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Lesart | Beitrag vom 07.06.2021

Hörbuch "Ein anderes Land"Baldwins tabuloser Klassiker großartig gelesen

Von Tobias Wenzel

Porträt des Schriftstellers James Baldwin in Paris, ca. 1975. (imago / Leemage / Sophie Bassouls)
James Baldwin schrieb den Roman "Another Country". In Deutschland war das literarisch herausragende Werk fast vergessen. (imago / Leemage / Sophie Bassouls)

New York Ende der 1950er-Jahre: Der schwarze Jazzmusiker Rufus stürzt sich aus Verzweiflung in den Hudson River. James Baldwins Roman aus dem Jahr 1962 zeigt eine zutiefst rassistische Gesellschaft. Jetzt gibt es „Another Country“ als Hörbuch.

New York Ende der 1950er-Jahre: Der schwarze Jazzmusiker Rufus stürzt sich aus Verzweiflung in den Hudson River. James Baldwins Roman aus dem Jahr 1962 zeigt eine zutiefst rassistische Gesellschaft. Jetzt gibt es "Another Country" als Hörbuch.

Im Jahr 1962 erschien James Baldwins Roman "Another Country", die "New York Times" nannte das Buch damals "eine traurige, brillant und leidenschaftlich erzählte Geschichte".

Einigen Menschen erschien der Roman allerdings als anstößig, vorübergehend durfte das Buch zum Beispiel nicht nach Australien eingeführt werden, weil es angeblich gegen die guten Sitten verstieß.

Miriam Mandelkow hat das Buch neu übersetzt, die fast 18 Stunden verteilt auf drei CDs sind von Christian Brückner gelesen. 

Zugrunde gegangen an der rassistischen Gesellschaft

"Er ließ den Kopf sinken, als hätte ihn jemand geschlagen, und blickte ins Wasser. Es war kalt. Und das Wasser war kalt. Er war schwarz. Und das Wasser war schwarz."

Rufus nimmt sich das Leben, indem er Ende der 50er-Jahre von der George-Washington-Brücke in den Hudson River springt. Der schwarze Jazz-Schlagzeuger ist letztlich an der rassistischen Gesellschaft zugrunde gegangen. Daran lässt "Ein anderes Land", James Baldwins Roman, keinen Zweifel. 

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Hätten sie Rufus retten können, fragen sich seine Freunde und seine Schwester. Warum nur hat er seine weiße Freundin Leona vergewaltigt und ihr gemeinsames Leben zerstört?

Die beiden waren sich auf einer Party in Harlem nähergekommen. In dieser Szene deutet Baldwin mit der Beschreibung einer Discokugel raffiniert an, dass es für die Liebe eines Schwarzen und einer Weißen noch keinen Platz gibt:

"Ab und zu blickte Rufus zur Silberkugel hinauf, und immer verpasste er sich und Leona in ihrer Spiegelung."

Großartig gelesen von Christian Brückner

Christian Brückner liest dieses Hörbuch großartig. Er hat auch das richtige Gespür dafür, wann er sich selbst zurücknehmen muss, um den ohnehin schon starken Text einfach wirken zu lassen.

Erschütternd die Szene, in der sich der hungrige Rufus von einem weißen Mann ein Sandwich bezahlen lässt, wohl wissend, dass der dafür Sex mit ihm haben will.

Die meisten weißen Figuren verschließen die Augen vor dem Rassismus oder spielen ihn herunter, einige Figuren belügen sich auch selbst, indem sie etwa ihre eigene Bisexualität verdrängen oder sich ihre heterosexuelle Beziehung schönreden.

Cass, eine Freundin von Rufus, gesteht dann aber ihrem Mann Richard eine Affäre mit dem bisexuellen Schauspieler Eric.

"Das ist nicht wahr! Ich glaube dir nicht! Wieso Eric? Wieso bist du zu ihm gegangen?"
"Er hat was … etwas, das ich dringend brauchte."
"Und was, Cass?"
"Ein Selbstgefühl. Er weiß, wer er ist."

Die Selbsterkenntnis als Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichbehandelt werden, für ein "anderes Land", von dem auch Autor James Baldwin träumte. 

Baldwin in Deutschland lang vergessen

Baldwin schrieb diesen Roman teilweise im französischen Exil, weil er es als Schwarzer in den USA schlicht nicht mehr ausgehalten hatte, kehrte aber zurück, um vor Ort über Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung schreiben zu können.

In Zeiten von #BlackLivesMatter trifft einen dieses Hörbuch mit einer noch unerhörteren Wucht. Auch fragt man sich: Wieso nur waren die literarisch herausragenden Werke Baldwins in Deutschland so lange fast vergessen? Wieso der Roman "Ein anderes Land", in dem es dem Autor etwa gelang, im Solo eines schwarzen Jazz-Saxofonisten einzufangen, was Rassismus in den Seelen der Menschen anrichtet:

"Breitbeinig stand er da mit seinen paarundzwanzig Jahren, zitternd in seinen Klamotten, und trieb es mit der Luft, blies seine breite Brust auf und brüllte durchs Saxofon: ‚Liebt ihr mich? Liebt ihr mich? Liebt ihr mich?‘

Das jedenfalls war die Frage, die Rufus hörte, der immer gleiche Satz, unerträglich, unendlich, in etlichen Variationen, die in dem jungen Mann steckte. [...] Die Zuhörer wurden attackiert von einem Saxofonisten, der ihre Liebe vielleicht gar nicht mehr wollte und ihnen nur noch seinen Zorn entgegenschleuderte, mit demselben verächtlichen Stolz, mit dem er die Luft bestieg. Und doch war die Frage furchtbar und echt: ‚Liebt ihr mich? Liebt ihr mich? Liebt ihr mich?‘".

"Ein anderes Land" liefert das bedrückende Psychogramm der US-amerikanischen Gesellschaft von vor über 60 Jahren und hält zugleich uns allen den Spiegel vor.

James Baldwin: "Ein anderes Land"
Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow.
Ungekürzte Lesung von Christian Brückner
Parlando Verlag, Berlin 2021
17:56 Stunden, 29,95 Euro (UVP)

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