Initiative "Sangerhausen nimmt Rücksicht"

    Die stille Mehrheit stärken gegen laute "Querdenker"

    08:20 Minuten
    Am Marktplatz von Sangerhausen stehen Fachwerkhäuser dicht beieinander. Der Altstadtkern steht unter Denkmalschutz und enthält eine in großen Teilen geschlossene Bebauung aus dem 15. bis 18. Jahrhundert.
    Fachwerkhäuser prägen die Altstadt von Sangerhausen im Südharz. An zwei Tagen der Woche demonstrieren "Querdenker" auf dem Markplatz. © picture-alliance / dpa Zentralbild / Jan Woitas
    Von Anh Tran · 25.10.2021
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    Am Streit um Corona zerbrechen Freundschaften: In Sangerhausen im Südharz demonstrieren "Querdenker" regelmäßig gegen die Hygienemaßnahmen. Karoline Spröte will die Spaltung der Stadtgesellschaft nicht hinnehmen. Mit einer Initiative hält sie dagegen.
    Sangerhausen liegt im Landkreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt. Die Kleinstadt ist bekannt für ihre Bergbau-Tradition und ihr blumenreiches Europa-Rosarium. Seit einiger Zeit treffen sich auf dem kleinen Marktplatz von Sangerhausen aber auch regelmäßig Menschen, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Das Ganze findet nicht immer geräuschlos statt. Unter dem Motto "Sangerhausen nimmt Rücksicht" hält eine Initiative dagegen. Sie will zeigen, dass es auch andere Haltungen in der Stadt gibt.

    Proteste gegen Corona-Schutzmaßnahmen

    Ein Facebook-Video vom 24. Mai dieses Jahres zeigt, wie eine Situation während einer Demonstration in Sangerhausen gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen eskaliert: Ein Polizist fordert einen Demonstranten mehrmals auf, Abstand zu halten. Der Demonstrant kommt der Forderung nicht nach, wird von zwei Polizisten zu Boden gebracht. Schreie.
    Karoline Spröte erkennt ihre Heimat Sangerhausen im Landkreis Mansfeld-Südharz in diesem Moment nicht wieder: "So will ich nicht leben in meiner Stadt", sagt sie. Spröte war damals auch vor Ort, aber auf der anderen Seite. Um zu zeigen, dass hier nicht alle gegen die Hygienemaßnahmen sind, hat sie die Initiative "Sangerhausen nimmt Rücksicht" mitgegründet: "Viele kommen dann immer zu mir: 'Karo! Du auch hier!' Und ich dann: 'Nein, stopp! Ich bin hier, weil ich sehen will: Wer ist hier noch? Ich bin nicht hier, weil ich eure Meinung oder euer Denken unterstütze.'"

    Montags und freitags Demonstrationen

    Montags und freitags finden die Demonstrationen statt, mitten im Herz der traditionsreichen Bergbaustadt mit ihrer 1000-jährigen Geschichte. "Das ist das Corpus Delicti", sagt Spröte. "Hier treffen sie sich. Vor diesem schönen Brunnen wird dann immer wieder eine kleine Bühne aufgebaut. Wir stehen meistens genau hier."
    Karoline Spröte, die Frau mit den rotblonden Locken und dem breiten, freundlichen Dialekt ist in Sangerhausen geboren, wollte nie weg. Sie kennt hier jede Ecke, sie grüßt in Friseurläden hinein, in den Backshop oder einfach auf der Straße. "Ich bin ein bekannter Hund", sagt sie.
    Das liegt auch an ihrem Engagement für ihre Heimat. Das hat damit angefangen, als sie mit dem Bündnis "Sangerhausen bleibt bunt" Rechtsrock-Konzerte blockiert hat. Für die Linke sitzt sie im Stadtrat.

    "Das ging schon bei den Geflüchteten los"

    Zum Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs 2015 setzt sie sich mit dem Bündnis für die Integration der Menschen ein. Auch damals sei die Stimmung angespannt gewesen, sagt Spröte: "Das ging schon bei den Geflüchteten los. Damals, als die Menschen mit Migrationshintergrund hier kamen, habe ich wirklich gute Freunde gehabt, die beste Freunde waren und sich heute nicht mehr grüßen", berichtet sie. "Darüber ist die Freundschaft zerbrochen. Darüber haben die sich so entzweit, dass heute keine gemeinsame Basis mehr vorhanden ist. - Das hat Corona auch geschafft."
    Spröte spricht von zwei Lagern, die sich in Sangerhausen gegenüberstehen: "Wir trennen uns in das Lager der lauten Demonstranten und das Lager der Stillschweigenden, die es eben akzeptieren und die Maßnahmen mittragen und sagen: Wir müssen jetzt solidarisch sein, wir müssen Rücksicht nehmen. Aber wir waren leise. Wir waren immer noch die Mehrheit, aber wir waren die leise Mehrheit."
    Und an diese leise Mehrheit will sie ran: Die Stillen, die sich gegenüber dem lauten Protest nicht heraustrauen. Deswegen hat sie zusammen mit anderen Engagierten die Initiative "Sangerhausen nimmt Rücksicht" ins Leben gerufen.

