Humboldt-Forum-Intendant Hartmut Dorgerloh

    "Hinter alten Mauern kann etwas ganz Neues entstehen"

    36:26 Minuten
    Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, spricht in einem Interview mit Journalisten der Deutschen Presse-Agentur.
    Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt Forums, war anfangs kein Freund des umstrittenen Schlossneubaus. Inzwischen hat er sich damit ausgesöhnt. © picture alliance / dpa / Kay Nietfeld
    Moderation: Ulrike Timm  · 20.08.2021
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    Als Schüler jobbte er als Schlossführer in Sanssouci, 16 Jahre lang war er Chef der Preußischen Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburgs: Hartmut Dorgerloh. Heute ist er Intendant des Humboldt Forums im Zentrum Berlins. Eine Herausforderung.
    Es war eine schwere Geburt, doch nach jahrelangen Kontroversen ist das Humboldt Forum jetzt eröffnet worden. Es steht im Zentrum Berlins – da, wo einst das historische Berliner Stadtschloss stand.
    Ein Ort des Austausches solle das Humboldt Forum werden, sagt Generalintendant Hartmut Dorgerloh. Wenn er sich in das Café im Schlüterhof setzte, merke er, dass das jetzt schon funktioniere: "Da treffen sich ganz unterschiedliche Menschen, das geht durch die Generationen und durch die Erwartungshaltungen, das macht richtig Spaß."
    Als Kultur- und Wissenschaftszentrum "neuen Typs" weise das Humboldt Forum in die Zukunft, sowohl was die Struktur als auch das Programm angehe.
    "Es ist eben nicht das klassische Einfamilienhaus mit eigenem Garten, sondern es ist ein Mehrgenerationenhaus für Patchwork-Familien, wenn man das so mal so übersetzen kann. Das ist unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Und dafür ist es der richtige Ort, um über diese gemeinsame Zukunft miteinander zu reden."

    Eigentlich kein Freund des Schlossnachbaus

    680 Millionen Euro hat das Humboldt Forum mit seinen 40.000 Quadratmetern gekostet, und die Diskussionen über die Großattrappe reißen nicht ab. Drei Seiten sind nachgebaute Schlossfassaden, die vierte Fassade ist modern gehalten. Anfangs war Hartmut Dorgerloh kein Freund der umstrittenen Rekonstruktion. Doch der Denkmalpfleger und studierte Kunsthistoriker verweist auf die nationale Entscheidung in der Sache:
    "Es gab ja nach langen Debatten 2002 schließlich einen Beschluss mit überwältigender Mehrheit im Bundestag. Und es kommt nicht so häufig vor, dass unser oberster Souverän in Architekturfragen entscheidet."
    Irgendwie Schloss, aber irgendwie auch nicht, außen auf alt gemacht, innen modern – eine "hybride Konstruktion" nennt Intendant Dorgerloh sein Haus. Mittlerweile hat er sich mit dem Bau ausgesöhnt:
    "Der ist jetzt da. Und die Aufgabe ist, aus diesem Neubau mit den rekonstruierten barocken Fassaden – und die sind handwerklich wirklich faszinierend und überzeugend gemacht – jetzt das Humboldt Forum zu entwickeln. Und das ist eine große, spannende Aufgabe. Und eine große Herausforderung zu zeigen: Hinter alten Mauern kann was ganz Neues entstehen."

    Umgang mit dem kolonialen Erbe

    Das Humboldt Forum ist als Universalmuseum konzipiert und versammelt ein Füllhorn an Themen unter einem Dach – Kritiker nennen es "Gemischtwarenladen".
    In dem Bau sind die Schausammlungen der "Stiftung Stadtmuseum" und der Humboldt-Universität untergebracht. Und – als besonderes Highlight – die Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin.
    An deren Exponaten entzündet sich seit Jahren die Debatte zum Umgang mit kolonialer Raubkunst. Die Geschichte des Kolonialismus sei ein Kernthema für sein Haus, sagt Intendant Dorgerloh. Das betrifft auch ganz zentrale Ausstellungsstücke:
    "Das heißt, die Frage, was zum Bespiel von den Benin-Bronzen im Humboldt-Forum ausgestellt wird, entscheiden nicht wir oder die Kollegen von den ethnologischen Museen Stiftung Preußischer Kulturbesitz – sondern wir entscheiden gemeinsam mit den Partnern aus Nigeria. Und das ist ein schwieriger Aushandlungsprozess. Und der dauert seine Zeit."
    Deutschland habe eine verheerende Rolle in der kolonialen Aneignung der Welt gespielt, sagt der Generalintendant. Die Benin-Bronzen und auch das Luf-Boot aus Papua-Neuguinea seien zu Symbolen für die blutige Kolonialgeschichte geworden.
    "Sie sind aber auch Symbol dafür, dass man überhaupt in Europa erkannt hat, dass in zentralen Ländern Afrikas eigenständige, hochkarätige Kunstwerke entstanden sind, die zur Weltkunst gehören. Und, dass das kein Privileg des sogenannten Abendlands war."

    Als Teenager Schlossführer in Sanssouci

    Interesse an Kunstgeschichte und historischen Gebäuden hat Hartmut Dorgerloh seit der Jugend. Der Pfarrerssohn, aufgewachsen in der DDR, jobbte als Teenager in Potsdam-Sanssouci. Er führte Touristengruppen durch die Schlösser und Gärten:
    "Lehrer-Kollektive waren immer besonders schwierig. Wenn die ihren Betriebsausflug hatten und dann stand da ein Elftklässler und sollte denen irgendetwas erzählen…"
    In dem Job als Schlossführer habe er eine Menge "Führungserfahrung" gesammelt, erzählt Hartmut Dorgerloh. Damals konnte bei den Besuchergruppen auch deshalb punkten, weil er nicht nur über die alten Gebäude erzählte:
    "Es waren immer die Geschichten, die mit diesen Orten verbunden sind: Wie werden eigentlich diese Schlösser gebaut? Oder wer hat sich denn um die Gärten wirklich gekümmert? Wer hat in der Küche geschuftet, damit es immer warmes Wasser gab? Das waren eigentlich die Dinge, die mich interessiert haben."

    Preußen entstauben

    Bevor Hartmut Dorgerloh Intendant des Berliner Humboldt Forums im umstrittenen Schlossnachbau wurde, war er 16 Jahre lang Herr über "echte Schlösser" – als Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.
    In dieser Zeit erarbeitete er sich den Ruf eines "Preußen-Enstaubers". So kuratierte er etwa die erfolgreiche Ausstellung "Friederisiko" über Friedrich den Großen.
    Hier standen zum ersten Mal nicht mehr Blattgold, Damast und kostbare Gemächer im Mittelpunkt. Die Ausstellung beleuchtete ganz neue Aspekte des Preußentums:
    "Zum Beispiel die Rolle der Frauen am preußischen Hof. Die war lange unterschätzt, aus Gründen, die wir heute nachvollziehen können. Oder eben auch die europäische Dimension von Preußen. Was hatten die denn überhaupt für Verhandlungsmöglichkeiten? Was konnte Friedrich frei entscheiden? Und das hat, glaube ich, auch das Publikum noch mal neu interessiert an den gleichen alten Orten."
    (tif)
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