Menschenrechte

Wie die iranische Kulturszene das Regime bekämpft

Mit Stacheldraht geschützte Außenmauer des Teheraner Evin-Gefängnisses sowie ein Wachturm.
Iranische Kulturschaffende, die gesellschaftliche Normen hinterfragen oder sich offen gegen die Regierung aussprechen, sind staatlicher Willkür und Verfolgung ausgesetzt. © picture alliance / NurPhoto / Morteza Nikoubazl
Kristina Reymann-Schneider |
Trotz Berufsverboten, Verhaftungen und Einschüchterungen lässt sich Irans Kulturszene nicht unterkriegen. Regisseure drehen ihre Filme heimlich, Sängerinnen singen öffentlich – und bringen sich damit in Gefahr.
Das iranische Regime geht rigoros gegen Demonstrierende und Oppositionelle vor. Denn in der Islamischen Republik Iran gelten strenge Gesetze, die sich an der Scharia orientieren. Sie schränken insbesondere Frauenrechte sowie die Meinungsfreiheit massiv ein und verbieten jegliche Kritik am Islam oder dem politischen System. All das führt dazu, dass kritische Regisseure, Schriftsteller oder Musikerinnen mit jedem Film, Gedicht oder Auftritt riskieren, verhaftet und mit dem Tod bestraft zu werden.

Wie lehnen sich Filmemacher gegen das islamische Regime im Iran auf?

Der Regisseur Jafar Panahi wird nicht müde, gesellschaftskritische Filme zu machen. Viele seiner Produktionen liefen auf internationalen Festivals, darunter „Taxi Teheran“ (2015) und „Keine Bären“ (2022). In seinem aktuellen Film „Ein einfacher Unfall“ erzählt er von einem Mann, der im Gefängnis saß und nach seiner Haft zufällig auf den Menschen trifft, der ihn gefoltert hat. Er entführt seinen Peiniger, ist sich aber dann doch nicht mehr ganz sicher, ob er den Richtigen erwischt hat. Er sucht ehemalige Gefängnisinsassen auf, die dessen Identität bestätigen können. Gemeinsam beraten, diskutieren, streiten sie darüber, was zu tun ist.
Der Film, der mit Firmen aus Frankreich und Luxemburg co-produziert wurde, zeichnet ein Bild der iranischen Gesellschaft im Kleinen. „Dieser Film ist ja nicht nur irgendeine Geschichte, sondern eine Art Echo einer kollektiven Erfahrung, die viele politische Gefangene im Iran teilen“, sagte Jafar Panahi Mitte Dezember 2025 in Berlin. „Wenn im Film die Protagonisten mit verbundenen Augen verhört werden, dann ist das nicht nur eine Szene. Es ist ein Erlebnis, das ich genauso erlebt habe.“
„Ein einfacher Unfall“ wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, Frankreich hat ihn als nationalen Beitrag in der Kategorie „Bester internationaler Film“ eingereicht. Im Iran aber ist er nicht im Kino zu sehen. Dort gelten strenge Zensurvorgaben für politisch brisante Filme.
Jafar Panahi ist dem iranischen Regime schon lange ein Dorn im Auge. Deshalb muss er seine Filme heimlich drehen. Eine offizielle Genehmigung bekommt er von den iranischen Behörden nicht. Denn eigentlich darf er seinen Beruf gar nicht ausüben. Jafar Panahi wurde mehrfach inhaftiert, weil er an Protesten teilgenommen hatte und sich öffentlich für die iranische Opposition aussprach. Ihm wurden „Verbrechen gegen die nationale Sicherheit“ und „Propaganda gegen den islamischen Staat“ vorgeworfen. Zuletzt hat ein iranisches Revolutionsgericht ihn Anfang Dezember 2025 in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Außerdem darf er zwei Jahre lang nicht ausreisen.
Auch der Regisseur Mohammad Rasoulof ist bekannt für seine kritische Haltung gegenüber der iranischen Regierung. Er wurde ebenfalls mehrfach verhaftet und mit einem Berufsverbot bestraft. Doch daran hielt auch er sich nicht. Viele Jahren wehrte er sich gegen die staatliche Zensur.
Seinen jüngsten Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ (2024) drehte er heimlich im Iran. Im Zentrum steht ein Vater zweier Töchter, der zum Untersuchungsrichter am Revolutionsgericht in Teheran befördert wurde und Todesurteile unterschreiben muss. Zur gleichen Zeit brechen die Massenproteste im Iran aus. Der als Familiendrama inszenierte Film zeichnet das Bild einer patriarchalen, frauenfeindlichen Gesellschaft im Jahr 2022 und wie junge Frauen dagegen ankämpfen.
„Die Saat des heiligen Feigenbaums“ gewann den Deutschen Filmpreis, war im vergangenen Jahr für einen Oscar nominiert und wurde weltweit aufgeführt. Nur im Iran kam der Film nie ins Kino. 2024 verurteilte ein Gericht Mohammad Rasoulof zu acht Jahren Haft und einer Geldstrafe. Außerdem sollte er ausgepeitscht und sein Eigentum beschlagnahmt werden. Daraufhin ergriff er Flucht. Inzwischen lebt er in Deutschland.
Die Regisseurin Mahnaz Mohammadi setzt sich für Frauenrechte im Iran ein und thematisiert die Situation von Frauen in ihren Spielfilmen und Dokus. Auch sie wurde mehrfach verhaftet und verbrachte mehrere Monate in Isolationshaft. Ihr wurde Spionage vorgeworfen.
Seit 2022 dreht sie ihre Filme außerhalb der Heimat. Zurzeit lebt sie in Berlin, um ihren neuen Film „Roya“ fertigzustellen, der auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere hat. Das Drama handelt von einer inhaftierten Lehrerin, die vor einer schwierigen Entscheidung steht: Soll sie im Fernsehen ein erzwungenes Geständnis ablegen und freikommen, oder für ihre politischen Überzeugungen einstehen und dafür eingesperrt bleiben?

