"Querdenker"-Demonstration

    Die neue Masche der Verschwörungstheoretiker

    10:33 Minuten
    Einsatzkräfte der Polizei versperren Teilnehmern einer Demonstration in der Innenstadt den Weg. Unter dem Motto "Es reicht!" beteiligen sich zahlreiche Menschen an einem Protest gegen die aktuelle Corona-Politik.
    In Stuttgart haben die Einsatzkräfte der Polizei bereits mehrere "Querdenker"-Demonstrationen erlebt, wie hier im März. © picture-alliance / dpa/ Christoph Schmidt
    Katharina Nocun im Gespräch mit Dieter Kassel  · 03.04.2021
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    Die "Querdenker" mobilisieren vermehrt analog. Damit wollen sie sich Faktenchecks und Löschungen auf Social Media entziehen, sagt die Publizistin Katharina Nocun. Zu Demonstrationen in Stuttgart gab es automatisierte Aufrufe per Telefon.
    In Stuttgart versammeln sich heute tausende Demonstranten der Protestbewegung "Querdenken" gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Der Initiator Michael Ballweg sprach von einem "Saisonauftakt", mit dem auch der erste Geburtstag seiner Initiative begangen werden soll. Die Polizei rüstet sich mit einigen hundert Beamten für mehrere Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen und geplante Gegenproteste in Stuttgart.
    "Es handelt sich da aus meiner Sicht ganz klar um eine verschwörungspolitische Gruppierung", sagt die Bürgerrechtlerin und Publizistin Katharina Nocun.
    Es gehe nicht nur darum, über Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung zu sprechen, sondern es würden sehr weitgehende Falschaussagen verbreitet. Es werde behauptet, das Virus sei nicht so gefährlich oder dass Wissenschaft und Politik Informationen unterdrückten. "Da gibt es eben dieses Bild, hinter allem stecke eine große Verschwörung."

    Demo-Aufruf per Telefon

    2020 seien in Deutschland zahlreiche lokale Gruppen entstanden, die eigenständige Aktionen vor Ort organisierten, sagt Nocun. Sie seien gut miteinander vernetzt. "Bei so großen Events, wie jetzt in Stuttgart, wird dann gesagt: Komm, lass uns da gemeinsam hinfahren."
    In Stuttgart habe es jetzt eine neue Masche gegeben: Unbekannte hätten über ein automatisiertes System offenbar tausende Menschen im Raum Stuttgart angerufen und eine Bandansage mit einem Demonstrationsaufruf abgespielt.

    Flucht ins Analoge wegen Faktenchecks

    Bundesweit sei immer stärker eine "Flucht ins Analoge" zu beobachten. Es werde dazu aufgerufen, auf Demonstrationen Flyer zu verteilen oder zu plakatieren, sagt Katharina Nocun. Der Grund sei ihrer Ansicht nach, dass viele digitale Plattformen dazu übergegangen seien, Inhalte mit Faktenchecks zu versehen oder diese sogar zu entfernen.
    Das Problem sei, dass solche Flyer gerade ältere Menschen sehr verunsichern könnten. Dort werde beispielsweise behauptet, dass Nebenwirkungen von Impfungen sehr gefährlich seien. Die großen Online-Plattformen seien zwar ebenfalls weiterhin wichtig, weil die Bewegung dort neue Kontakte knüpfen könnte. Dort treten deren Protagonisten aber vergleichsweise weichgespült auf.

    Hass und Mordaufrufe bei Telegram

    In internen Foren wie beim Messenger-Dienst Telegram würden hingegen sehr radikale Inhalte verbreitet. Einige riefen dort offen dazu auf, Politiker, Wissenschaftler und Journalisten zu ermorden. "Man fantasiert von Bürgerkrieg und Kriegsgerichten und davon, Leute an die Wand zu stellen."
    Solche Leute würden in den eigenen Reihen geduldet und nicht ausgegrenzt. Auch offener Antisemitismus spiele dabei eine Rolle.

    Das große Problem sei, dass solcher Hass dann auch auf der Straße sichtbar werde. "Bei vielen 'Querdenken'-Demos kam es zu massiven Angriffen gegen Pressevertreter und das ist ein großes Problem – großer Respekt für alle, die heute von den Demos berichten."
    (gem)

    Katharina Nocun und Pia Lamberty: "Fake Facts"
    Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen
    Quadriga Verlag 2020, 352 Seiten, 19,90 Euro

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