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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.07.2017

Hörbuch "Es ist schon ein selbstmörderisches Gewerbe"Aus dem Leben zweier Vollblut-Autoren

Von Andi Hörmann

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Arno Schmidt (dpa)
Der Schriftsteller Arno Schmidt (dpa)

Arno Schmidt pflegte bis zu seinem Tod eine rege Brieffreundschaft mit Hans Wollschläger. Aus dieser über zehnjährigen Schriftsteller-Korrespondenz hat der Literaturwissenschaftler Walter Gödden nun eine vereinnahmende Hörcollage gemacht.

Ba-bum-da-dum, ein Jazz-Schlagzeug im pulsierenden Beat, konterkariert mit dem Blättern von Buchseiten. Die Musik spricht Bände: Der rastlose Literat, die leidende Künstlerexistenz.

"Ich hörte einiges Neues von Alfred Andersch, der vorgestern hier durchflog. Auch er war total down. Auch er hatte ein neues Buch eben vollendet. Auch er jagte fieberhaft nach Entspannung. Wir haben Einander gegenüber gesessen und nach Kräften mit den Ohren geschlackert. Es ist schon ein selbstmörderisches Gewerbe."

Wie aufreibend das Gewerbe der Schriftsteller im Deutschland der 1970er-Jahre war, schildert eindringlich der Briefwechsel von Arno Schmidt und Hans Wollschläger: Es ist Zeitdokument und Persönlichkeitsporträt und liefert tiefe Einblicke in Leben und Wirken dieser zweier Vollblut-Autoren. Schmidt - weltberühmt für seine kulturpessimistischen Sprach-Experimente mit dem epochalen Hauptwerke "Zettels Traum". Wollschläger - viel gerühmter Joyce-Experte, Ulysses-Übersetzer und Karl-May-Biograf.

- "Beim Lesen der Briefe hat man den Eindruck, als lieferten sich beide Autoren einen regelrechten Wettstreit an Geistesblitzen und Originalität. Leicht verständlich."
- "Weil?"
- "Weil Wollschläger einer der besten Essayisten deutscher Zunge ist. Er wollte sein Licht nicht unter den Scheffel stellen."
- "Oh, in der Tat, ein Feuerwerk brillanter Formulierungen."
- "Rundum lesens- und hörenswert."
- "Also dann, schauen wir uns diesen Fall mal genauer an…"

Zehn Jahre, mehrere hundert Seiten

Bis zu Arno Schmidts Tod 1979 pflegten die beiden eine rege Brieffreundschaft - mehr als zehn Jahre lang, mehrere hundert Seiten lang, vollständig erhalten. Der Literaturwissenschaftler und Leiter des Museums für Westfälische Literatur Walter Gödden hat daraus nun diese einstündige Hörcollage gemacht.

 -"Eine Hommage also?"
- "Wird man so sagen können."
- "Und wir sind zum Gespräch geladen?"
- "Eine Inszenierung natürlich."

Und diese Inszenierung ist so einfach wie vereinnahmend: Zwei literaturinteressierte Männer sitzen sich wie in einem Hörfunkstudio gegenüber und schlüpfen in die Rolle der diskutierten Schriftsteller - und zwar über den Kunstgriff einer Art Gegensprechanlage, die die Aufnahmeregie mit dem Aufnahmeraum verbindet.

"Ich habe bei der Reinschrift die besten Erfahrungen mit leichten Schlaftabletten gemacht, am Tage genommen. Da ergibt sich eine unschätzbare, leichte, müde Helligkeit…"

Hörcollage mit dem richtigen Atem

Der 1973 geborene Schauspieler Carsten Bender übernimmt dabei in zögerlich-junger Manier die Rolle von Hans Wollschläger. Arno Schmidt verkörpert der großartige Thomas Thieme in schnaubender Großväterlichkeit.

"Schmidt griff gerne zum Schnäpschen, bevorzugt zum Münsterländer Korn übrigens. Nicht, um sich zu betrinken, sondern um den Gedankenstrom gelenkig zu machen …"

Dazu die Musik des  Musiker Matthias Hirzel. Er hat für diese Hörcollage den richtigen akustischen Ton gefunden: Kurze Sequenzen von Jazz-Schlagzeug-Motiven, die die acht Kapitel der Inszenierung strukturieren. Klar definiert wie die Reinschrift eines Textes. Und doch sind die Aufnahmen auch mit Nebengeräuschen aus dem Studio bearbeitet: Das gibt diesem Literaturdialog den nötigen Atem.

"Gönnen wir uns erst mal ein Päuschen."

Eine einfache, aber sehr schöne Hörcollage - so gelungen wie überzeugend.

Arno Schmidt und Hans Wollschläger: "Es ist schon ein selbstmörderisches Gewerbe"
Buch & Regie: Hörcollage von Walter Gödden
Eine Produktion der Nyland-Stiftung im Rahmen der "Hörbibliothek Nyland"
Musik: Matthias Hirzel
Aisthesis Verlag 2017, ca. 60 min, 10 Euro

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