    Sticker und Plakate für gemeinsames Engagement

    Mit blauen Stickern, Buttons und Plakaten, auf denen eine Person mit Mund-Nase-Schutz abgebildet ist, können Bürgerinnen und Bürger der Stadt zum Ausdruck bringen, dass sie die Hygiene-Maßnahmen mittragen, ohne ihre Stimme zu erheben: "Wir wollen nicht immer 'gegen' sein", sagt Spröte. "Die sind auch 'gegen'. Wo sind wir da anders? Wo sind wir da besser? Wir wollen 'für': Wir sind für Menschen. Wir sind für Demokratie. Wir sind für Anderssein. Wir sind für Gemeinsamkeit."
    Es geht Spröte darum, in die Gesellschaft zu wirken, möglichst viele Menschen zu erreichen – und wenn es nur kleine Aktionen sind: "Ich erwarte von keinem, dass er hier wie ich acht Stunden lang der Sache hinterherrennen muss. Wenn sich jemand findet, der sagt: Zwei Plakate nehme ich mit, eins häng' ich da hin, eins dahin – Perfekt!"
    Auch einige Einzelhändler beteiligen sich, haben Plakate in ihren Schaufenstern ausgestellt. Darauf zu finden ist ein QR-Code fürs Handy. "Wenn Sie den hier einscannen, dann bekommen Sie Informationen zu der ganzen Aktion", erläutert Spröte. Zu finden ist dort, wofür die Initiative steht, ein Kontaktformular, um selbst ein Plakat anzufordern, auch die Namen von Unterstützerinnen und Unterstützern der Initiative stehen auf der Website - darunter der Bürgermeister, die Pfarrgemeinschaft und die Arbeiterwohlfahrt.

    Manche bekennen sich nun mit Buttons

    Karoline Spröte freut sich über die breite Unterstützung: "Ich merke in dem Sinne, dass es was bewirkt, dass man positives Feedback erhält. Also dass man sogar von Menschen angesprochen wird, bei denen man sich gar nicht so sicher war, wie stehen die jetzt eigentlich zu der Sache und die jetzt fragen: 'Bringst du mir so einen Button mit? Ich möchte so einen Button an meiner Tasche tragen!' und ich mir denke: 'Oh ja, gerne. Ja.'"
    Sie weiß aber auch, dass sich der aktive Kern der Initiative nur aus wenigen Ehrenamtlern speist: "Wir sind nicht viele. Also, die fünfzig Aktiven hier in der Stadt sind in allen möglichen Vereinen aktiv: im Geschichtsverein, im Spenglermuseum, bei 'Sangerhausen bleibt bunt' – es sind immer dieselben."
    Bisher reicht der harte Kern, um die Zivilgesellschaft lebendig zu halten, aber das Ehrenamt nagt auch manchmal an der zierlichen Frau, die gleichzeitig hauptberuflich als Integrations-Koordinatorin für die Stadt arbeitet und Mutter von zwei Kindern ist: "Ich bin müde. Ich geh heute nicht mehr in einen offenen Schlagabtausch, in ein offenes Wortgefecht rein."

    "Querdenker" hier, "Schlafschafe" da

    In einer Kleinstadt wie Sangerhausen mit seinen rund 25.000 Einwohnerinnen und Einwohnern kennt man sich, kann sich nicht aus dem Weg gehen, sind Brüche zwischen Menschen deutlicher: "Gibt's Leute, die nicht mehr mit mir reden? Natürlich", sagt Spröte. "Es gab eine ganze Zeit lang, als Corona angefangen hat, Menschen, die versucht haben, uns 'Schlafschafe' zu bekehren. So werden wir ja genannt von 'Querdenkern'. Alle die, die nicht auf dieses Pferd aufspringen, sind ja 'Schlafschafe'."
    Deswegen bietet die Initiative seit neuestem auch Workshops an, in Kooperation mit der Bildungs- und Beratungsstelle für Demokratie, Recht und Freiheit MOSAIK.
    Mosaik setzt sich für die Prävention von politisch motiviertem Extremismus und Militanz ein. Der erste Workshop hat bereits online stattgefunden. Thema: Wie funktionieren eigentlich Verschwörungstheorien? In einem geschützten Rahmen informieren sich die Teilnehmenden über Inhalte und Hintergründe aktueller Verschwörungserzählungen.

    Gegen eine geteilte Stadtgesellschaft

    Nur zwölf Personen haben sich diesmal angemeldet. Richtig geärgert habe sie sich im ersten Moment, sagt Karoline Spröte. Da organisiert sie extra für Sangerhausen eine Veranstaltung mit einem Experten aus Berlin und dann kommen nur so wenige. Mittlerweile nimmt sie es aber sportlich: "Die zwölf Mann, die da sind, sind wieder zwölf, die es als Multiplikatoren weitertragen. Man kann eben nicht von hundert Menschen ausgehen, dafür ist Sangerhausen doch wieder zu klein."
    Vielleicht kommen zur nächsten Präsenzveranstaltung im November auch noch ein paar mehr Leute. Dann wird es darum gehen, mit welchen Argumenten man Verschwörungserzählungen am besten begegnet. Auf den Workshop freut sich Spröte besonders: "Ich erhoffe mir schon einen neuen Umgang oder eine neue Erkenntnis in meinem Kopf, wie man vielleicht auch wieder das Gespräch zueinander findet", blickt sie voraus. "Das kann ja nicht sein. Ich will nicht diese Gesellschaft, die in A und B geteilt ist, sondern ich will, dass wir eine Gesellschaft sind."
    Das ist ihr Antrieb: "Ich könnte weniger machen, würde mir vielleicht hier und da mal guttun. Andererseits, nee, ich kann nicht anders."
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