Wie bekämpfen Schriftsteller das islamische Regime?

„Seit Jahren versuchen wir einfach zu beschreiben, was da passiert unter dieser islamischen Regierung“, sagt der iranische Schriftsteller Bahram Moradi, der vor mehr als drei Jahrzehnten nach Deutschland geflüchtet ist. „Und keiner glaubt das, weil es so brutal ist, so einfach unverschämt ist.“
Bahram Moradi ist 1960 im Iran geboren und begann in den 1970ern als Schauspieler, Dramatiker und Theaterregisseur zu arbeiten – bis er mit seiner Theatergruppe während einer Aufführung auf der Bühne verhaftet wurde. Da war er Anfang 20. Zwei Jahre verbrachte er im Gefängnis.
Seine traumatischen Erlebnisse verarbeitete er Jahrzehnte später in dem Roman „Das Gewicht der anderen“. Die Arbeit daran bezeichnete er als Selbsttherapie. Im Roman erzählt er von einem völlig unpolitischen 13-Jährigen, der willkürlich verhaftet wird und seine gesamte Jugend im Gefängnis verbringt. Als er mit 22 Jahren entlassen wird, ist er ein gebrochener Mann.
Der Dichter Peyman Farahavar hat über Umweltzerstörung im Iran, über soziale Ungerechtigkeit und Korruption geschrieben. Im September 2024 wurde er verhaftet. Ihm wird der „Aufruf zum bewaffneten Aufstand“ und „Aufstand gegen Gott“ vorgeworfen. Laut seiner Familie wird er im Gefängnis schwer gefoltert. Im Mai 2025 verurteilte ihn ein Revolutionsgericht im Schnellverfahren zu Tode.
Das iranische Regime versuche, an ihm ein Exempel zu statuieren, sagt PEN-Berlin-Mitglied und Poetry-Slammerin Daniela Sepehri. Außer ihm seien zahlreiche weitere Dichter, Autorinnen und Journalisten inhaftiert. „Das alles zeigt auch, wie sehr sich das Regime fürchtet vor Menschen, die was mit Worten machen. Weil das Regime ganz genau weiß, vor allem Poesie berührt Menschen und kann natürlich Menschen auch erreichen, emotional und eventuell auch sogar mobilisieren, aktiv zu werden. Und das möchte eben das Regime vermeiden.“

Wie wehren sich Musikerinnen gegen Unterdrückung?

