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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.09.2017

Iris Bohnet: "What works"Mit neuen Spielregeln zur Gleichberechtigung

Von Michael Schornstheimer

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Iris Bohnet: "What works" (C. H. Beck / imago)
Wenn alle Frauen der Welt vom Arbeitsleben ausgeschlossen wären, würde das zu Einkommensverlusten von 40 Prozent führen, rechnet Iris Bohnet in ihrem Buch "What works" vor. (C. H. Beck / imago)

Gibt es einen nachweislich erfolgreichen Weg, um die Gleichberechtigung von Frau und Mann zu verbessern? Auf jeden Fall, meint die Verhaltensökonomin Iris Bohnet von der Harvard Universität. Intuition helfe dabei aber nicht weiter.

Nach einer erholsamen Mittagspause wägen Richter ihr Urteil gründlicher ab und entscheiden in der Regel milder. Ob also jemand regelmäßig längere Pausen macht oder nur kurze oder gar keine, kann weitreichende Auswirkungen haben. Im Gerichtssaal, im Cockpit, im OP.

Ob es um Gesetze, Fusionen oder Vorstellungsgespräche geht: Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern werden beeinflusst von Rahmenbedingungen. Die kann man sich wie ein Gebäude vorstellen: "Entscheidungsarchitektur" lautet der Fachbegriff. Die Rahmenbedingungen - das "Design" - von Verhalten wirkt sich dementsprechend negativ oder positiv aus. Damit beschäftigt sich die Wirtschaftswissenschaftlerin Iris Bohnet an der Harvard Kennedy School:

"Organisationen müssen ent­scheiden, wie sie nach künftigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern suchen und wie sie sie auswählen. Wie sie für offene Stellen werben, wo sie Stellenanzeigen schalten, (…) wie sie Vorstellungsgespräche führen und wie sie sich endgültig für eine Bewerberin oder einen Bewerber entscheiden – all das ist Teil der Entscheidungsarchitektur. Warum sollte man nicht ein bisschen mehr auf das Design achten und damit die Chance erhöhen, dass wirklich die Besten eingestellt werden?"

Intuition von Vorurteilen beeinflusst

Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu guten Entscheidungen ist laut Bohnet die viel gepriesene Neigung, intuitiv zu entscheiden. Viele Führungskräfte geben an, bei wichtigen Fragen ihrem Bauchgefühl zu folgen. Doch dieses Bauchgefühl, meint die Autorin, richtet sich nach unbewussten Vorbehalten, Stereotypen und Vorurteilen, die zu Unrecht einige Menschen benachteiligen und andere bevorzugen.

Das sollten und könnten wir uns nicht leisten. Eine Welt, in der alle Frauen vom Arbeitsleben ausgeschlossen wären, würde zu Einkommensverlusten von 40 Prozent führen, rechnet sie vor:

"Ich bestreite in diesem Buch nicht, dass es Interessenkonflikte und Kosten-Nutzen-Abwägungen gibt. Manchmal sind es tatsäch­lich Nullsummenspiele, und der Gewinn der einen ist der Verlust eines anderen. Aber nicht jedes Spiel endet mit einem Gewinner und einem Verlierer. Es gibt auch viele Positivsummenspiele, und in diesen Fällen ist Verhaltensdesign weniger wie Schachspielen, son­dern mehr wie Tanzen. Wir können die Gesundheit, die Bildung und die Chancen der Mädchen in Indien verbessern, ohne dass die Jungen Einbußen erleiden."

Verfassungsreform in Indien veränderte Frauenbild 

Neben zahllosen Studien zitiert Iris Bohnet in ihrem Buch auch erfolgreiche Maßnahmen, wie die Verfassungsänderung in Indien von 1993, wodurch sich der Anteil der Frauen in den Dorfräten innerhalb von zwei Jahrzehnten auf nahezu die Hälfte steigern ließ. Dadurch kamen nicht nur wesentlich mehr Frauen in Führungspositionen. Auch die Rollenvorbilder änderten sich. Allmählich wünschten sich Eltern für ihre Töchter einen Beruf in der Verwaltung und der Politik. Auch deshalb plädiert die Autorin für Quotenregelungen. Sie wirkten sich verhaltensökonomisch positiv aus, wenngleich sie nach ihrer Definition nicht zum "Verhaltensdesign" gehören.

Ein starkes Instrument, um Ungleichheiten durch Design auszugleichen, ist für die Autorin die Analyse von Daten aus dem Personalwesen. Wir sollten Big Data nutzen, um Ungerechtigkeiten in Unternehmen zu erkennen und zu beseitigen. So wie das Google schon längst tut:

"Die Menschen denken, sie wüssten, was sie tun – gegründet auf einer Mischung aus Intuition, Bewährtem, Tradition und Normen der Branche. Aber nur Daten sind aussage­kräftig. Wir alle sind dankbar, dass die Medikamente, die wir gegen Migräne oder zur Senkung des Blutdrucks nehmen, in klinischen Versuchen mit Experimental- und Kontrollgruppen getestet wur­den. Unternehmen stehen die gleichen Techniken zur Verfügung, um genau festzustellen, was funktioniert, und Prozesse so zu pla­nen, dass sie zu besseren Personalentscheidungen führen. Sie sollten sie anwenden; mittlerweile spricht es zunehmend gegen eine Firma, wenn sie das nicht tut."

Big Data im Personalwesen - Königsweg zu mehr Gerechtigkeit?

Nun haben Google und Big Data zumindest in Europa nicht den besten Leumund. Dessen ist sich auch Iris Bohnet bewusst, wenn sie einräumt, dass das Sammeln von Daten unsere Privatsphäre beeinträchtigen kann und unter Umständen Stereotype und Vorurteile auch verstärkt, statt sie abzubauen. Dennoch plädiert sie leidenschaftlich dafür, Daten zu sammeln und durch Algorithmen auszuwerten, anstatt dem menschlichen Urteil zu vertrauen.

Die Lektüre ihres Buches "What works" hinterlässt somit einen zwiespältigen Eindruck. Natürlich gehört Datenanalyse inzwischen zur Realität und es wäre naiv, nur dagegen zu polemisieren. Doch sollte man die Gefahren von Missbrauch und Überwachung nicht zu einfach und zu schnell beiseite schieben. Außerdem: So wünschenswert eine Welt ohne Vorurteile und Stereotypen auch sein mag, vermutlich geht es nicht ohne. Darüber hat Hannah Arendt in ihren Politikvorlesungen ausgiebig philosophiert.

Test mit multiple-choice-Fragen benachteiligen Frauen

Iris Bohnet führt zahlreiche, mitunter verblüffende Beispiele an, wie kleine Eingriffe im Verhaltensdesign beeindruckende Erfolge auslösen: Frauen raten ungern und schneiden deshalb bei multiple-choice-Fragen schlechter ab als Männer, die das Risiko, beim Raten auch mal falsch zu liegen, lieber eingehen. Deshalb verbessere es die Chancengerechtigkeit, auf multiple-choice-Fragen bei Tests zu verzichten.

Die Fülle des Materials, das sie ausbreitet, überwältigt im doppelten Sinn. Auf jeder Seite eine neue Studie. Das kann aber auch die willigsten Leser erschlagen.

Iris Bohnet: "What works". Wie Verhaltensdesign die Gleichstellung revolutionieren kann
Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer
C.H. Beck, August 2017
382 Seiten, 26,95 Euro

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