Identitätspolitik und Klassismus

    Sie sagen Klasse, aber sie meinen es nicht so

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    Illustration einer Gruppe von jungen, demonstrierenden Menschen mit leeren, unausgefüllten Plakaten und Smartphones in ihren Händen.
    Mit mehr Respekt und Sprachkosmetik ist sozial Schwachen nicht geholfen, sagt der Journalist Arno Frank. © imago / Ikon Images / Mart Klein
    Ein Einwurf von Arno Frank · 11.05.2021
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    Der Klassismus, die Benachteiligung wegen sozialer Herkunft, gehört nicht auf die identitätspolitische Agenda, meint Arno Frank. Denn während andere Minderheiten Anerkennung für das wollen, was sie sind, wollen Arme genau das nicht: arm bleiben.
    Treffen sich eine Marxistin und ein Vertreter der Identitätspolitik, also eine Linke der ganz alten und ein Linker der ganz neuen Schule. Sagt der Identitätspolitiker: "Gender!". Darauf die Marxistin: "Klasse". Der Identitätspolitiker: "Gender und Rasse!", worauf die Marxistin erwidert: "Klasse und Klasse". Der Anhänger der Identitätspolitik unternimmt einen letzten Anlauf: "Gender, Rasse, Sexualität, Herkunft, Behinderung!"
    Die Marxistin antwortet: "Klasse, Klasse, Klasse, Klasse, Klasse".
    Neuerdings sagt auch der Identitätspolitiker "Klasse", aber er meint es nicht so. Bei ihm klingt es nicht nach Klassenkampf, Streik oder Sozialismus. Er nennt es Klassismus und macht daraus eine systematische Benachteiligung unter vielen anderen. Es ist die alte "soziale Frage" in neuem Gewand.

    Klassismus ist nicht nur ein Modebegriff

    Dabei ist Klassismus mehr als ein Modebegriff. Er ist älter als das "Kommunistische Manifest" und älter sogar als sein noch hässlicherer Cousin, der Rassismus. Klassismus bezeichnet Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft, aber auch aufgrund der aktuellen sozialen und ökonomischen Position eines Menschen.
    Hochkommen ist schwer. Sei es, weil das Mädchen aus der Hartz-IV-Familie keine Empfehlung für das Gymnasium bekommt. Sei es, weil der Junge aus der Hochhaussiedlung nicht das Selbstbewusstsein aufbringt, das Kindern aus der Villengegend bereits in die Wiege gelegt ist. Es ist ein Unterschied, ob man zwischen Büchern oder vor dem Fernseher aufwächst.

    Das lebenslange Gefühl, ein Hochstapler zu sein

    Selbst wer den Aufstieg aus den bildungsfernen Schichten geschafft hat, aus der wirtschaftlichen und geistigen Armut, kommt nur selten wirklich an. Weit verbreitet ist hier das Hochstaplersyndrom – das Gefühl, das bessere Leben nicht wirklich verdient zu haben, und die Furcht, als Emporkömmling entlarvt zu werden.
    Selbst wenn die Fesseln der Herkunft abgestreift sind, bleiben die Schwielen ein Leben lang erhalten. An ihnen erkennt man doch, woher einer kommt – und sei es auch nur daran, dass er seinen Dialekt nicht abgelegt hat oder sie ein Brotmesser nicht von einem Kaviarmesser unterscheiden kann. Der französische Philosoph Pierre Bourdieu sprach von den "feinen Unterschieden", die kaum erlernen kann, wer sie nicht als Erbe zugeteilt bekommen hat.
    Diese Unterschiede sind gemacht - und die sind gewollt. Mit ihnen dichten sich oberere Klassen zuverlässig nach unten ab. Wer hat, dem wird gegeben. Wer nichts hat, hat eben Pech gehabt.

    Sprachkosmetik löst das Problem nicht

    Was zu tun wäre, liegt auf der Hand. Aufstieg sollte keine Frage von Herkunft oder Geldbeutel sein, sondern von Neigung und Leistung. Es ist vielleicht das zentrale Versprechen unserer Gesellschaft, das noch auf Einlösung wartet. Je durchlässiger eine Gesellschaft, umso besser für ihre Stabilität. Es bräuchte ein Schulwesen, das nicht selektiert, und eine Universität, die wirklich universell ist. Es bräuchte faire Löhne auch für Berufe, deren Prestige nur gering ist. Es bräuchte eine Gesellschaft, die nicht Klassengesellschaft ist – oder sich diesen Umstand wenigstens eingesteht.
    Hier setzt der Begriff des Klassismus an. Ganz unten, wo’s nicht weh tut und nichts kostet. Da geht es dann bequemerweise nicht um Umverteilung oder Chancengleichheit, sondern um Sprache, um freundlichen Umgang miteinander, so wie man anständigerweise auch nichts Rassistisches oder Homophobes sagt. Dann wird, statt rüde von "armen Menschen" zu reden, lieber freundlich von "Einkommensschwachen" oder "sozial Benachteiligten" gesprochen. Sprachkosmetik, die den Gegensatz der Klassen einebnet, ohne den Betroffenen wirklich zu helfen.

    Sozial Schwache wollen Veränderung, nicht Anerkennung

    Das ist der kategoriale Unterschied zwischen Klassismus einerseits und Sexismus, Homophobie oder Rassismus andererseits. Die davon Betroffenen wollen in ihrer Identität anerkannt und der Mehrheit gleichgestellt werden. Wer aber arm ist, der möchte das nicht bleiben.
    Es ist schon okay, den Klassismus anzuprangern. Die Marxistin würde leise hinzufügen: "Klassenkampf".

    Arno Frank, Jahrgang 1971, hat in Marburg und München Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Von 1999 bis 2011 war er bei der Tageszeitung "taz" in verschiedenen Funktionen tätig – zuletzt als Ressortleiter des von ihm mitgegründeten Gesellschaftsteils. Seit 2011 schreibt er als freier Autor für verschiedene Medien. 2017 erschien bei Klett-Cotta sein Debütroman "So, und jetzt kommst du". Zuletzt veröffentlichte er einen Beitrag in dem Sammelband "Klasse und Kampf", in dem es u.a. um soziale Herkunft und Diskriminierung geht.

    Der Autor, Publizist und Journalist Arno Frank
    © picture alliance / ROPI / Anna Weise
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