Inga Machel, "Harte Strandparty"

Maximalismus des Elends

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Buchcover des Romans "Harte Strandparty" von Inga Machel: Ein Auto im Sprung über einer Straße im Sonnenuntergang.
© Rowohlt Verlag

Inga Machel

Harte StrandpartyRowohlt Verlag, Hamburg 2026

224 Seiten

24,00 Euro

Von Sarah Elsing |
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Die drei Geschichten in Inga Machels Roman "Harte Strandparty" überzeugen durch sprachliche Kraft, überfordern jedoch gleichzeitig durch viel Drastik und Pathos. Dieses "More is more" nutzt sich schnell ab und mindert letztlich die Glaubwürdigkeit.
In der Architektur der 1980er-Jahre gab es eine Strömung, die der Maxime „More is more“ folgte. Da knallen Formen, Farben, Materialien und historische Zitate hart aufeinander. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll, und wendet sich am Ende überwältigt ab. Wäre Inga Machels Buch „Harte Strandparty“ ein Haus, müsste man es dieser Art von Maximalismus zuordnen.
Schon in ihrem Debüt „Auf den Gleisen“, das 2024 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, ließ die Autorin einen jungen Mann nach dem Suizid seines Vaters in den Berliner Drogensumpf abstürzen, wo er in einem heroinabhängigen Obdachlosen den Widergänger des Vaters zu erkennen glaubt. Nun erzählt Machel gleich drei Geschichten, in denen sich Gewalt, Schmerz, Missbrauch, Pathos und Drastik derart häufen, dass sich die Bestürzung über die Kaputtheit der Figuren bald abnutzt.

Dreckiger und mitreißender Sound

In der ersten titelgebenden Erzählung verbringt ein Mädchen, schon fast Teenie und doch noch Kind, einen trostlosen Sommer in einer zerrütteten Unterschichtsfamilie. Ihre einzige Freundin ist ein Messer. Während hier Andeutungen und Lücken nicht mehr als ein Raunen um Missbrauch und Verwahrlosung entstehen lassen, entwickelt die zweite Geschichte einen neuen Sound: dreckig und mitreißend.
Nach einem Überfall auf ein Drogenhaus begibt sich ein in die Jahre gekommener Maori auf einen Roadtrip durch Neuseeland. Im Gepäck hat er nicht nur Alkohol, Geld und Drogen, sondern auch die Leiche seines Ziehsohns, der sich bei dem Überfall selbst ins Gesicht schoss, nachdem er eine Frau und ein Baby getötet hatte.
In der dritten Geschichte schließlich wartet eine zum Tode verurteilte Frau auf ihre Hinrichtung, während eine Wärterin deren letzte Lebensstunden akribisch protokolliert. Das erinnert in Anlage und Ton zunächst an „Kaltblütig“ von Truman Capote. Doch Machel wechselt zwischen der Perspektive von Wärterin und Mörderin hin und her und kommt beiden darin erschreckend nah.

Obsessive Betrachtung von Narben

Sicher, in ihrer Reihung laufen die drei Geschichten auf das Eine hinaus: Die Hoffnung, durch das beinahe obsessive Betrachten der Narbe den Ursprung der Wunde zu finden. Doch allein die Wiederkehr von Motiven (Messer, Missbrauch, Selbstmord, Strand und Mord) und ihr Widerhall in einem Resonanzraum gesellschaftlicher, kolonialer und patriarchaler Unterdrückung machen aus drei disparaten Erzählungen noch keinen Roman.
Inga Machel hat die sprachlichen Mittel, diese verschiedenen Perspektiven und Schicksale literarisch zu gestalten. Gerade die zweite Erzählung um den zerstörten Maori hat Drive und in der Spiegelung von Wärterin und zum Tode verurteilter Mörderin dringt die Autorin endlich auch in etwas komplexere psychologische Schichten ein. Aber muss die zur Tatzeit jugendliche Mörderin, mutmaßlich Tochter mexikanischer Einwanderer, als Baby in einer Mülltonne gefunden werden? Muss ihre leibliche Mutter sich mit neunzehn aus dem Fenster eines Kirchturms gestürzt haben, nachdem ihr Onkel sie zum dritten Mal geschwängert hat?
Solche Fälle wird es geben. Nur leider ist die Realität oft zu krass, als dass sie sich glaubhaft und effektvoll in Literatur verwandeln ließe. So erreicht die Autorin mit ihrem von Drastik und Pathos zusammengehaltenen „More is more“ genau das Gegenteil dessen, was offensichtlich ihr Anliegen war: das Lesepublikum für Machtstrukturen zu sensibilisieren, die Menschen auf so vielfältige und grausame Art beschädigen und zerstören, dass sie selbst zu morden beginnen – und sei es sich selbst.
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