhalt und Form sinnstiftend ineinandergreifen und das schlicht unerhört schön gestaltet ist.

Jonas Feige, Yana Wernicke: Zenker
Edition Patrick Frey, Zürich 2021
268 Seiten, 164 Farbabbildungen, 68 Euro

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