Seit 10:05 Uhr Lesart
Dienstag, 27.10.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Kompressor | Beitrag vom 25.06.2020

Internetseite tearthisdownEine Deutschlandkarte kolonialer Straßennamen

Simone Dede Ayivi im Gespräch mit Timo Grampes

Beitrag hören Podcast abonnieren
An der U-Bahnhaltestelle Mohrenstraße in Berlin-Mitte hängt auf dem U-Bahn-Halstestellenschild ein Plakat mit der Aufschrift "George-Floyd". (dpa / Kay Nietfeld)
George-Floyd- statt "Mohrenstraße"? - Kritiker fordern die Umbenennung der Straße in Berlin-Mitte. (dpa / Kay Nietfeld)

Die Seite tearthisdown weist auf die Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit und die problematische Erinnerungskultur diesbezüglich hin. Es gehe dabei nicht nur um ein Umbenennen von Straßen, sondern um ein "Umerinnern", so Aktivistin Simone Dede Ayivi.

"Mr. Gorbachev, tear down this wall", rief US-Präsident Ronald Reagan 1987 am Brandenburger Tor in Berlin. Die Internetseite tearthisdown.com nimmt Bezug auf die legendäre Rede – und die Forderung: Weg mit der Mauer! Frei nach Reagan heißt es jetzt: Weg mit Straßennamen, die an die Kolonialzeit erinnern.

Auf der Internetseite haben das Künstlerkollektiv Peng! und die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) eine Landkarte erstellt, die das Ausmaß der problematischen Erinnerungskultur deutlich machen soll: Auf ihr sollen Straßennamen, die nach abwertend Begriffen für Schwarze Menschen heißen oder an Kolonialisten erinnern, gesammelt werden. Das Projekt ist partizipativ. Lokale Initiativen können weitere Straßennamen oder Denkmäler beisteuern.

Wer ist es wert, in die Geschichte einzugehen?

Dabei gehe es darum, "mit offenen Augen durch das Stadtbild zu gehen" und zu fragen, "wer sind für uns Menschen, die es wert sind, in die Geschichte einzugehen", sagt die Künstlerin und Theatermacherin Simone Dede Ayivi von der ISD.

Die Seite bietet daher neben der Liste von Straßennamen, Gedenkstellen und Denkmälern auch Informationen zu den historischen Hintergründen und den jeweiligen politischen Diskurs bezüglich bestimmter Straßennamen oder historischer Persönlichkeiten. Außerdem verweist die Seite auf lokale Initiativen und Gruppen, die sich mit der kolonialen Vergangenheit der jeweiligen Orte beschäftigen.

Umerinnern statt nur Umbenennen

Dabei gehe es den Machern von tearthisdown nicht nur um ein "Umbenennen", sondern um ein "Umerinnern", betont Simone Dede Ayivi. "Es geht nicht ums Vergessen oder darum, Geschichte auszulöschen." Im Gegenteil: Es solle an die Zeit des Kolonialismus erinnert werden, aber indem antikolonialistische Kämpfer und Kämpferinnen oder antirassistische Aktivistinnen und Aktivisten geehrt werden. So könne beispielsweise die umstrittene "Mohrenstraße" in Berlin-Mitte in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt werden – nach dem ersten deutschen Gelehrten afrikanischer Herkunft.

Informationstafeln können außerdem nach der Umbenennung auf die alten Straßennamen, den historischen Kontext und die Debatte über die Umbenennung verweisen, meint Simone Dede Ayivi. Schließlich gehe es der Initiative darum, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen und einen breiten gesellschaftlichen Diskurs über Kolonialgeschichte und Rassismus anzustoßen.

(lkn)

Mehr zum Thema

Urbanistin Noa Ha - Die Stadt vom Kolonialismus befreien
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 06.06.2020)

Diskussion um Straßenumbenennung - Koloniales Erbe im Herzen Berlins
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 27.08.2019)

Politologe kritisiert Google-Ehrung - "Das hat einen bitteren Beigeschmack"
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 27.02.2018)

Fazit

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur