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Lesart | Beitrag vom 12.09.2020

Isabelle Mayault: "Eine lange mexikanische Nacht"Hommage an die ersten Kriegsfotografen

Von Carsten Dippel

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Das Cover von Isabelle Mayaults "Eine lange mexikanische Nacht” vor Deutschlandfunk Kultur Hitnergrund. (Rowohlt / Deutschlandradio)
Im Jahr 2007 geistert ein ominöser "mexikanischer Koffer" durch die Medien – er enthält Zeitdokumente aus dem Spanischen Bürgerkrieg. (Rowohlt / Deutschlandradio)

Als der Fotograf Robert Capa 1940 aus Paris flieht, hinterlässt er einen Koffer mit Aufnahmen aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Journalistin Isabelle Mayault erzählt die Geschichte des verschollenen Materials und erinnert auch an Capas Weggefährten.

Als im Jahr 2007 unverhofft ein Koffer mit Tausenden Negativen aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges auftauchte, das lange verschollen geglaubte Archiv von Robert Capa, Gerda Taro und David Seymor, genannt Chim, da staunte die Welt nicht schlecht. Capa, den berühmten Kriegsfotografen, kennt die Welt durch seine zu Ikonen gewordenen Bilder, man denke nur an den von einer Kugel getroffenen Soldaten.

Seine beiden engsten Weggefährten waren Chim und Taro, die gemeinsam im Spanischen Bürgerkrieg nicht nur ihr Leben riskierten, sondern überhaupt das Genre der Kriegsfotografie begründeten. Diese beiden Namen sind noch immer viel weniger bekannt.

In diesem Jahr erschien auf Deutsch ein Roman der Journalistin Isabelle Mayault, der sich der Geschichte des legendären "mexikanischen Koffers" annimmt.

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Jamón, der Icherzähler dieses Romans, kommt unverhofft in den Besitz eines geheimnisvollen Koffers. Darin findet er Dutzende, in Fächer verpackte Filmrollen, Kontaktabzüge und Tausende Negative. Allesamt aus der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges. Entstanden fern seiner mexikanischen Heimat in einer anderen Zeit.

Noch ahnt dieser Jamón nicht, welch unglaublichen Schatz er da in den Händen hält. Es sind Fotos von Robert Capa, Gerda Taro und David Seymor.

"Eine merkwürdige Aura umgab die flachen, klapperigen Schachteln, ein Hauch von 'Das war damals'. Wie die Grabkammer des Tutanchamun nach Sand roch, nach Kupfer und nach Knochen, so rochen diese Schachteln noch nach Staub, Triumph und Tränen. Ich ließ die Negative aus dem Umschlag auf meinen niedrigen Couchtisch gleiten, wagte jedoch nicht, sie zu berühren."

Diesen sagenhaften Fotoschatz gibt es tatsächlich. Jahrzehntelang galt er als verschollen. Doch im Jahr 2007 geistert ein ominöser "mexikanischer Koffer" durch die Medien. Die Spur dieses unschätzbaren Materials, das die entscheidenden Arbeiten jener drei enthielt, die den Beruf des Kriegsfotografen überhaupt erst begründeten, verlor sich nach den Wirren des Spanischen Bürgerkrieges.

Ausstellung im Jahr 2010

Ob und wie der Koffer schließlich vor den Nazis aus Europa herausgeschafft wurde – Capa, Taro und Chim kämpften mit ihren Kameras aufseiten der Republik gegen Franco – blieb lange ungeklärt. Gerda Taro kam auf tragische Weise in Spanien ums Leben, Chim während des Suez-Kanal-Krieges 1956, Robert Capa in Indochina 1954.

Capa selbst wusste nicht, ob der Koffer überlebt hatte. Er musste ihn 1940 vor dem Einmarsch der Deutschen in Paris zurücklassen. Es gab eine Spur nach Mexiko, vielmehr aber auch nicht. Jahrzehntelang wurde fieberhaft danach gesucht. Ende der 90er gab es Gerüchte, dass er in Mexiko ist.

Ein Filmemacher, Nachfahre jenes mexikanischen Diplomaten und Generals, der diesen Koffer tatsächlich unter abenteuerlichen Umständen aus dem besetzten Frankreich mitnahm, hatte ihn geerbt. Nach jahrelangen zähen Verhandlungen konnte er schließlich dem von Capas Bruder Cornell in New York gegründeten International Center of Photography übergeben und 2010 in einer aufsehenerregenden Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert werden. Es war eine Sensation. Als Mayault davon erfährt, ist sie sofort elektrisiert.