Frauen sind im Iran besonders benachteiligt. Sie müssen ihre Haare verdecken, sich ihrem Mann unterordnen und dürfen nicht allein als Sängerin auf der Bühne stehen. Das Gesangsverbot gilt für Frauen auch in den sozialen Medien. Wer dagegen verstößt, gerät ins Blickfeld der Justiz, so wie die Sängerin Hiwa Seyfzadeh, die 2025 während eines Auftritts verhaftet wurde, oder die Sängerin Zara Esmaili, die 2024 festgenommen wurde. Die damals 29-Jährige hatte Videos gepostet, in denen sie ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit sang.
„Ich denke, Kunst und Kultur sind die stärksten Feinde aller Diktatoren“, sagt die iranische Rapperin Farima Habashizadehasl, alias Justina. „Als Künstlerin glaube ich fest daran. Kunst ist der stärkste und friedlichste Weg, mit dem wir Diktatoren zu Fall bringen können.“ Sie ist 1990 in Teheran geboren und hörte zuhause verbotenerweise US-amerikanischen und persischen Rap. Als Jugendliche begann sie eigene Texte zu schreiben. Ihre Themen: soziale Ungerechtigkeit, Menschenrechte und die Diskriminierung von Frauen in Iran. Mit 28 wurde sie für drei Tage verhaftet und schließlich zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Daraufhin floh sie aus dem Iran. Inzwischen lebt sie im schwedischen Exil.
Viele ihrer Songs beschreiben die Situation im Iran. Sie will ihre Landsleute ermutigen, sich gegen die Regierung aufzulehnen und mit ihrer Musik dazu beitragen, das Regime zu stürzen. „Ich erlaube niemandem, mir Vorschriften zu machen“, rappt sie im Song „Pichak“ (2022) und appelliert an die iranische Gesellschaft, einander zuzuhören, keine Angst zu haben, den eigenen Glauben zu hinterfragen und sich zusammenzutun, um das Regime abzuschaffen. Denn: „Wir verdienen den Frieden.“ Der iranische Rapper Toomaj Salehi, der ebenfalls an dem Song beteiligt war, wurde Ende 2022 verhaftet und zu Tode verurteilt. Das Urteil wurde später wieder aufgehoben und er kam zwischenzeitlich frei. Doch schon im Sommer 2025 haben die iranischen Behörden ihn abermals festgenommen.

Was kann die Opposition im Exil bewirken?

Exilverlage in Europa, den USA oder Australien spielen für die iranische Opposition eine sehr wichtige Rolle, weiß die Literaturübersetzerin Sarah Rauchfuß. Sie ermöglichten iranischen Autorinnen und Autoren Texte zu publizieren, die im Iran nicht oder nur zensiert veröffentlicht werden dürfen. Außerdem gelangen durch sie ins Persische übersetzte Texte ins Land, die dort sonst nur in zensierter Version verbreitet werden dürfen. In Telegram-Gruppen tauschen die Menschen PDFs der Bücher aus. „Meine Erfahrung ist, dass die Exilverlage damit nicht so ein Problem haben“, sagt Sarah Rauchfuß. „Die sagen, okay, wir machen über diese Verbreitung dann kein Geld, aber immerhin kommen die Themen an die Leute.“
Aktuell ist das Internet im Iran gesperrt, nur wenige Informationen dringen nach außen. Im Land selbst gibt es ohnehin keine freie Presse. „Reporter ohne Grenzen“ bezeichnet den Iran als „eines der repressivsten Länder weltweit für Medienschaffende“. Exil-Iraner aber können das Land mit Nachrichten auf Persisch versorgen. So wie der Filmemacher und Journalist Maziar Bahari, der im Exil 2013 das Nachrichtenportal „IranWire“ gegründet hat, oder wie Medienvertreter und Menschen mit iranischen Wurzeln, die eigentlich einen anderen Beruf haben und pausenlos Nachrichten übersetzen.
Außerdem können sie internationale Aufmerksamkeit erregen, so wie der Regisseur Jafar Panahi, der bei Preisverleihungen, in vielen Interviews und auf seinem Instagram-Kanal auf die dramatische Lage der Protestierenden im Iran hinweist. „Alles, was irgendwie Sichtbarkeit dem Thema schafft, hilft den Menschen im Iran“, sagt die Poetry-Slammerin Daniela Sepehri. Sie hat sich gemeinsam mit Prominenten und politischen Aktivisten mit einem offenen Brief an die Bundesregierung gewandt und fordert, „endlich massiven Druck auf das iranische Regime auszuüben“.
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