Buch über die "Querdenker"

    Die einfachen Antworten der Egomanen

    08:24 Minuten
    Ein Mann trägt auf einer Demonstration der Initiative „Querdenken“ ein T-Shirt mit der Aufschrift 'Getestet, Geimpft, Genesen, Gesund'".
    "Querdenker"-Demo in Karlsruhe: Mit Fakten erreicht man die Menschen kaum noch, sagt Andreas Speit. © picture alliance / dpa / Christoph Schmidt
    Andreas Speit im Gespräch mit Julius Stucke · 22.06.2021
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    In kurzer Zeit habe im "Querdenker"-Milieu eine Radikalisierung vor allem des alternativen Spektrums stattgefunden, sagt der Autor Andreas Speit. Mit einem Teil der Bewegung könne man dennoch ins Gespräch kommen - über die emotionale Schiene.
    Bei den "Querdenker"-Demos versammeln sich Menschen aus den unterschiedlichsten Milieus. Reichsbürger und Antisemiten sind genauso vertreten wie Esoteriker und Verschwörungstheoretiker. Das Phänomen sei historisch betrachtet eigentlich bekannt, sagt der Autor Andreas Speit: "Wir reden von Personen, die aus einer Stimmung herauskommen, aus einer Mentalität, aus einem Alternativmilieu, das wir schon Anfang des 19. Jahrhunderts erleben konnten, wo Menschen auch protestiert haben gegen die Urbanisierung, die Industrialisierung und auch schon gegen die Schulmedizin."

    Radikale Staatskritik und Verschwörungsnarrative

    Die Szene eine vor allem die Kritik am Staat und dessen Maßnahmen, sagt Speit, der ein Buch darüber geschrieben hat: "Verqueres Denken: Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus" heißt es. Allerdings habe in kurzer Zeit eine starke Radikalisierung stattgefunden, vor allem des alternativen Spektrums, so Speit. Innerhalb eines Jahres hätten sich Sprache und Auftreten geändert.
    "Das Bundesamt für Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt warnen längst vor Anschlägen auf Menschen und Objekte, wo natürlich unter anderem an Impfzentren gedacht wird." Man sollte nicht unterschätzen, dass die Szene in einem enormen Tempo von einer berechtigten Sorge und einer berechtigten Kritik "weggerutscht" und bei einer radikalen Staatskritik gelandet sei, die dann oft verwoben werde mit verschiedenen Verschwörungsnarrativen, sagt Speit.
    Die Problematik beginne, wenn bei komplexen Fragen versucht werde, einfache Antworten zu geben, erklärt Speit: "Meistens besteht dann die Gefahr, dass bestimmte Personengruppen ausgemacht und Verschwörungen herbeifantasiert werden. Im schlimmsten Fall haben wir dann wieder die Juden, die im Hintergrund die Geschicke der Welt lenken wollen. Der Punkt ist also nicht, dass kritisiert wird, sondern wie die Kritik formuliert wird, wie weit die Kritik geht." Im schlimmsten Fall werde sie dann mit Verschwörungsnarrativen begründet.

    Annäherung über Emotionen

    In seinem Buch schreibt Speit, Querdenker seien vor allem Egomanen. Auf den Demonstrationen werde viel mit Liebe argumentiert und dass man sich für die Freiheitsrechte einsetze. Dabei stehe eigentlich nur das eigene Interesse im Vordergrund und die eigene Idee, wie man sich in der Pandemie verhalten solle. "Und das wird dann konsequent durchgezogen, egal, ob damit andere Menschen gefährdet werden", sagt Speit.
    Es helfe nicht, "Querdenker" mit Fakten zu bombardieren. Die Reaktion sei dann schnell "Fake News", so Speit. "Es hilft eher, kritisch nachzufragen, wenn die Situation da ist. Wenn man eine Beziehung hat, indem man beispielsweise hinterfragt: Sag mal, warum gehst du eigentlich hin? Was sind deine wirklichen Ängste? Was sind deine Befürchtungen? Über einen emotionalen Zugang hoffen, dass man wieder ins Gespräch kommen kann. Und das, denke ich, wird bestimmt auch für ein Teil dieser Bewegung wieder möglich sein."
    (nho)

    Andreas Speit: "Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus"
    Ch. Links Verlag, Berlin 2021
    240 Seiten, 18 Euro

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