"Vor Capa, Taro und Chim hat niemand je gewagt, laufende Kampfhandlungen zu fotografieren. Man hat die drei nicht gezwungen, nach Spanien zu gehen, wissen Sie. Sie haben selbst beschlossen, von Paris in die ausgedörrten Berge zu fahren, um vom Kampf der Republikaner zu berichten. Und wissen Sie auch, wieso? Weil sie vor allen anderen begriffen hatten, dass dieser Krieg das letzte Bollwerk war vor etwas Fürchterlichem. Und es ist keineswegs nur ein historischer Zufall, dass sie alle drei europäische Juden waren. Ihre Wurzeln verliehen ihnen eine Sensibilität für diese Frage, die ein protestantischer Amerikaner oder katholischer Franzose niemals hätte aufbringen können."

Ausleuchten der Zeithistorie

Mayault baut um diese Entdeckung eine kunstvoll geflochtene - fiktive - Geschichte. In Rückblenden und auf verschiedenen Zeitebenen erfahren wir nach und nach von der Geschichte dieses Koffers, seinem Verschwinden, seinem Wiederauftauchen. So wie es war? Nicht ganz. Aber so, wie es unter Umständen hätte sein können.

Der Fotograf Robert Capa  (picture-alliance/dpa/United Archives/TopFoto)In Berlin im Centrum Judaicum ist derzeit die Ausstellung „Robert Capa, Berlin Sommer 1945“ zu sehen. (picture-alliance/dpa/United Archives/TopFoto)
Mayaults Erzählung besticht durch eine geschickte Dramaturgie. Sie beweist ein gutes Gespür für das richtige Timing und das präzise Ausleuchten der zeithistorischen Umstände.

"Kluge Geister nannten den Spanischen Bürgerkrieg eine Weile lang den 'Krieg der Schriftsteller'. Und tatsächlich, von den Tausenden Europäern und Amerikanern, die gekommen waren, um sich den Internationalen Brigaden anzuschließen, schrieben einige tausend an Romanen oder Memoiren, sodass die Toten und Granaten dieses Kriegs bereits in Worte verwandelt worden waren, bevor Franco ihn gewonnen hatte."

Mayault legt Fährten aus, spinnt Fäden, die sich quer von Mexiko nach Paris, von Spanien nach Lissabon, über den Atlantik nach New York ziehen. Manchmal ist das etwas verwirrend bei all den Namen, Zeiten, Orten, doch man folgt diesen Spuren und ihren zuweilen rastlosen Protagonisten gern, schaut über ihre Schulter gebannt in die historischen Gegebenheiten, der die versierte Journalistin Mayault eine wunderbar cineastische Magie einzuhauchen versteht. Man wähnt sich beim Lesen dieses kurzweiligen Romans im Kinosessel.

Mayault ist Journalistin

Mayault war bereits in Beirut und Algier, in Istanbul, Kairo und Burkina Faso als Journalistin unterwegs. Sie zählt mit ihren Essays zu den international beachteten feministischen Stimmen. Die Leidenschaft für den Blick auf die Rolle der Frauen, auf ihren Kampf für eine gerechtere Welt, spürt man auch in diesem Roman.

Um die Geschichte des mexikanischen Koffers erzählt sie von vier Frauen: von Greta, der Cousine des Protagonisten Jamón, von Olivia, die in Spanien als Krankenschwester arbeitet und den Koffer rettet, von Maria, die ihn sicher nach Mexiko bringt, schließlich von der New Yorkerin Désirée, die den Fotoschatz sichtete und zur Veröffentlichung beiträgt. Ohne sie, so Mayault, hätte dem kollektiven Gedächtnis das wertvolle Fotoarchiv nicht zurückgegeben werden können. Dieser Roman soll, schriebt Mayault ...

"... eine Hommage sein an den Mut, den Einsatz und den Humanismus der drei Fotografen sowie ein Versuch, über die Menschen nachzudenken, die ihn aufbewahrt haben, ohne dabei vorzugeben, auch nur das geringste Bisschen über deren Privatleben und ihre Beweggründe zu wissen."

Isabelle Mayault: "Eine lange mexikanische Nacht"
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
240 Seiten, 22 Euro

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