Kommentar

Digitale Kommunikation als Gift für die Demokratie

04:31 Minuten
Illustration: Ein Mann sitzt im Schneidersitz und schaut auf sein Smartphon, drumherum Sprechblasen.
Viel Hass und Unsinn, jede Menge Fake News: Um die liberale Demokratie zu schützen, muss das Internet besser kontrolliert werden. © imago / fStop Images / Malte Mueller
Ein Standpunkt von Markus Ziener |
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Mit dem Internet verbanden anfangs viele geradezu utopische Heilserwartungen - ein freier Kommunikationsraum, ohne Aufpasser, der zur Demokratisierung der Verhältnisse beitragen sollte. Inzwischen ist klar: Das war nur ein Traum.
Wissen Sie, wie für mich ein gelungener Abend aussieht? Wenn sich eine Gruppe von Freunden um den Wohnzimmertisch versammelt und wir bei Essen und Trinken zu einer leidenschaftlichen Diskussion finden. Dabei kann es um jedes Thema gehen, von Migration über AfD, von Merz zu Trump und von Erbschaftssteuer zu Generationengerechtigkeit. Erlaubt ist alles, was eine gute Debatte ausmacht: Das kluge Argument, die vehemente Replik, der schlagfertige Zwischenruf oder die witzige Pointe. Was allerdings nicht geht, ist: Nicht ausreden lassen, den anderen persönlich attackieren oder Fakten erfinden.
Wenn ein Abend so verläuft, dann bin ich danach beseelt. Weil man die Freunde wieder ein Stück besser kennengelernt hat, weil man seine eigenen Überzeugungen überprüft hat und weil man meist etwas gelernt hat. Im Kleinen könnte so eine Runde das sein, was zu Zeiten der Griechen die Agora war: der Ort, an dem sich die Diskutanten trafen und verbal die Klingen kreuzten, wo den größten Beifall jener erhielt, der am geschliffensten argumentierte.

Der Traum vom großen Forum

So ungefähr stellte ich mir dereinst auch das Internet vor: als ein großes Forum, in dem jeder seine Meinung sagen kann, falsche Nachrichten in Sekunden überprüft werden und sich am Ende das vernünftigste Argument durchsetzt.

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Der große Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hatte das den herrschaftsfreien Diskurs genannt. Den Ort, an dem alle sprechen können und niemand unterdrückt und manipuliert. Der Ort, an dem Orientierung entsteht, allein basierend auf der Klugheit des Geistes.

Mehr Fluch als Segen

Gut, ich gebe zu: Das war eine super-naive Vorstellung. Ein Traum. Doch dass aus diesem Traum ein Alptraum werden würde, das hatte ich nun auch wieder nicht erwartet.
Denn dieses Internet ist heute zunehmend mehr Fluch als Segen. Weil es viel zu oft nicht klug ist, sondern marktschreierisch. Weil nicht nur richtige Fakten Platz haben, sondern immer mehr bewusst falsche. Weil es komplizierte Sachverhalte auf 30 Sekunden-Reels verkürzt und den Menschen vorgaukelt, dass darin die Wahrheit erzählt würde.Und weil die Menschen diesen Unsinn dann auch noch glauben.
Die Bereitschaft, offensichtlich Falsches und Verzerrtes als Wahrheit zu nehmen, ist dabei das Kernproblem. Propaganda und Manipulationen gibt es, seit es Menschen gibt. Doch noch nie zuvor war es so einfach, sich mit seinen eigenen Verzerrungen im Recht zu fühlen. Weil es noch nie so einfach war, Claqueure zu finden, die einem applaudieren.

Empörungsmaschine Internet

Erkannt ist dieses Problem schon seit geraumer Zeit. Der Diskurs verkommt, die Debatte versiegt. Und wenn es Parteien gelingt, alleine mit steilen Thesen, die massenhaft in Kurzvideos verbreitet werden, Wahlen zu gewinnen, dann ist klar, wie akut die Lage ist. Die liberale Demokratie, in der wir zur Zeit noch leben dürfen, fußt auf der Idee der Agora. Die Empörungsmaschine Internet aber ist ihr Gegenteil. Sie pfeift auf das durchdachte Argument.
Ja - Scharlatane, Autokraten und Populisten hat es schon immer gegeben. Aber noch nie war es für sie so einfach, ihre Ansichten zu verbreiten. Um die liberale Demokratie zu schützen, muss dieses digitale Einfallstor daher besser kontrolliert werden. Damit der offene Diskurs eines Tages nicht nur noch am Wohnzimmertisch stattfindet.

Markus Ziener ist Autor, Journalist und Hochschulprofessor in Berlin. Er war Korrespondent in Moskau und Washington und berichtete mehrere Jahre aus dem Mittleren Osten.

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